29. Juni 2014

"Homunkulus" Folge 6

Das Präsidium der Miliz von Rhun lag in dem alten Teil der Stadt, den man „die Gans“ nannte, nicht in ihrem Kern sondern etwas abseits, direkt an der Grenze zu den Quartieren Rhun-Zentrum und Ost-Rhun. Das Gebäude war eines jener alten Stadtburgen, auch Kastelle genannt, die seit jeher den Charakter der Hauptstadt von Vanarand geprägt hatten. Dieses hatte vor langer Zeit einmal der Familie derer von Druvaran gehört, und so nannte man das Präsidium in der Bevölkerung noch heute zumeist nur die Druvernsburg. Kantig und schroff ragte sie mit ihren abweisenden Mauern und hohen Türmen aus dem sie umgebenden, miteinander verwachsenen Durcheinander von Gebäuden unterschiedlichster Epochen hervor. 
Danaks Kutsche holperte über das Kopfsteinpflaster des dem Präsidium vorgelagerten Druvernplatzes. Sie selber holperte mit ihr und spürte so weniger das eigene Zittern. Durchgerütteltwerden war gut, die Bewegung alleine; sie hätte es kaum ausgehalten, still und steif hier im Wageninneren zu hängen, während alles in ihr kochte. Nachdem sie den Auftrag mit professioneller Ruhe zu Ende gebracht und es geschafft hatte, niemanden merken zu lassen, wie ihr vor Wut und Schmerz die Knochen gingen. 
Krieg dich in den Griff! Einigermaßen zumindest. Dem neuen Milizhauptmann erst mal den Schädel einzuschlagen war sicher kein allzu guter Anfang. 
Im Schatten der den Platz säumenden Bäume sah sie ein paar Gestalten hastig ihrer Wege ziehen. Früher einmal hatte hier zu dieser Tageszeit reges Markttreiben geherrscht, und die Miliz hatte streng darüber wachen müssen, dass zwischen all den Ständen auch die vorgeschriebene Breite der Zugangsgasse zum Milizhauptquartier eingehalten wurde. Heute reichte allein der Schatten der Druvernsburg, um das Händlervolk einen weiten Bogen um den Platz machen zu lassen.
Aus dem Kutschenfenster heraus versuchte sie, einen Blick auf die Außenfront von Kylar Banátrass Amtszimmer zu erhaschen, dort in den mittleren Stockwerken des höchsten Turmes. Auffällig genug war es ja mit dem Panoramafenster, das ihr neuer Hauptmann dort hatte einbauen lassen. Sie sah kurz die bleiche Wolkendecke gespiegelt auf dem von außen undurchsichtigen Reflex-Diaphanumglas, ein Streifen von Himmel in dem alten Mauerwerk, der sich über die ganze Ecke des Turmes hinzog. Teurer Spaß. Wahrscheinlich fühlten sich die Bürger, die das alles hatten bezahlen müssen, dadurch gleich viel beschützter und sicherer. 
Dann tauchte das Gefährt auch schon in das Dunkel des von Kolonnaden gesäumten Torweges ein. Das Klappern von Hufen und Rädern in der Durchfahrt klang Sekunden lang gedrängt und hohl in den Innenraum des Wagens hinein, dann, als werde ein Korken aus einer Flasche gezogen, weitete es sich, brach sich frei. Der Wagen fuhr in den schachtartigen Schatten des Innenhofes ein.
