31. Mai 2014

DSA-Artwork zu verkaufen!



Heute gibt es etwas Besonderes für Freunde meiner Zeichnungen und auch für Fans vom "Schwarzen Auge".
In den 90ern habe ich etliche Illustrationen für DSA gemacht. Von den meisten weiß ich nicht, wo sie erschienen; ich habe sie lediglich nach den Beschreibungen von Ulrich Kiesow übers Telefon gezeichnet.
Ich löse Teile meines Archivs auf und verkaufe die meisten davon.
Nach und nach werde ich sie hier posten.
Heute die ersten.
Die erste Illu ist bereits reserviert. Bei allen anderen gilt, wer zuerst zuschlägt, bekommt den Zuschlag.

Einfach eine PN über Facebook oder eMail an mich.

Größe und Preise:
Illu 2 – 13,5 x 18 cm 75 €
Illu 3 – 13,5 x 17 cm 75 €
Tusche auf Papier


25. Mai 2014

"Homunkulus" Folge 4

Verstreute spärliche Gruppen von Schaulustigen drückten sich in sicherer Entfernung an der Peripherie herum und sahen zu, wie die Gefangenen von der Miliz aus der Kirche herausgebracht und über das überwucherte Brachfeld zu den „Schwarzen Roschas“, den Milizkutschen mit den vergitterten Schlägen gebracht wurden.
Die Zeichen der neuen Zeit. Die Gaffer kamen nicht mehr nahe ran, aus Angst, sie könnten identifiziert werden und auf die schwarzen Listen der Besatzer geraten. Und irgendwann stand dann einmal eine Schwarze Roscha vor ihrem Haus. Dämliche Mythen. Hielten sich aber hartnäckig in der Bevölkerung. Verbreiteten sich sogar noch und wuchsen dabei an. Als ob sie für so was zuständig wären. Verdammt, sie waren Stadtmiliz. Ihr Emblem, der Turm mit der Rhunskrone, war klar und deutlich auf den Roschas zu erkennen. Ihre Aufgabe war es, auf den Straßen von Rhun für Sicherheit zu sorgen. Für blanken Terror war die Protektoratsgarde zuständig. Nicht ihr Metier. 
Danak spuckte aus, und sah auf dem Boden, dass Blut mitgekommen war, fuhr mit der Zunge auf der Suche nach der Wunde im Mund herum. Sinnlos, sie spürte gar nichts. Sie fühlte sich auch ohne äußere Blessuren einfach nur ganz und gar taub. 
Vereinzelte Rufe wurden von den entfernten Gruppen laut. Etwas von Spitzohrschergen, das Übliche. Ein, zwei Steine wurden auch geworfen. Dass ihr jemand dankend die Hand schüttelte, erwartete sie schon lange nicht mehr. Diesen Job zu machen, musste ihr Belohnung genug sein. Nichtmenschenbesatzer hin oder her, einer musste die Straßen sauber halten. Es gab schließlich noch genug normale Bürger, die mit den Kriegen und der Politik der Herrschenden nichts am Wams hatten. Und der Großteil der Bevölkerung war nach der ganzen Zeit kriegsmüde geworden. Ihnen war egal, wer die Herrschaft über das Land oder die Stadt ausübte, solange sie nur ein kleines bisschen Normalität bekamen. Solange sie nur ihr Leben, einigermaßen vor Mord und Totschlag geschützt, weiterleben konnten. Die wollten mit dem Krieg dort draußen schon lange nichts mehr zu tun haben. Die wollten nichts von angeblichen Marodeuren oder vom Widerstand hören.
Und irgendjemand musste dafür sorgen, dass diese Leute auch den Schutz bekamen, den sie brauchten, um ein einigermaßen normales Leben zu führen. Die Kerle in den Kastellen und Amtsstuben sahen nicht, was von ihren Entscheidungen unten ankam, und es war ihnen auch egal. Ein paar von den Steinen, die da geworfen wurden, würden ihnen ganz gut tun. Sie würden jedenfalls keinen Falschen treffen.
Sie wandte sich ab, weg vom Anblick der Gaffer und der Prozession der Gefangenen zu den Schwarzen Roschas hin. Die Ruine der Haikirion-Kirche ragte vor ihr auf.
Sie war eine Kultstätte des Duomnon-Mysteriums gewesen und stand am Rand einer ausgedehnten verwilderten Fläche, die in den Grenzstreifen zwischen den Quartieren Ost-Rhun und Kaiverstod hineinschnitt. Die Haikirion-Kirche war, nachdem die Kämpfe um die Stadt Rhun geendet hatten, eines der ersten Opfer von Übergriffen des Einen Wegs auf Einrichtungen des Duomnon-Mysteriums geworden. Die Anhänger der extremen Glaubensrichtung des Einen Weges waren nicht nur für das Geheimnis der Magie zu den Invasoren übergelaufen, sie hatten auch schnell ihre neugewonnene Macht zu einem Kreuzzug gegen den konkurrierenden Zweig des Inaim-Glaubens genutzt. Jetzt war die Haikirion-Kirche eine Ruine, eine ausgebrannte, zerstörte Hülle, ihre zerborstenen Mauern ragten wie schartige Zähne in den Himmel. Innen bildeten die Bruchstücke der eingestürzten Wände mit Resten der verkohlten Träger des Balkenwerks eine unüberschaubare, rußgeschwärzte Trümmerlandschaft.
 In der Bevölkerung ging der Aberglaube von den Geistern derer um, die durch die Anhänger des Einen Weges und die entfesselten Kräfte ihrer Magier getötet worden waren und die nun die Ruinen und Katakomben darunter heimsuchen sollten. Das hielt die meisten von der Kirche fern. Und die Angst, als Anhänger des Duomnon-Mysterium verdächtigt zu werden und auf die schwarzen Listen zu geraten.
Danak ging ein paar Schritte in Richtung des Gewirrs brusthoch aufschießender Wildgrasbüschel und vereinzelter knorriger Bäumen, dorthin, wo das wahre Ödland hinter der Haikirion-Kirche begann.
Kinphaurische Armbrustbatterien. Sie hatte schon davon gehört aber bisher noch nie eine mit eigenen Augen gesehen. In solchen Kriegen war sie Gott sei Dank nicht gewesen.
Diese Waffen waren von den Nichtmenschen bei ihrer Invasion, bei den erbitterten Kämpfen um den Nordwesten von Niedernaugarien eingesetzt worden. Schon vorher, in dem furchtbaren Bürgerkrieg um die Kinphaurenprovinz Kvay-Nan waren sie von den Aufständischen in jenen Schlachten eingesetzt worden, die heute sprichwörtlich für die Grauen des Krieges standen: Khuvhaurn, Khavai-Kharn, die Schlacht um die Urwaldfeste von Jhipan-Naraúk. 
Genau wie bei diesem Homunkulus. Kaum auszudenken, was man mit Armbrustbatterien in den Straßen von Rhun anrichten konnte. Hatte diese neue Bande irgendetwas Extremes damit vor? Brauchten sie sie, um ihr neues Revier oder ihr neues Hauptquartier zu sichern?
Der Hüne in dem grauen Mantel. Das war keine Bekleidung, die man in der Stadt trug. So was trug man nicht auf den Straßen; das war nicht die Kluft einer Meute. Das war etwas für die Wildnis.
Homunkuli wurden von den Kinphauren in diesem Krieg gegen die Kräfte der idirischen Seite eingesetzt. Waren das etwa welche von den Marodeuren, die den Kinphauren dort draußen im Land das Leben schwer machten? Eine Truppe, die den Kämpfen im Niemandsland entkommen und sich jetzt in der Stadt breitmachen wollte? Und dafür Waffen benötigte? So etwas wie einen von den Schlachtfeldern geborgenen Homunkulus und Armbrustbatterien? Um sich hier in Rhun zu etablieren?
Sie hatten leider keinen von denen zu packen bekommen. Von den Firnwölfen würde ihnen sicherlich keiner wichtige Informationen verraten. Die Wölfe waren straff organisiert und übten überall ihren Einfluss aus. Niemand aus ihrem Umfeld wurde zum Verräter, aus lauter Angst, was dann mit ihm oder seinen Angehörigen geschehen würde.
Von dort, wo die Häuser begannen, hörte sie erneut Rufe über das Brachfeld hallen. 
„Mörder!“
„Verräter!“
„Kinphaurenschergen!“
Der Richtung der Rufe folgend, ging ihr Blick wieder zu der Kirche hinüber, und sie sah, dass nun die Toten aus dem Gemäuer getragen wurden.
Die Toten. Ein galliger Geschmack sammelte sich in ihrem Mund und sie musste schwer schlucken, um ihn weg zu bekommen. Sie spürte, dass ihre Arme wieder anfingen zu zittern. Khrival, verdammt. Ihre Finger, verflucht, wie bei einem Junkie, ihr gingen so die Knochen, sie konnte gar nicht stillhalten.
Auf halbem Weg zum Zug ihrer Leute hinüber traf sie auf Mercer. Ihr Anblick brachte die steinerne Maske professioneller Abgebrühtheit, die er seinen Zügen aufgeprägt hatte, ein wenig zum Verschwimmen, und darunter kamen Spuren von Betroffenheit und Verwirrung zum Vorschein.
„Was war das, zur Hölle?“, fragte er kopfschüttelnd. „Das war doch kein normaler Einsatz. Das war eine Schlacht.“ Er blieb neben ihr stehen und gemeinsam schauten sie, wie je zwei Milizionäre einen Toten an Armen und Beine über das die Kirche umgebende Brachland trugen. „Hast du so etwas schon einmal erlebt?“
Chik und Histan kamen aus dem Gemäuer und trugen gemeinsam die Leiche von Khrival, aufgebahrt auf einem Deckel der beschlagnahmten Kisten.
„Ja“, antwortete Danak Mercer, „hab ich. Im Krieg.“