Danak stürzte aus der Roscha und ihr Blick fiel auf ein zweites Gefährt, das im Hof abgestellt war. Ein Mann, stumm und starr, saß in einem langen schwarzen Mantel zusammengesunken auf dem Bock, so als wäre er lediglich ein Buckel des Gefährts. Die Fenster waren mit von außen dunklem Diaphanum verglast. Früher, wenn man solche Kutschen sah, wusste man, „die Kutte“ war wieder unterwegs. Heute war Rhun nicht länger Hauptstadt der idirischen Provinz Vanareum. Die Kutte, als Geheimdienst des Idirischen Reiches, war hier im Herzen Niedernaugariens in den Untergrund gegangen und die Tracht, die ihr den Namen gab, wurde in Rhun nicht länger gesehen.
Sie wandte sich von der Kutsche ab, sah kurz mit zusammengebissenen Zähnen an der Flucht schmaler Fenster hoch, stürmte dann mit forschen, ausgreifenden Schritten in das Gebäude hinein und die Treppen hinauf. Zwei Stufen auf einmal, das kalte Lodern in ihren Eingeweiden trieb sie an. Khrival war tot. Sie wollte Antworten.
Banátrass Sekretär sah sie kommen, wollte ihr den Weg verstellten, sah dann aber den Blick in ihren Augen und ließ fahrig von seinem Vorhaben ab. Als sie die Tür von Banátrass Amtszimmer öffnete, erkannte sie, dass dieser sich gerade von einem Besucher verabschiedete. Beide blickten irritiert auf. 
Die Kutsche, sie hätte es wissen müssen.
In einer Ecke regte sich etwas, hinter einem Mauervorsprung. Ihr Blick fuhr hinüber. Dort fiel ein diffuser, indirekter Schatten aus der Nische auf den Boden. Da war noch jemand anderes im Raum. Sie erspähte kurz den Saum roten Stoffes, der hinter der Mauerkante hervorlugte.
Der Besucher bei Banátrass war Kinphaure. Es hätte nicht der Gewänder bedurft - Scharlachrot und schwarz mit fremdartigen Ornamenten als Einbrennarbeiten durchsetzt, im typischen dreiteiligen ornathaften Schnitt –; das bleiche Gesicht allein, als wären die Züge aus Knochen herausgeschnitzt, das machte seine Herkunft unverkennbar. Die Nase wölbte sich wie ein Bogen zu den scharfgeschnittenen Nüstern hin, dunkle Augen, fast schwarz, durchbohrten sie ohne sichtbare emotionale Regung.
Banátrass erkannte sie; mit einem Seitenblick zuckte seine Hand hoch, stoppte sie, zwei Finger, ein Daumen nur erhoben. Danak hielt mühsam an sich. Nur der Anblick des Kinphauren ließ sie innehalten. Und der Gedanke an die Konsequenzen, wenn sie in diesem Moment ihrem Affekt nachgab.
Sie sah also zu, wie Banátrass sich in seinem pseudo-kinphaurisch geschraubten Idirisch von seinem hohen Gast verabschiedete. Gespreizten Zinnober wie man ihn wahrscheinlich in der Liturgie des Einen Weges lernte. Zusammen mit der Wendigkeit im rechten Moment die Seiten zu wechseln, wenn es Profit brachte. Hielt sie mit dieser affektierten Geste in Schach, als sei sie sein Lakai. Nach diesem Himmelfahrtskommando. Nach dem, was geschehen war.
Sie kamen schließlich zum Ende. Es gelang ihr nur mühsam ihren Atem unter Kontrolle zu halten. Der Kinphaure schritt beiläufig an ihr vorbei, streifte sie dabei fast, als sei sie gar nicht da, würdigte sie nur des allerflüchtigsten Seitenblicks. 
Etwas trat jetzt hinter dem Mauervorsprung hervor, im Einklang mit den Schritten des Kinphauren und kam hinter ihm her auf sie zu.
Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück und aus dem Weg der Gestalt. Und konnte dabei nicht den Blick von dem nehmen, was da auf sie zukam.
Wie die eiskalte Luftwalze einer Sturmfront ging dem Wesen eine Aura von Macht und Bedrohung voran. Es war hochgewachsen. Es überragte sie um mindestens zwei Kopflängen und blickte mit einer Dämonenfratze auf sie herab, deren Konturen widernatürlich scharf gezeichnet hervortraten: hartes Schwarz, bleiches Weiß. Irgendetwas an dieser Grimasse wirkte auf unerfindliche Weise wie leicht verzerrt.
Der Rest der Gestalt war eine Säule aus Rot und Silber. Sie sah Schulterpanzerung in Blutrot, weitere leichte Panzerteile in der gleichen Farbe. Entlang der Arme blitzte Stahl, wie Schienen einer Rüstung, scharfe, gefährlich aussehende Kanten. Über all das fielen Lagen roten Stoffs, vage dem Schnitt kinphaurischer Kleidung folgend – der breite Leibgurt, die weiten Hosen, nur die khaipra, das Oberteil, war stark verändert.
Es schritt auf sie zu, auf die Tür, an der sie stand, tatsächlich wie eine gewappnete Säule aus Blut und Stahl mit den Zügen einer Dämonenmaske obenauf. Sie hatte von ihnen gehört. Doch so nah hatte Danak noch nie einen von ihnen gesehen.
Ankchorai. Ein Gewappneter. 
Er blickte auf sie herab, knapp nur. Die schwarzen Haare auf dem Schädel waren kurz, struppig, unregelmäßig, wie von Ratten abgefressen, die beiden Ohren waren deformiert, eines nur ein vernarbter Stummel, das andere hing wie ein flatternder Fetzen. Das beiläufig raubtierhafte Grinsen, der Eindruck einer Sekunde, sie wusste nicht, galt es tatsächlich ihr, oder war es nur ein Effekt in dem fremdartigen Miteinander verschlungener Ornamente und Runen der auf knochenbleicher Kinphaurenhaut auftätowierten Dämonenfratze. 
Der Ankchorai musste sich tief bücken, als er durch die Tür ging; er füllte sie mit seiner bedrohlichen Masse aus.
Als ihr Blick von dem Ankchorai in den Raum zurückkehrte, fand sie Banátrass hinter seinem Schreibtisch stehend, den feinsten Hauch eines Grinsens auf seinem Gesicht. 
„Sie haben es ziemlich eilig, sich bei mir zurückzumelden.“
Und brachte sie auch gleich wieder dazu, dass das Blut in ihr hochkochte. Sie spürte, wie ihre Augen unkontrolliert zuckten.
Er stand hinter seinem Schreibtisch in ziviler Kleidung, selbstgefällig. 
Richtig, in den Farben der Miliz, nicht seines Ordens. Immerhin. Aber ohne dazugehörendes Emblem – kein Turm mit Rhunskrone. Stattdessen Pfeil und Inaimskreuz, das Abzeichen des Einen Weges. Damit nahm man nicht gerade die Herzen im Sturm, brachte nicht die Leute der Miliz dazu, einen Ordensmann des Einen Weges als Hauptmann in die Arme zu schließen. Sie mühte sich, die Muskulatur ihres Kiefers und ihrer Schultern zu entspannen.
Den Augenblick des Schweigens nutzte er. „Warum haben sie, wenn es Ihnen so dringend war, nicht Gebrauch von ihrem Orbus gemacht. Zu diesem Zweck, haben wir ihnen diese Instrumente anvertraut.“ Grinste auch noch dabei. Entweder war der Kerl eiskalt oder tatsächlich ahnungslos, in was er sie da hineingeschickt hatte. „Gewöhnen Sie sich daran, benutzen Sie das Ding. Ihnen stehen jetzt ganz neue Möglichkeiten zur Verfügung. Machen Sie sich vertraut mit der neuen Zeit.“ 