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18. Mai 2014

"Homunkulus" Folge 3

2

Sie waren eine aufeinander eingespielte Truppe.
Vorna Kuidanak, von allen nur Danak genannt, war der Kopf des Kaders, Ex-Soldatin, danach Stadtmiliz Rhun. Sandros Moridian, schwarzes Schaf aus alteingesessener Rhuner Familie; er schaffte es irgendwie immer wieder, über zahlreiche Kontakte an alle möglichen und unmöglichen Informationen heranzukommen. Histan Vohlt, war der Kühle, Verlässliche, der ruhende Pol ihrer Truppe; gut ihn zu haben. Mercer dagegen war ein Hitzkopf, aber er war kompetent und hatte Biss, wenn man verstand ihn im Zaum zu halten. Chik hieß eigentlich Maisaczik, sein Vorname war schlimmer, er stammte aus Bilginaum. Khrival war tot.
Sie war zu dem Platz, wo sie ihn hatte fallen sehen, zurückgegangen, und er hatte noch immer dagelegen, so unmöglich still. So wie sie ihn noch nie gesehen hatte. So einfach zur Seite gekippt.
Bleich, starr, die markanten Falten hatten nichts Lebendiges mehr, wirklich nur noch Kerben, so wie man sie auch in einem Stück Holz oder in einem Klumpen Ton hätte finden können. Sie folgten den Gesetzen unbelebter Materie. Fleisch, das es zur Erde zog. 
Eine weitere, eine tiefe, blutig rohe Kerbe zeichnete seinen Hals. Von dort war alles Leben aus ihm ausgelaufen, hatte sich mit Dreck und Staub vermischt. Der Kopf hing aber noch am Hals.
Sie stand wohl eine Weile da. Wie lange, wusste sie nicht.
Während sich in ihrem Geist eine lähmende Kälte ausbreitete. Ihr Körper, der Verräter, wollte dabei nicht aufhören zu beben, als müsse er die ganze Zeit in einem fort immer wieder und wieder brüllen und brüllen: Ich lebe noch, ich lebe noch.
Sei still, sei still, sei still: Khrival ist tot! Hast du das noch nicht begriffen? Sei still, du mieser, kalter, egoistischer Drecksack!
Das Rauschen in ihren Ohren klang laut wie Fanfarengedröhn, dabei flach wie eine Nebelwand. Dahinter wütete irgendetwas sinnlos vor sich hin, aber das war nicht sie, und sie hätte nichts davon benennen können.
Sie fühlte die Anspannung ihrer Arme, straff gespannte Bogensehnen, doch sie traute sich nicht, sie zu lockern, aus Angst, sie würde dann anfangen, unkontrolliert und grobschlägig zu schlottern, wie bei Schüttelfrost, und wenn sie einmal anfing, war sie sich nicht sicher, jemals wieder aufhören zu können.
Khrival.
Sie hörte nicht, wie Histan Vohlt hinzutrat, merkte erst, dass er mit ihr sprach, als er ihr die Hand auf die Schulter legte. 
Sie riss sich aus seinem Griff frei, als sie sich der Berührung bewusst wurde. Fast hätte sie ihm die Faust ins Gesicht gedroschen, im Reflex, im Fluss der Bewegung. Gerade noch konnte sie sich stoppen. Histan wich einen Schritt zurück, sagte wieder etwas.
Tote habe es gegeben. Sie sollten in die Kammer direkt hinter dem Eingang zurückgehen. 
„Musst du mir nicht sagen, verdammt!“ Es war ihre Stimme, die ihn anbrüllte. „Denkst du ich bin blind? Dass es Tote gegeben hat, seh’ ich verdammt noch mal selber ganz gut!“ 
Khrival.
Histan hob besänftigend die Arme. Sie sah es zwar, doch so, als sei gar nicht sie gemeint, als hätte das alles gar nichts mit ihr zu tun. Als sei Histan nur ein bloßer Schatten, irgendwo. Sein Mund bewegte sich, aber das, was er sagte, ergab keinen Sinn.
Khrival.
Das ging so nicht. Sie musste sich irgendwie in den Griff kriegen. Das hier musste weitergehen.
Es ist dein Job. Du hast ihn dir ausgesucht, du hattest deine Gründe. Ihr hattet eure Gründe.
Khrivals Gründe waren hier gerade in Dreck und Staub aus ihm herausgeblutet. 
Histan redete mit ihr. Sein Blick ging zum Boden, zu Khrival rüber. Auch er war bleich. Geschockt, behielt aber die Kontrolle. Es musste schließlich weitergehen. Musste es wohl. Sie war hier die Anführerin.
Sie setzte sich in Bewegung, spürte ihre Glieder sich rühren, ihre Beine Schritte vorwärts tun.
Als sie in der Hauptkammer ankam, zeigte sich, dass auf der eigenen Seite noch mehr Opfer zu beklagen waren. Neben dem Gardisten und Khrival, die im Kampf gegen den Homunkulus gefallen waren, gab es hier zwei weitere Tote, zwei Gardisten waren schwer verletzt. Eine Menge Verluste für so einen Zugriff. Auf der anderen Seite ebenfalls vier Tote und weitere Verletzte. Und der tote Bannschreiber.
Sandros kam auf sie zu, erregt, schnellen Schrittes.
„Stimmt das, was die sagen? Ein Kampfhomunkulus? Ich dachte schon, der ganze Bau bricht ein.“
„Wär’ auch fast. Aber ohne Kopf macht auch so ein Vieh nichts mehr.“
„Und das mit Khrival?“
Sie nickte nur stumm.
Sandros schloss die Augen und drehte den Kopf weg. „Mann, Scheiße.“ Mehr sagte er nicht. Mehr war da im Moment auch nicht zu sagen. Er wurde nur bleich, und seine ganze Mimik sackte in sich zusammen, maskenhaft, wie in sich erstarrt. Sandros kannte den Vorsekkmann zwar nicht ganz so lange wie sie, aber immerhin auch schon seit einer halben Ewigkeit.
Sandros hatte während der ganzen Schweinerei mit dem Biest hier vorne ganze Arbeit geleistet. Mit den anderen Milizionären hatte er einen großen Teil der Firnwölfe zusammengetrieben und festgenommen. Nur die Anführer beider Gruppen waren entkommen. Zwei von der unbekannten Bande hatten sie erwischt, allerdings nicht lebend.