Ihr Blick zuckte zu der silbern gefassten Kugel auf seinem Schreibtisch, ein Gegenstück zu der, die in einer Schatulle an ihrem Gürtel befestigt war. Kinphaurenzauber. Rar und begehrt. Er hatte dafür gesorgt, dass ihre Einheit damit ausgestattet wurde. 
Genauso wie jetzt hatte sie sich auch schon mit Vyrkanen, seinem Vorgänger gegenübergestanden, aber bei allem, was zwischen ihnen vorging, war immer klar gewesen, er war ihr Hauptmann gewesen, der Hauptmann der Miliz von Rhun. Und nicht der des Einen Weges oder von sonst jemandem. Halt an dich und fühl ihm auf den Zahn. 
„Instrumente der neuen Zeit. Tragen wir, ja.“ Bleib ruhig, sieh genau hin. „Aber es gibt Dinge, die sich immer noch nur auf die gute, alte Art erledigen lassen“, sagte sie. „Hauptmann Banátrass.“
„Und was sollten das für Dinge sein, Leutnant Kuidanak.“
„Deinem Hauptmann in die Augen schauen, um zu sehen, ob er dich verarscht hat. Ob er dich und deinen Kader im vollen Bewusstsein ins Messer hat laufen lassen.“
„Was?“ Banátrass stutzte, er fuhr zurück. War das ehrlich? War das nur gespielt? War das nur pikiert, weil sie ihn so direkt anging. Schwer zu sagen bei jemandem, an dem so viel Fassade ist. Schwer zu sagen, mit der Wut in ihrem Bauch. „Was lässt Sie das glauben, dass ich …“
„Vier Tote. Bei einem einzigen Einsatz. Einer davon aus meinem Kader.“ Khrival. Khrival …
Eine Augenbraue zuckte bei Banátrass hoch, der Gesichtsausdruck fror ein. „Das … Das tut mir leid. Was war das Problem?“
„Problem?“ Danak stieß es zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Das Problem war“ – Danak spürte, wie sie die Fäuste ballte, hielt sich gerade noch zurück, sie auf seinen feinen, aufgeräumten und polierten Arbeitstisch herabdonnern zu lassen um zu sehen, wie seine ganze penibel arrangierte und aufgestellte Menagerie hochsprang und durcheinander polterte – „das Problem war, dass wir es mit wesentlich mehr Mannstärke auf der Gegenseite zu tun hatten, als Sie uns haben glauben lassen.“ Sein Gesichtsausdruck fror noch um einige Grade stärker ein.
 „Das Problem war, dass wir es mit jemandem von anderem Kaliber zu tun hatten. Das Problem war, dass es nicht nur um Sturmarmbrüste ging, sondern um kinphaurische Armbrustbatterien. Und um noch etwas ganz anderes. Das Problem war, dass dieses Etwas uns angegriffen hat.“ Sie bemerkte, dass sie sich mit den Fäusten auf den Schreibtisch aufgestützt hatte, sich weit zu ihm hin darüberbeugte. „Das Problem war, dass dieses Etwas ein Kampfhomunkulus war. Ein Brannaik um genau zu sein. Der uns beinah den Arsch aufgerissen hat!“ Sie schrie Banátrass an, konnte und wollte sich nicht mehr zurückhalten. „Weil uns niemand auf so etwas vorbereitet hat! Der Korporal Khrival und einen weiteren Milizgardisten umgebracht hat! Das Problem war, dass fast nichts an den Informationen, die wir von Ihnen erhalten haben, tatsächlich stimmte! Vier Tote insgesamt, zwei Schwerverletzte. Etwas viele Probleme, meinen Sie nicht?!“

Weiter geht’s im Roman „Homunkulus“ als eBook oder als Print-Buch.


Oder auch nächstes Wochenende hier auf diesem Blog.

26. Juni 2014

Neues DSA-Artwork zu verkaufen

 

Der zweite Satz von DSA-Originalen steht jetzt zum Verkauf. Wenn ihr weitere Freunde des „Schwarzen Auges“ in eurem Bekanntenkreis habt, gebt doch bitte die Nachricht an sie weiter. Also z.B. an eure Rollenspiel- oder auch LARP-Gruppe.
Die einzelnen Illus sind in einem flickr-Album zu bewundern. Klickt man auf die jeweilige Illustration, erscheint am unteren linken Bildrand Format und Preis.
Wie immer gilt: Wer sich zuerst meldet, erhält den Zuschlag.
Einfach eine PN über Facebook oder eMail an michhorus@funkykraut.com.




6. Juni 2014

Weiteres DSA Artwork

Hier gibt's noch mehr Artwork von "Das Schwarze Auge", das zum Verkauf steht.


Illu 4 – 15x20 75€ (verkauft)
Illu 5 – 14x20 75€ (verkauft)
Illu 7 – 15x20 75€ (verkauft)


Illu 8 – 15x20 80€ (verkauft)
Illu 9 – 15x20  80€  (verkauft)
Illu 10 – 15x20 50€ (verkauft)

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Illu 14 – 15x20 50€ (verkauft)



Illu 15 – 15x20 100€ (verkauft)




























Wieder gilt, wer zuerst zuschlägt, bekommt den Zuschlag.
Einfach eine PN über Facebook oder eMail an mich.

Da ich morgen auf dem ColoniaCon bin, kann ich nicht sagen, welche Zeichnungen dort vielleicht weggehen. Alles, was aber bis heute Nacht bei mir an Bestellungen eingeht, kann als reserviert angesehen werden.