„Ich bin mir sicher, ich habe Daek unter den Fliehenden gesehen. Leutnant der Firnwölfe, der Kopf der einen Seite“, sagte sie, die Reihen der Gefangenen entlangblickend. Nein, selbst jetzt, mit der Gelegenheit, sie genauer zu mustern, konnte sie die Handelspartner der Firnwölfe keiner Bande, die sie kannte, zuordnen. Irgendetwas passte hier nicht. „Und die anderen? Da war ein Riese im grauen Mantel. Gab Zeichen, und alles sprang.“
„Kaum zu übersehen, der Kerl. Könnte ein Soldatenmantel gewesen sein. Vielleicht ein Deserteur“, meinte Sandros.
„Das war kein Soldatenmantel. Das war kein Soldat.“
Irgendjemand von draußen, der versuchte die unsicher gewordenen Positionen in einer Stadt unter Besatzung zu nutzen und sich neu reinzudrängen? Sandros sah sie von der Seite an, legte den Kopf schief, nickte dann nur. 
„Kennst du die Kerle?“, fragte sie. „Kannst du sie irgendwo unterbringen?“
„Muss eine neue Bande sein. Hab sie nie gesehen.“ Sandros packte einen der gefangenen Firnwölfe am Arm, während dieser – ein unrasierter Kerl, der eher auch ein Veteran oder Söldner hätte sein können – sie beide finster und verächtlich anstarrte. Die Tätowierung eines stilisierten Wolfsschädels mit einem quer kreuzenden Dolch prangte deutlich sichtbar darauf. „Firnwölfe tragen ihren Wolfskopf in die Haut gestochen und das Fell am Rock, aber bei diesen anderen Typen habe ich kein Zeichen irgendeiner Bandenzugehörigkeit erkennen können.“ Er ließ den Firnwolf los und stieß ihn zurück in die Reihe der Gefesselten. 
Dass die Firnwölfe die eine Seite des Handels darstellten, hatte ihr auch ihr neuer Milizhauptmann Kylar Banátrass gesagt, als er ihr den Auftrag erteilte. Die Geschichte war eigentlich ein Skandal für die kinphaurischen Besatzer. Denn irgendwie war es den Wölfen gelungen, ein Waffenlager der Kinphauren zu überfallen und auszurauben. Über die Umstände schwieg sich Banátrass aus. Weil er nichts wusste oder weil die ganze Angelegenheit so peinlich war. Jedenfalls wollten die Firnwölfe nun ihre Beute an die kriminelle Unterwelt von Rhun verkaufen. 
Sie hatte in Banátrass Amtsstube gestanden, hatte über dessen penibel aufgeräumten Schreibtisch geblickt und ihr war klar, dass ihr neuer Hauptmann, dieses feine Schoßkind der Besatzer, keinen Gedanken daran verschwendete, welche Gefahr kinphaurische Sturmarmbrüste in den Straßen für die Bürger von Rhun bedeuteten. Er schickte sie lediglich los, um ganz schnell die Spuren der Blamage für seine Herren aus der Welt zu schaffen. Punkte sammeln. 
Derjenige, unter dessen Verantwortungsbereich die gestohlenen Waffen fielen, war mit Sicherheit schon längst von Banátrass’ nichtmenschlichen, knochenbleichen Verbündeten liquidiert worden. Wahrscheinlich vom „Beil des Roten Dolches“ persönlich.
Über die Käufer hatte Banátrass nichts sagen können. Eine ganze Partie kinphaurischer Repetierarmbrüste würde dem Besitzer einen großen Vorteil gegenüber konkurrierenden Banden verschaffen. Daher hatte sie eine der ihnen schon bekannten Meuten erwartet, die die Unterwelt Rhuns beherrschten und Profit aus der unsicheren Situation zu Kriegszeiten schlugen. 
„Komisch.“ Danak musterte erneut die Gefangenen und schüttelte den Kopf. Irgendetwas störte sie. Ganz zu schweigen davon, wie man einen Homunkulus in die Stadt schaffen konnte und was der in einem Kampf Meute gegen Meute in den Straßen von Rhun hätte anrichten können.
„Was soll das für eine unbekannte Bande sein? Und warum verkaufen ihnen die Wölfe Armbrüste, die sie selber gebrauchen könnten.“
„Zu heiß? Oder wegen der Kohle? Weil die Firnwölfe sich mächtig genug fühlen und in ihrem Revier keine Konkurrenz fürchten? Die Firnwölfe sind eine ziemlich starke Organisation.“
„Bevor ihr weiterspekuliert, schaut euch mal an, was wirklich in den Kisten ist.“ Histan Volt war zu ihnen herübergekommen und hatte den letzten Teil ihres Gespräches mit angehört.
Mercer und Chik standen ebenfalls um die Kisten herum, hatten bereits die Deckel der restlichen geöffnet und zogen nacheinander verschiedene Teile des Inhalts heraus. Nein, das waren keine Sturmarmbrüste. Das sah man auf den ersten Blick.
„Was zur Hölle ist das?“
„Offensichtlich Bauteile für etwas.“
In der Kiste eingepackt lagen komplexe Gebilde aus Holz und Metall, zum Teil schon zu größeren Einheiten vormontiert. Ineinander greifende Bögen, Räderwerk, Stützen, Spannmechanismen, wie sie sie aus ihrer Soldatenzeit von großen Belagerungsarbalesten her kannte.
„Aber Bauteile für was?“
Histan nahm jetzt einen Bogenarm heraus und hielt ihn vor sich hin, zu groß für eine normale Armbrust, aber auch so geformt, dass er auch zu keiner Arbaleste, wie sie sie bisher gesehen hatte, passen wollte.
„Ich glaube, das sind Teile für eine kinphaurische Armbrustbatterie.“
„Wofür brauchen Straßenbanden Armbrustbatterien?“

Danak und ihre Kadergefährten sahen einander über die aufgebrochenen Kisten hinweg ratlos an.



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11. Mai 2014

"Homunkulus" Folge 2

Heute setzen wir "Homunkulus" mit der zweiten Folge fort.
Der Roman spielt in der gleichen Welt wie die "Ninragon"-Trilogie, fünf Jahre nach deren Ende.


Die Schleier lichteten sich ein wenig. Ein weiterer Umriss schälte sich heraus, daneben, deutlich kleiner – mannshoch. Durch den Dunst hervorgehoben flimmerte etwas zwischen beiden ungleichen Gestalten in der Luft, farbige Zeichen, aufflackernde Symbole, wie winzige Feuerwerkszeichen im Nebel. Jetzt sah sie deutlicher: Die kleinere Gestalt war der unter den Fliehenden, der nicht ins Bild passte. Älter als der Rest, graues, fremdartig erscheinendes Gewand, von einem breiten Gürtel zusammengehalten.
Neben ihr, ein schnappendes Surren durchschnitt die Luft. Ein Schrei, ein trockenes Tunk!, fast gleichzeitig dazu. Die mannsgroße Gestalt brach zusammen, die Lichtsymbole blieben wie eingefroren in der Luft stehen. Histan neben ihr hielt noch die Armbrust im Anschlag, lud mit einem satten Klacken des Spannhebels seine Waffe nach.
„Der Bannschreiber“, sagte er knapp, als er Danaks Aufmerksamkeit auf sich spürte. 
Und ihr verblüffter Blick wanderte von Histan zurück zu der sich dunkel vor ihnen türmenden Masse, während ihr die Bedeutung von Histans Worten dämmerte, sie zu begreifen begann, was sie da vor sich hatten.
Die Staubschwaden verzogen sich, als hätte man Gazeschleier beiseite gezogen, und das Ding machte daraus hervor einen Schritt auf sie zu.
Drei bleiche Augen, kreisrund wie Münzen, hefteten sich aus einem dunklen, rohen Raubtierschädel auf sie. Darunter spannten sich unproportional breite Schultern und eine Brust wie eine Tonne. Zerfetzte, von ornamentalen Riefen durchzogene, lederartige Panzerplatten, stumpfschwarz, teils von grauem Staub bedeckt. Kantige, ausgefranste Löcher zeichneten den kolossalen Leib. Unter dem rechten Schulterpanzer klaffte es leer. Das blanke Skelett lag hier frei: die abgewetzte Oberarmspiere, bloße, rohe Stränge, welche die Gliedmaße trieben, schlaffe Fetzen, nacktes Räderwerk. Gelenke und Sehnen, und daran ein intakter Unterarm mit mächtiger, geballter Faust. Eine Kreatur zerschunden und brutal. Von Schlachten schwer gezeichnet und ramponiert. Eine Kreatur, so wusste Danak, für nichts anderes geschaffen, als um in Schlachten geschickt zu werden.
Von jemandem wie dem Mann, den Histan gerade mit einem Armbrustpfeil getötet hatte.
Einem Bannschreiber – manche nannten sie auch Skriptoren.
Er hatte dem Geschöpf – diesem Homunkulus, so sprach sie den Namen nun in ihren Gedanken für sich aus – gerade den genauen Auftrag, den präzisen Bann einprägen wollen. Unmöglich zu sagen, wie weit er damit gekommen war. Doch wie unvollständig auch immer seine Anweisungen waren – diese Kreatur war auf Vernichtung ausgerichtet.
Die drei bleichen Augen fuhren ruckend ihre Reihe ab, der Homunkulus setzte sich in Bewegung. Seine Fäuste spannten sich, lange, gerade Klingen fuhren sirrend aus der Ummantelung der Unterarme.
Danak riss ihre Armbrust hoch, Histans Pfeil schwirrte schon. Der erste Pfeil wurde mit dem Wischen der Arme und einem metallenen Singen beiseite gefegt, Danaks Geschoss bohrte sich in den Brustpanzer. Sie warf die nutzlose Fechtstange beiseite, spannte ihre Armbrust neu und tauchte zur Seite weg.
Der Homunkulus fuhr unter sie wie eine Ramme. Sie spürte die Erschütterung des Bodens, während sie aufkam und sich abrollte, die kompakte Armbrust in sicherem Griff. Wie Krähenschatten wurden die Umrisse ihrer Gefährten von der wuchtigen Masse auseinander getrieben. Die Spur einer zweifachen Klingenschrift fräste sich durch die Luft. Scharf-silbernes Blitzen, ein elegantes Gleiten durch dafür zu plumpes Fleisch und Leibesmasse. Blutgespritze und Sturz. Ein Gardist rollte schlaff zur Seite weg. Histan und Khrival waren zu beiden Flanken der Kreatur.
Aus dem Schwung der Rückhand drosch Khrival das schwere Keulenende seiner Fechtstange gegen den grobschlächtigen Schädel des Viehs. Das knickte zur Seite, ansonsten war es, als habe der Vorsekkmann lediglich auf einen prall gefüllten Kornsack eingeschlagen. Der Homunkulus ruckte zurück, brüllte aus stumpfem Raubtiermaul, dass der Lärm die Kaverne füllte, und zeigte dabei Reihen spitzer Haifischzähne. Danaks zweiter Pfeil glitt am Panzer der Kreatur ab, Histans Pfeil pflügte sich in die kantige Wange. Die Kreatur brüllte erneut und entfesselte einen Klingenwirbel, dass Khrival gerade noch zurückspringen konnte, Stahl schrammte kreischend über seinen Brustpanzer. 
Danak zielte wieder, noch immer in der Hocke – Der Schädel, ziel auf den Schädel, das muss die Schwachstelle sein! –, doch wie ein Blitz kam der Homunkulus mit vorgereckten Klingen auf sie zugeschossen. Sie schnellte seitwärts, sah die schwere Masse wie einen stürzenden Felsbrocken über sich kommen – Stahl schrammte sich in Mergelboden –, dachte, Oh mein Gott, der zermalmt dich, das war‘s, schlüpfte frei, irgendwie, die Armbrust kam klappernd auf, der Pfeil löste sich surrend dabei, sie keuchte. Wollte hoch.
Sah den Umriss des Homunkulus direkt vor sich, so dass er fast ihr ganzes Blickfeld ausfüllte; halb gestürzt, halb gekauert, wollte er sich auf einem Arm aufrichten. Der zerstörte Arm gab dabei ein gequältes surrendes Knirschen von sich; Bewegungen und Schnelligkeit der Kreatur waren durch die Beschädigungen anscheinend eingeschränkt. Ein Schatten stürzte sich auf den Homunkulus. Khrival war auf ihm und hatte sein Kurzschwert hoch über den Kopf gehoben, kurz davor, es auf den Nacken des Viehs niedersausen zu lassen.
Der Homunkulus stemmte sich abrupt hoch, Khrival auf seinem Rücken schwankte, kippte, verlor die Balance. Die Kreatur fing sich einen weiteren Pfeil ein, von Histan präzise in das rechte der drei Augen gepflanzt. Sie fuhr brüllend zu ihm herum, wandte sich ihm zu, trat dabei wie beiläufig nach dem gestürzten Khrival aus. Der mächtige Fuß donnerte auf den Boden, dass das Gewölbe erneut erzitterte. Khrival hatte sich gerade noch zur Seite werfen können; sie sah ihn in der aufstiebenden Staubwolke, sah wie er in die Hocke kam. Sah, wie der Homunkulusarm mit der Klinge daran seitlich aushieb. Khrivals elegante Bewegung stoppte abrupt. Sie hörte ein Röcheln. Dann sackte Khrival zur Seite weg, als habe ihn jemand einfach umgekippt. Die Körperspannung seiner Glieder löste sich in ein schlaffes Baumeln. 
Der Boden war fort, unter ihren Füßen weggestürzt. Sie hing in kalter, nicht endender Leere. 
Und trotzdem mussten ihre Füße sich an etwas abdrücken, als sie vorstürzte, auf die Kreatur zu. Nein, das ist nicht wahr, schoss es durch ihren Kopf. Das darf nicht sein. Ihm ist nichts geschehen, ihn hat nur ein Hieb unglücklich am Panzer erwischt. Sonst nichts… Histan wurde vom massiven Umriss des Homunkulus vor ihr verdeckt, sie konnte nicht erkennen, was geschah, sah nur die heftige Bewegung des Homunkulusrückens, Stahl klirrte, sah dann Histans Gestalt, wie er zur Seite weghechtete. 