1. Juni 2014

"Homunkulus" Folge 5

Im Krieg hatte Vorna Kuidanak auch Khrival Nemarnsvad kennengelernt.
Es war in einem kleinen, dreckigen Krieg gewesen, der jetzt über den großen Auseinandersetzungen, in denen das Idirische Reich gegen den Ansturm des gewaltigen Heeres der Nichtmenschenallianz um seine Existenz kämpfte, längst in Vergessenheit geraten war.
Es war ein Feldzug im Nordwesten, in Mittelnaugarien, jenseits der Drachenrücken. Aber Krieg war Krieg, und Krieg war immer dreckig, egal, was man sich an hehren Gründen und Rechtfertigungen zurechtbastelte.
Damals war’s so:
Ein Dieb und Landräuber hatte ganz Baraun unter Kontrolle gebracht und somit den selbstzugelegten Adelstitel aufpolieren können. In seinem Größenwahn warf er gierige Blicke auf Norgond. Das war zwar eigentlich idirische Provinz, aber Idirium war weit hinter den Drachenrücken. Eine Bande von Dieben und Landräubern mit selbstzugelegten Adelstiteln aus dem benachbarten Anvergain und Balthruk, redete ihm dabei heftig zu und versprach Unterstützung. Das alte Spiel: Wir hetzen dich auf den gemeinsamen Feind, mal sehen was passiert. Gehst du unter, heimsen wir die Überreste von deinem Besitz gleich mit ein.
Eben das übliche Phalanxspiel um Macht und Territorium.
Die eigene Bande von Dieben und Landräubern in was-weiß-ich-wievielter Generation, an denen die Adelstitel mittlerweile wie Dreck festgebacken waren und die ihren hocheigenen Misthaufen mit einer Verfassung und republikanischem Schnick und Schnack bemäntelt und „das Idirische Reich“ genannt hatten, konnte natürlich nicht zulassen, dass man sich ihr Land so einfach unter den Nagel riss. Also schickten sie ihre Armee aus. Oder heuerten andere an, um die Drecksarbeit für sie zu erledigen. Niemand pinkelte da, wo die eigene Meute gepinkelt hatte.
Es ging immer um Macht und Raubtierbedürfnisse, auch wenn die Strauchdiebe sich inzwischen das Gewand der Zivilisation um die Schultern gelegt hatten.
Unterdrückung und Herrschaft wandelt sich und passt sich an. Aber der Ursprung bleibt derselbe und ihre Natur ebenfalls. Und die Verachtung.
Und von dieser Verachtung hatte sie genug in diesem Krieg gesehen.
Ihre Einheit war auf ihren Märschen im Nordwesten durch ein zerstörtes Dorf nach dem anderen gezogen. Sie sahen alle gleich aus. Nichts, woran sie erkennen konnte, auf welcher Seite der Grenze man war. Den Toten sah man auch nicht an, ob es Norgonder oder Baraunleute waren, ob man für ihre Freiheit als Bürger einer zivilisierten idirischen Provinz gefochten hatte oder gegen sie als Angehörige eines mordlüsternen, ungebildeten Barbarenvolkes. Sie sahen einfach nur tot aus.
In einem dieser Dörfer hatte sie Khrival getroffen. 
Ihre Einheit hatte nicht weit von dem Dorf ihr Lager aufgeschlagen. Dasselbe zweckmäßige idirische Standard-Feldlager wie immer, egal, wo man es auch aufschlug. Alle anderen hingen in dessen genormter Sicherheit bei Würfelspiel, Wein und Lagerfeuer ab. Sie selber hatte dieses seltsame, untergründig rumorende Gefühl im Bauch, und das hatte sie dazu gebracht, sich dem Dorf zu nähern.
Eine mächtige Eiche stand am Eingang der Ansammlung von Häusern und dünne Rauchschleier strichen wie Fahnen an ihrem weit ausgreifenden Umriss vorbei. Als sie ihren Schatten passierte, stob aus dem Dunkel des Geästs mit einer Salve peitschenden Flatterns ein Schwarm von Aasvögeln auf, der krächzend in der Weite von Rauch und Regendunst sein Heil suchte. Sie blickte hoch und sah aus der dunklen Kuppel der Krone ein Spalier makaberer Früchte herabbaumeln. Von den Ästen hing an Stricken eine Anzahl ehemaliger Dorfbewohner herab, jetzt nur noch starre Fleischbeutel, an denen die Vögel ihr grausames Mahl begonnen hatten. Wie geschlachtete, in einer Reihe aufgehängte Hühner.
Die Häuser schwelten noch, die Leichen lagen wahllos verstreut. Eine Frau lag bäuchlings mit eingeschlagenem Schädel in einem Schweinetrog, Arme und Beine baumelten zur Seite heraus. Die Leiche ihres Kindes lag von ihrem Leib halb bedeckt unter ihr. Die zum Trog gehörenden Schweine waren allesamt verschwunden; eine Armee brauchte Proviant. So blieb ihr das Nebeneinander dessen, was Schweine mit Leichen anstellen und was Menschen ihresgleichen antun, erspart.