In ihrer Hand hielt sie das Schwert; die Armbrust war verschwunden, die hatte sie wohl fallengelassen, ohne dass es ihr bewusst geworden war. Der breite Rücken des Homunkulus vor ihr beugte sich abrupt in der Bewegung – sie dachte an Khrivals Attacke und sprang. Die Sohle ihres Fußes traf das Kreuz der Kreatur, fand knappen Halt. Durch die Luft wirbelnd sah sie den ungeschützten Nacken des Viehs unter sich, zielte den Hieb ihrer Klinge dorthin, fand Widerstand. Ein Schlag traf sie. Als wäre sie mit voller Wucht gegen einen Balken geprallt. Der herumschnellende Arm des Monstrums hatte sie im Flug erwischt, trieb ihr die Luft aus den Lungen. – Inaim sei Dank, nur der Arm, nicht die Klinge! – Sie flog durch die Luft, krachte in morsche, nachgebende Ziegel, brach in einem stürzenden Haufen aus Trümmern zusammen.
So schnell. So viel Kraft.
Ihr Kopf dröhnte, ihre Sicht war verschleiert. Wie durch Nebelschwaden, so als schwankte alles um sie her, sah sie die schwere Masse des Homunkulus schnell auf sich zukommen. 
Bewegung in den Augenwinkeln, Rufe durch das Gewölbe. 
Das war Chiks Stimme. Sie stemmte sich mühevoll hoch, ein stechender Schmerz ging durch ihre Seite und ließ sie aufkeuchen. Sie taumelte, benommen und auf schwachen Beinen, sah den Homunkulus innehalten. Er zuckte, brüllte auf. Ein weiterer Pfeil saß ihm im Kiefer. 
Schreckens-, Erstaunensschreie von der Seite: Man hatte den Homunkulus jetzt zur Gänze erblickt. 
Noch immer brüllend, wandte sich der Schädel der Kreatur in die Richtung der Rufe. Ihr Blick folgte ihm. Tatsächlich. Chik und Uniformmäntel von Gardisten. Milizgefährten kamen ihnen zu Hilfe. Stutzten allerdings in ihrem Lauf, jetzt wo sie das ungeschlachte, ramponierte Geschöpf so deutlich vor sich sahen. Hoben dann panisch Armbrüste und Klingen, als es auf sie zustürmte. Die Rufe der Milizionäre wurden vom röhrenden Angriffsschrei der Kreatur übertönt. Der höhlenartige Raum des Gewölbes dröhnte zitternd davon wider. 
Kopf und Hals, das waren die Schwachstellen; sonst schien die Kreatur unempfindlich. Keine Chance, es ihnen in dem Kampflärm zuzurufen. Bevor sie weiter nachdenken konnte, stürmte sie schon auf das tobende Gewühl zu. Der Homunkulus füllte beinah den ganzen Raum bis zur Decke, wie ein gewaltiges, rasendes Raubtier, die Milizionäre stoben umher, versuchten den sausenden Klingen zu entgehen und – wenn möglich – Schüsse auf das Vieh abzugeben. 
Wieder sah sie den massiven Rücken der Kreatur vor sich, ihre ruckenden, umherschießenden Arme. Gab sich diesmal gar nicht die Mühe, nach besonderen Gelegenheiten auszuspähen. Nur nah genug herankommen, nur Glück haben. Das hatte sie: Sie war im Schatten der Kreatur, stemmte sich mit den Beinen ab, sprang. 
Für einen Moment, sah sie pechartige, zerfetzte Panzerplatten, deren unbeschädigte, erhöhte Flächen von einer Staubschicht bedeckt, so dass die darin eingefrästen Ornamente dagegen klar hervortraten, dann den rohen Kopf, der daraus vorsprang. Den Nacken mit der blutigen Furche ihres ersten Hiebes. 
Dorthin traf sie auch jetzt, spürte den Widerstand, Knirschen, einen Ruck. 
Der Homunkulus schoss herum, sie wurde durch die Luft geworfen. In einem Orkan aus röhrendem Gefauche kam sie auf, besser diesmal, schaffte es abzurollen. Ein Schmerz durchzuckte sie wie ein Schwertstich, als sie mit der wunden Stelle den Boden berührte. Wie ein rasender Bulle kam der Homunkulus auf sie zu, zwei Klingen blitzten vor ihm her.
Keine Waffe. 
Ihr Schwert war fort. Das war‘s. 
Klann, die Kinder!, schoss es durch ihren Kopf. O mein Gott. Er brauchte sie nicht einmal mit den Klingen zu durchbohren, er musste sie einfach nur in den Boden trampeln.
„Wir kriegen es. Das Vieh ist dran.“ 
Sie hörte die Worte direkt neben ihrem Ohr, wie von einer Geisterstimme geflüstert. Histans Stimme.
Die Worte befreiten sie aus ihrer Lähmung. Ihr Kopf schwenkte zur Seite, sie sah dort Histans bärtiges Gesicht. Er kauerte neben ihr. Kaltblütig, die Armbrust im Anschlag, visierte er mit versteinertem Gesicht den anstürmenden Kampfkoloss an. 
Das Schnappen der Sehne.
Der Pfeil flog und erschien wieder unter dem dunklen Brauenwulst der Kreatur, direkt im mittleren der drei Augen.
Der Homunkulus war heran, verdeckte alles andere. Danak warf sich zur Seite. Hinter ihr rammte der schwere Körper wie ein Ballistengeschoss in Mauerwerk und Trümmer. Eine Wolke aus Staub stieg auf, in der sich der massige Leib der Kreatur mühsam aufrichtete. Ein Laut, den Danak vorher nicht von ihr gehört hatte, entrang sich ihr. Er war hoch, zwischen Keuchen und Wimmern, hart wie von einem Wasserkessel unter Druck; ein untergründiges Rasseln vermischt mit schrillem Pumpen. Histan war in all dem aufgewirbelten Staub schon bei ihm, an dessen jetzt blinder Seite, hieb sein Schwert in den im Kraftakt des Hochrappelns noch leicht gebeugten Nacken.
Ihr eigenes Schwert, dort war es. Es hatte sich ins Genick der Kreatur gebohrt und war da steckengeblieben. Keine andere Waffe erreichbar. Keine Wahl als nutzlos danebenzustehen – oder es sich zurückzuholen.
Bevor sie sich versah, war sie ebenfalls neben dem dunklen, sich wild herumwerfenden Leib des Homunkulus, massiv wie ein Stier, nur größer und eher noch rasender in seiner Wut. Sie sprang heran, schnellte zurück, versuchte, ohne zerquetscht zu werden, an ihr Schwert zu kommen. Beim dritten Versuch hatte sie es. Sie hechtete, die Waffe gepackt, zurück, preschte wieder vor, hieb mit der Klinge auf den Hals der Kreatur ein.
Der Homunkulus kam nicht mehr hoch.
Sein Toben war schwächer geworden. Er war zu zwei Dritteln blind, konnte nicht mehr richtig wahrnehmen, was vor sich ging. Der Schmerz schien ihn wahnsinnig zu machen, und ihrer aller Hiebe ließen ihm keine Chance. Andere Milizionäre waren herangekommen, schlugen ebenfalls auf ihn ein. Es war nur noch eine Frage der Zeit.
Danak landete einen weiteren Treffer am Nacken. Der klaffte weit, an mehreren Stellen. Wie roher Thunfisch. Der Homunkuluskörper sackte auf dem linken, dem beschädigten Arm weg. Ein heftiges pumpendes, stoßartiges Rasseln kam aus der Kehle, brach ab. Nur noch letztes Zucken ging durch die Kreatur. Endlich hackten sie den Hals vollständig durch, und der kantige Kopf rollte vom Leib weg.
Dann standen sie keuchend da und sahen sich über den toten, starren Körper hinweg an.
„Was war das denn?“ Chik war der erste, der die Sprache wiederfand.
„Ein Brannaik-Homunkulus“, meinte Histan Vohlt trocken. Er war der einzige, der seine Atmung einigermaßen unter Kontrolle hatte. „Wahrscheinlich von den Schlachtfeldern geborgen, und von irgendjemandem, der sich darauf versteht, notdürftig hergerichtet und wieder in Gang gesetzt.“
„Jetzt ist er totes Fleisch. Zur Hölle mit ihm!“ Chik spuckte auf den kopflosen Kadaver herab.

Danak sah es, spürte, wie der hektische, anstachelnde Rausch des Kampfes in ihr verebbte und ihre Hände anfingen zu zittern. Sie biss die Zähne zusammen und ballte die Hände zu Fäusten, damit niemand es bemerkte. Sie hielt den Atem an und drehte sich dann langsam, wie widerwillig um ihre Achse, um sich durch die sich allmählich senkenden Schleier von Staub in der düsteren Gewölbehöhle umzusehen.


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3. Mai 2014

"Homunkulus" – So geht es los.

Zum Wochenende gibt es hier eine Leseprobe aus meinem letzten Roman „Homunkulus“.
Keine lange Vorrede – es geht los.
Eine Stadt voller Geheimnisse. Eine Frau mit einer Mission.



1


Alles, was sie hörte, war ihr eigener Atem, das Knarren von Leder, hastende Schritte, ihre und die der anderen hinter ihr. Armbrüste im Anschlag eilten sie durch unterirdisches Halbdunkel, Danak an der Spitze ihrer Truppen, ihr Kader und die Hilfstruppen der Milizgarde.
Ihre Stiefeltritte knirschten auf dem Steingebröckel des Bodens und hallten hohl im Tunnel des Gewölbegangs. Wasser und Staub rieselten aus dem Gemäuer auf sie herab. Danak fuhr sich durch ihren Schopf, fühlte die Strähnen struppig und klamm zwischen den Fingern und strich sie nach hinten. Zügig, vor allem zügig hier durch, um den Zugriff rechtzeitig hinzukriegen.
So hasteten sie vorbei an gemauerten Gewölbebögen, und da war zunächst nur Düsternis in den Kammern hinter den Durchgängen. Schleunigst ersticktes Gemurmel, Rascheln irgendwo dort hinten, sonst nichts. 
Dann wurde im Dunkel eine Laterne aufgeblendet. Ihr Licht wanderte, ihr Träger ging wohl ein paar Schritte, um zu sehen, wer da war, und plötzlich gewannen Schatten Gestalt und rollten mit der Bewegung des Lichts gegeneinander. Geweitete Augenpaare starrten sie aus zusammengekauerten Leiberknäueln an, erstarrt und rund wie Froschlaich in aufgewühltem Schlamm.
Sofort zuckten die Armbrustschäfte hin. Ihre Leute waren angespannt, sowohl die Milizgardisten als auch ihre eigenen Kadergefährten. Hastig wurde die Lampe wieder abgeblendet. 
Sie legte die Hand auf den Lauf von Khrivals Waffe, der sich dicht bei ihr hielt. „Nur Kriegsflüchtlinge. Arme Schweine.“ Sie sprach gedämpft, doch so, dass auch die anderen sie verstehen konnten. „Keine Gefahr für uns.“ 
Das Treibgut des Krieges. Ihre Augen suchten noch einmal die Dunkelheit hinter den Gewölbebögen ab, doch dort war nichts mehr zu sehen. Selbst das Gemurmel war verstummt. Hausten hier in den Katakomben unter der Kirche, wo sich sonst niemand hintraute. Außer ihnen und zwielichtigem Gesindel, dass hier seine Geschäfte abwickelte. Gesindel wie das, dem sie gerade auf den Pelz rückten.
Sie eilten vorsichtig weiter, zwischen Mauerschutt und Rinnsalpfützen hindurch. 
Bis hier war es einfach. Bis hierhin war das Terrain bekannt. Soweit man eben die Katakomben unter den Ruinen der Haikirion-Kirche kennen konnte. Sie konnten sich ausrechnen, wo Posten aufgestellt sein würden. Sie wussten, wo der Waffenhandel stattfinden sollte. Sie kannten den Weg dorthin und die Zugangstür zu den Kammern. So weit alles klar.
Nur hinter der Tür… Dort begannen die Ungewissheiten. Niemand, auch keiner von Sandros Kontakten, hatte ihnen Genaues über diese Kammern sagen können. Es sollten aus diesen Kellergewölben Tunnel bis vor die Stadt führen. Und einige davon sollten älter sein als die Stadt Rhun selbst. Man erzählte sich, sie sollten noch von der älteren Stadt herrühren, auf deren Ruinen Rhun erbaut worden war. Deren Überreste fand man noch heute überall in Rhun eingebaut, und selbst einen guten Teil der Unterwelt unter dem Pflaster des heutigen Rhun sollten sie ausmachen. Das übliche Gerede der Leute, doch was die Tunnel betraf, die aus den Katakomben herausführten, war etwas dran. Sie würden improvisieren müssen. Kein Problem. Normaler Job, normales Risiko. Ihr Kader, ihr Job; ein weiterer glorreicher Tag bei den Einsatzkadern der Stadtmiliz Rhun.
Ein Schimmer zeichnete sich vor ihnen hinter den wuchtigen Mittelpfeilern ab. Ölfackellicht, halb verdeckt von Mauertrümmern.
Khrival neben ihr war erstarrt. Sie hob die Hand, nur für den Fall, dass irgendjemand hinter ihr die Gefahr noch nicht bemerkt haben sollte.
Sie legte Khrival die Hand auf die Schulter. Der nickte nur knapp und ließ ohne sie anzublicken, seine Hand zum Griff des Messers an seinem Gürtel gleiten. Die verfilzten Zöpfe mit Totemzeichen und Ringen darin waren mit einem Tuch zu einem Bündel nach hinten gebunden, damit nichts klirrte. Alte gegerbte, verlässliche Söldnerfresse. Khrival verschwand im Dunkel. 
Danak trat hinter die Kante des Pfeilers und merkte wie Sandros neben sie schlüpfte. „Unser Killer aus dem wilden Norden“, flüsterte Sandros neben ihrem Ohr, eben noch für sie hörbar, so nah, dass sie seinen Atem spürte. Sie ließ ihren Mundwinkel grimmig hochzucken, wusste, dass er es sah. Wenn es dazu kam, dass sie jemandem ihr Leben anvertrauen musste, dann war Khrival der Erste auf der Liste.
Um die Kante des Pfeilers spähend, erkannte sie, wie die Gestalt des Postens sich gegen den Lichtschein abzeichnete.
Es dauerte nicht lange. Sie sah plötzlich einen zweiten Schatten von hinten hinzutreten, sah, wie die erste Gestalt erstarrte. Khrival hatte ihn.
Auf ihr Zeichen huschten alle hinter ihr her zu der Vorkammer der Abzweigung. Khrival grinste sie im Licht der Ölfackel an, Augen wie dunkle Schlitze, Falten um den Mund wie mit einem Messer gezogen. Der Posten dagegen, anscheinend ein Skarvane, sah nicht so glücklich aus und war bereits gebunden und geknebelt.
Blieb der zweite Posten am anderen Zugang.
Sandros stieß sie an, und ihr Blick folgte seinem ausgestreckten Arm. Etwas stolperte durch den Gang von der anderen Seite her in den äußeren Lichtkreis. 
„Wie auf‘s Stichwort“, bemerkte Sandros.
Sie erkannte die kompakte Gestalt von Histan, der den zweiten Posten vor sich her stieß und dabei fast gemächlich auf sie zukam.
„Alle Achtung. Seiner war der schwierigere“, meinte Khrival. „Übles Terrain. Wollte es ja unbedingt alleine machen. Hab mich schon gefragt.“