Die Leichen lagen eingesunken und waren teilweise schon verbacken mit dem Schlamm. Der dünne Regen hatte es nur unzureichend geschafft, das Blut von ihnen wegzuwaschen. Knochen waren gebrochen, Schädel zertrümmert, egal ob Mann, ob Frau, jung oder alt. Man hatte zerschlagen, zerbrochen und zertrümmert, was vorher fühlendes Leben war, Kampf ums Dasein, Liebe und Fürsorge für die Seinen, eine Behausung aus Fleisch und Knochen für Ängste, Hoffnungen und Träume. 
Einige hatten versucht, aus den brennenden Häusern, in denen sie zunächst Zuflucht gesucht hatten, zu entkommen. Ihre Körper hingen von Spießen zerstochen und halb verkohlt aus den Fenstern heraus.
Im Krieg wurde jeder schuldig; sie hatte es erlebt. Jeder, der in einen Krieg zog, bekam Blut an seine Hände und lud etwas auf sich, was unwiderruflich in seine Seele einzog. Es gab da keine Wahl, kein Entkommen. Wenn man einmal in diesem blutigen Irrsinn war. Kein hehres Ziel hält dich davon rein.
 Denjenigen, die Kriege beschlossen und sie führten, indem sie Unmassen von Menschen zum Sterben ins Feld schickten und sie Armeen nannten, waren die sich darüber im Klaren? Mordbilder flackerten durch ihren Geist, und es kamen keine Bauern oder Soldaten darin vor, sondern lauter Gesindel mit wohlgepflegten, in feine Stoffe gekleideten Körpern. Ihre Entscheidungen, ihre Eitelkeiten und Machtspiele. Hier endete das alles. Mit einem Haufen toter Kinder. Die blutigen Früchte ihrer Verachtung. Sie spürte, dass ihre Kiefermuskeln sich verspannt hatten und ihr Mund unkontrolliert zuckte. Sie ging zurück zum Platz zwischen den Hütten.
Bei keiner der Leichen waren nennenswerte Waffen zu sehen. Nichts außer Dreschflegeln, Sensen und Knüppeln. Das hier waren keine Kämpfer gewesen, das hier waren die Leichen von Bauern. Hatten nichts anderes versucht, als sich um sich selber zu kümmern, um die täglichen Dinge des Lebens: Saat, Ernte, Kinder, harte Arbeit, Liebe, Hoffnungen. Ihr eigenes, kleines Leben, nicht das Getriebe der Welt dort draußen. Nur um die Ihren und ihre Bedürfnisse.
Niemand hatte sie beerdigt. Keiner der Drecksäcke, der zu ihrem Heil Soldaten losschickte, nahm eine Schaufel in die Hand. Ihr Dorf war nicht dem Feind in die Hände gefallen; ein Erfolg, das Territorium war gesichert. Welcher Hohn. Ob ihre Leichen jetzt vor sich hinrotteten, war nur eine Fußnote.
Grausig, aber normal im Krieg.
Über dieses Dorf war eben nur eine Partie Phalanx hinweggegangen.
Sie war die einzige Lebende, die zwischen den Häusern umherging. Sie kam sich dabei wie ein Geist vor, der diese Stätte der Gräuel heimsuchte. 
Eine Bewegung schreckte sie auf. Ihre Hand war zum Fechtspeer hin gefahren.
Es war ein Riese von einem Mann gewesen, der mit versteinertem Gesicht aus einer Seitengasse kam, in der sie selber vorhin ein paar tote Kinder entdeckt hatte, und der vom Auftauchen einer weiteren lebendigen Seele genauso überrascht worden war wie sie. Er trug einen Lederharnisch mit aufgenähten Metallteilen, Schulterschutz; keine reguläre Uniform. Nur um seinen Kopf trug er ein Stirnband mit einem Emblem. Auffällig an ihm war der Schopf dicker, verfilzter Zöpfe von der Farbe dürrer, ausgebleichter Ähren, die ihm um den Kopf baumelten. Sein Gesicht war ihr damals vorgekommen wie aus Stein gemeißelt; vielleicht kam das von den Eindrücken, die er gerade in sich aufgenommen hatte.
Seine Nasenflügel blähten sich, und er sah sie aufblickend aus toten Augen an.
Sie erinnerte sich an die Söldnerbruderschaft, die ihr Lager neben dem ihren aufgeschlagen hatte. Vom Idirischen Reich angeheuert, an einem Ort die Drecksarbeit zu erledigen, an den man nicht schnell genug ausreichend Soldaten der eigenen Armee hinschaffen konnte.
„Söldner?“, hatte sie ihn also gefragt.
„Fardische Bruderschaft“, hatte er auf sein Stirnband deutend geantwortet. So hieß die Kompanie, in der er sich damals eingeschrieben hatte.
Ihre eigene Zugehörigkeit bedurfte keiner Frage, sie war an ihrer Uniform deutlich genug zu erkennen gewesen.
Dann waren beide verstummt, hatten nur weiter erstarrt ihre Blicke in gegenläufigen Kreisen über all das Leben schweifen lassen, das hier in Dreck und Grauen geendet hatte.
„Für die hier hätten wir kämpfen sollen, nicht für die Arschlöcher in Idirium“, sagte Danak.
„Sag mir, wie das gehen soll in dieser Welt“, hatte Khrival zurückgegeben.

Als der Krieg zu Ende war, kehrte sie in ihre Heimatstadt Rhun zurück und Khrival ging mit ihr. Gemeinsam hatten sie sich dann bei der Stadtmiliz Rhun beworben und sich schließlich den Turm an den Rock geheftet.



Weiter geht’s im Roman „Homunkulus“ als eBook oder als Print-Buch.


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