„Keine Angst“, sagte Sandros, jetzt halblaut, da die Wachen außer Gefecht gesetzt waren. „Histan macht das. Posten erledigen auf unmöglichem Terrain? Scheiß Zugang, jeder andere winkt ab? Muss wie ein Geist in der Nacht passieren?“ Er zuckte die Schultern. „Ist genau Histans Ding.“
Histan und sein unwillig vorwärts stolpernder Gefangener kamen hinzu.
„Was lästerst du?“, warf er Sandros zu.
„Nichts, nichts. Meine nur, du wärst verdammt langsam geworden“, feixte der.
„Hör du auf mit deiner Waffe zu spielen, und sieh zu, dass du bereit bist.“
Danak sah sich im Kreis ihrer Leute um. Letzte Chance für Anweisungen und Vorbereitungen. Dieser Gang, so wussten sie, endete vor einer Tür. Dahinter lag der Ort ihres Zugriffs, von dem keiner sagen konnte, wie es dort aussah. Wenn sie sich erst einmal in dem Gang befanden, waren sie mitten im Job, und alles musste schnell gehen.
„Na gut.“ Der Kreis ihres Milizkaders scharte sich um sie, Khrival, Sandros, Histan, Mercer und Chik, alle nur den bloßen Stahlkürass zum Schutz gegen Pfeile über ihrer Kleidung, dahinter die Leute der Milizgarde des Quartiers mit Uniformmantel über der Körperpanzerung, zum Teil mit Sturmarmbrüsten, zum Teil mit schweren Fechtstangen, alle mit Kurzschwertern. „Ihr wisst Bescheid.“ Alle Augen sahen sie an. „Ihr, Jungs“ – ihr Blick glitt zu den Leuten ihres eigenen Kaders – „rein und Situation kontrollieren. Euer Trupp“ – sie deutete mit der Armbrust – „durch und Fluchtwege sichern und abschneiden. Wie’s genau da drinnen aussieht wissen wir nicht. Aber es soll hier drin Tunnel geben, die bis vor die Stadt gehen.“
„Grobe Vermutungen und das Geschwätz der Leute. Großartig“, schnauzte Khrival trocken. „Dass hier ein Deal zwischen den Firnwölfen und einer anderen Bande abgehen soll, kann uns unser sauberer neuer Hauptmann stecken. Aber übers Terrain keinen Dunst.“
„Wenn es für die Katakomben genaue Karten gäbe“, warf Danak ein, „gäbe es hier auch keine Waffengeschäfte. Und keine Kriegsflüchtlinge. Und Sandros –“ Ihr Blick schnellte irritiert zu dem soeben trocken verhallenden Klacken hin. „Histan hat Recht.“ Ihre Augen trafen sich. „Lass das verdammte Spielen mit deiner Sturmarmbrust, und schau lieber, dass das Teil geladen und einsatzbereit ist.“
Sandros Blick glitt wieder zu der fremdartig geformten Schusswaffe. 
„Kann nicht glauben, wie butterweich die Dinger zu spannen sind. Verdammte, ausgefuchste Spitzohren.“
Schon die ganze Zeit, bevor sie in die Ruine der Kirche reingingen, hatte Sandros ständig den Spannhebel betätigt. Seine Faszination für die Mechanik der Armbrust und den geringen Kraftaufwand, mit der sie zu bedienen war, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Klar, Sandros war verliebt in so ein Zeug. Elegante, schlanke Dinge, die wie geölt funktionieren. 
Sandros nahm den Sechser-Pfeilpack aus seiner Gürteltasche und ließ ihn in die Führungsschiene einrasten.
„Neue halbautomatische Sturmarmbrüste, Orben zur Verständigung der Truppe untereinander. Jede Menge schicke neue Kinphauren-Ausrüstung. Womit haben wir denn das verdient?“
„Darauf kannst du dir später einen runterholen. Jetzt haben wir einen Auftrag zu erledigen, klar?“ Sie wandte sich an den riesigen, zernarbten Nordmann. „Khrival, wie machen wir‘s mit der Tür? Rammbock oder nicht?“
„Streich den Rammbock, ich tret‘ sie ein.“
Danak sah, wie die Gardeleute, die im Hintergrund die Ramme trugen, sich unsicher anblickten. Sie nickte ihnen bestätigend zu.
„Du hast nur einen Versuch“, meinte sie dann zu Khrival, „denk dran.“
Der schürzte nur mit geringschätziger Grimasse die Lippen. „Ein Tritt, Kleinholz, und rein. Schon klar.“
Sie stellten sich auf, ihr Kader zuerst, dann die Verstärkung durch den Einsatztrupp der Milizgarde von Ost-Rhun, und los ging‘s durch den Zugangstunnel. Knirschender Laufschritt, knarzendes Leder, trockener Hall in dem Gewölbeschacht. Da war schon die Tür, keine Wache davor. 
Khrival stoppte kurz ab, nahm Maß und trat mit brutaler Wucht unterhalb des Türgriffs gegen die Bretter. Das Türschloss brach in einer Staubwolke aus dem bröckeligen Mauerwerk, die Tür flog mit einem Krachen nach innen, sie stürmten hinein.
Sie fanden sich in einem durch Pfeilerreihen gestützten Gewölbe. Ungedämpftes Licht aus dem Mittelgrund, dem Zentrum der Kammer, direkt vor ihnen. Da war‘s, wo die Sache abging. Dort, vom Licht hart hervorgehoben, war ein Pulk von Leuten um Kisten versammelt, von denen einige aufgestemmt worden waren. Die Kerle erstarrten und glotzten verdutzt in ihre Richtung. Einige mit Wolfsfell an der Kleidung – das waren die Firnwölfe –, andere ohne erkennbare Bandenkennzeichen. Darunter ein echter Hüne im grauen Mantel, der lediglich kalt die Augen zusammenkniff und sie musterte.
Wow, wie viele, zur Hölle, waren das? Mehr als nur ein paar Leute für eine Waffenübergabe. Eine komplette Sektion der Firnwölfe? Insgesamt eher mehr. Dass sie auf eine solche Zahl von Gegnern treffen würden, damit hatten sie nicht gerechnet.
„Stadtmiliz Rhun!“, brüllte sie in das Gewölbe hinein. „Hände von den Waffen, und rührt euch nicht von der Stelle!“
Sie sah die Mienen in den Gesichtern, sah die knapp forschenden Seitenblicke der einen Gruppe zu dem Hünen hin, sah dessen Reaktion, eine schnelle Folge von Handgesten, und im Bruchteil einer Sekunde erkannte sie, dass die Sache nicht nach Plan lief. Keiner von denen hörte auf sie. Nicht was die Waffen, nicht was das Sich-nicht-Rühren betraf. Weder die Wölfe noch die anderen. Trotz auf sie gerichteter Armbrüste. Sie wussten um ihre Stärke und ließen es drauf ankommen. 
Die Kerle um die Kisten herum stürzten auseinander, noch während ihre Leute auf sie zuhielten, um sie mit Armbrüsten im Anschlag in eine enge Zange zu nehmen und genau das zu verhindern. Damit war eine eindeutige Front als Ziel dahin. Eine Waffe wurde abgefeuert, ein Schrei, ein Pfeil steckte einem der Wölfe in der Schulter. Dann brach der Tumult endgültig los. 
Und ab geht‘s, dachte sie.
Weiteres Surren und Klackern – Armbrustbolzen flogen. Nicht klar für sie in dem Durcheinander, ob es Treffer, ob es Fehlschüsse waren. Wildes Brüllen im Gerangel, als die auseinander gesprengten Gegner sie angriffen, ob Schmerz, Wut, ob Befehle – kaum zu erkennen. Der Hüne hatte in der Menge ein Schwert in der Hand, schrie etwas, dann war da ein Durcheinander von Körpern, zu nah und zu konfus für die meisten mit Schusswaffen. Die Gardeleute mit den Schlagstäben drangen vor, hieben mit eisernen Stabenden nach den Köpfen, Klingen waren draußen. Ein wüstes, hektisches Gerangel. Sie sah Armbrüste, die auf der Gegenseite vom Rand her in Anschlag gebracht wurden. Bolzen flogen. Einen, zwei der Milizgarde riss es getroffen nach hinten.
Danak stürmte mit den anderen vor, sah einen der Kerle auf sich zuspringen, ostnaugarische Züge, Lederpanzer, wildes, dunkles Haar. Sie zielte auf seine Beine, zog den Abzug. Der Kerl stolperte, schrie, den Stachel des Pfeils durch den Oberschenkel gebohrt, knickte im Lauf weg, schon gefolgt vom nächsten. Sie konnte nur noch die Armbrust hochreißen, um damit dessen Schwertstreich abzuwehren. Die Klinge traf auf das Metallband des Bogens, verhakte sich, sie hebelte mit einer Drehung der Waffe den gegnerischen Stahl zur Seite weg, drosch dem im Schwung des eigenen Hiebes vorbeisausenden Angreifer den Schaft der Waffe von der Seite her ins Gesicht. Ein hässliches dumpfes Knirschen. Blut spritzte, der Kopf des Kerls flog zur Seite, dann war sie auf ihm drauf. Er ging zu Boden, spuckte ihr aus zerschlagener Visage Blut entgegen, bevor sie ihm einen zweiten Schlag mit dem Kolben der Waffe an die Schläfe verpassen konnte und der Kerl zurücksank.
Breitbeinig kam sie von dem Bewusstlosen hoch. Sie klappte die Spannarme ihrer Schusswaffe, die ihr im Handgemenge wenig nützte, mit einem knappen Hebelklacken ein, schwang sie am Gurt auf den Rücken und löste ihre Fechtstange aus dem Schulterholster.
Das waren mehr als erwartet. Das war ja eine richtige kleine Streitmacht. Dieser verdammte Kylar Banátrass. Hetzte sie ihr grüner Milizhauptmann auf diesen Deal, und seine Informationen stellten sich als reichlich fadenscheinig heraus. 
Histan stand mit der Fechtstange über einem der unbekannten Bande, hieb ihm als abschließenden Zug das Metallrohrende an den Schädel, mit perfekt eingeübter, knapper Bewegung, die bewusstlos schlagen, nicht töten sollte. Khrival trieb brüllend einen ganzen Pulk von Gegnern zurück. Er hatte die Fechtstange umgedreht, so dass das Gegengewicht nach oben kam und drosch mit dem Keulenende wie mit einem Dreschflegel um sich. Überall herrschte wildes Kampfgetümmel. 
Sie sah, dass Sandros, Chik, Mercer und die Hauptmacht der Milizgarde es routiniert angingen. Sie hatten es geschafft, einen großen Teil des gegnerischen Haufens trotz dessen Stärke zusammenzudrängen und zurückzutreiben. Einige der Miliz griffen bereits zu den Armbrüsten, um sie, jetzt wo die Fronten sich klärten, in Schach zu halten und zum Aufgeben zu bringen. 
Gut, aber dadurch waren natürlich keine Leute für das Abschneiden der Fluchtwege frei. Hatten genug damit zu tun, des unerwartet großen Haufens, der sich gegen sie wandte, Herr zu werden. Einer der Garde brüllte auf; ein Armbrustbolzen aus dem Hintergrund hatte ihn in der Schulter erwischt. Dort waren die, die dem Einkesselungsmanöver entronnen waren. Danak sondierte mit einem Rundumblick die Lage, um zu sehen, wo sie am meisten gebraucht würde, als ihr Blick an der Gestalt des Hünen im grauen Mantel hängenblieb, einen Sekundenbruchteil von einer der Lichtquellen grell hervorgeholt. Er war unter denen am Rand, unter denen, die sich zu lösen und abzusetzen versuchten. Eine kleine Gruppe, die davonstürzte. Darunter ein Leutnant der Firnwölfe, sie erkannte sein Gesicht: Daek hieß er. Noch ein anderer, der nicht zum Rest passen wollte. Zu alt, falsche Kleidung, falsche Ausstrahlung. In Richtung der Kammern zur Linken, dorthin, wo es mutmaßlich Fluchtwege gab. Die Rädelsführer versuchten zu entkommen.
Kurzer Blick umher, wer frei war.
„Histan, Khrival!“ Mit einem Ruck am Gurt zog sie die Armbrust näher an den Leib. „Die Anführer setzen sich ab. Wer kann, hinterher!“, schrie sie und stürzte schon los, trieb mit einem Fechtstangenhieb einen der Wölfe aus dem Weg, hetzte an ihm vorbei. Hinter ihr ein dumpfer Laut und ein erstickter Schrei: Einer, der ihr folgte, hatte sich des Firnwolfs angenommen. Vor sich sah sie die Fliehenden schon in den wirren Schatten zwischen Gewölbeträgern verschwinden. Einer von ihnen schrie etwas, eine gebellte Antwort erscholl, die im Gewölbe verhallte. Sie setzte über den Trümmerstumpf einer Mauer, glitt auf einem Schuttberg auf der anderen Seite aus, rappelte sich hoch, sah sich um. Hier hinten wurden die Katakomben verfallener – morsche, bröckelnde Höhlen aus einem Backsteingrund herausgegraben. Schatten der Fliehenden glitten über die Wände, wiesen ihr den Weg zu ihren Gestalten hin, kurz bevor sie sich dem Blick entzogen. Sie spürte einen Klaps auf die Schulter, Khrival. Sie wollte wieder losstürzen, ihm zurufen, da, dorthin sind sie gelaufen. Kam aber nicht dazu.
Ein Schlag ging durch das Gemäuer. 
Danak spürte den Boden unter ihren Füßen schwanken. Ein Donnern wie der Schlag einer gigantischen Pauke.
Einer der Pfeiler vor ihr barst und brach in einer Lawine aus Ziegeln in sich zusammen. Khrival hielt sie, fast wäre sie gestürzt. Steinbrocken und Schutt rieselten von der Decke auf sie herab. Schleier von Staub verdeckten die Sicht.
Dann ein weiterer Schlag, diesmal schwächer. Als knirsche eine Ramme durch Mauerwerk. Hinter den Staubschleiern brach etwas polternd und grollend zusammen, etwas anderes, eine wuchtige Gestalt, durch den Trümmerdunst nur in schemenhafter Andeutung zu erkennen, kam näher. 
Ein knapper Blick umher. Histan war ebenfalls heran, mit ihm ein weiterer aus der Milizgarde; sie beide, genau wie Khrival, starrten auf das, was sich ihnen da durch Wolken von Staub und Schutt näherte.
„Was zur Hölle …?“, hörte sie Khrival keuchen.
Aus Nebel und Schatten erhob sich eine mächtige, ungeschlachte Gestalt. 

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