6. Juli 2014

Homunkulus Folge 7

Banátrass war nicht zurückgewichen, auch wenn sie ihm fast ins Gesicht spuckte, wie er da in seinem Sessel hinter dem Schreibtisch hing. Er rückte sich zurecht, während sie zu Atem kam und die Last ihres Körpers von ihren aufgestützten Armen nahm. Banátrass stand auf, kam mit ihr auf Augenhöhe.
Da war keine Spur in seinem Blick. Sie hatte gedacht, sie könnte ihm in die Augen schauen und wüsste Bescheid. Wüsste warum Khrival sterben musste. Wüsste, ob sie weiterhin – hier bei der Miliz in einem besetzten Rhun, unter einem Milizhauptmann, den die Kinphauren ihr vorgesetzt hatten – das tun konnte, was zu tun sie beide sich damals geschworen hatten. Für die Unschuldigen eintreten. Die Straßen von Rhun sauber halten. Das konnte sie nur, wenn sie die Kontrolle hatte und nicht, wenn sie vollkommen im Dunkeln tappen musste. Nicht wenn ihnen ihr eigener Hauptmann in den Rücken fiel, weil er ein Mann der Kinphauren war. Nicht wenn sie sich ständig fragen musste, ob sie dessen Informationen trauen konnte oder er sie gerade ins Messer laufen ließ. 
Immerhin, Banátrass blieb bemerkenswert ruhig. Wenn er sie kaltstellen wollte, nur Jasager, Marionetten und Kinphaurenschergen unter sich in dieser Miliz sehen wollte, dann hatte sie ihm jetzt dazu die Vorlage geliefert. Ihr Atem kam zur Ruhe, sie fühlte nur, wie ihre Nüstern sich regelmäßig wie ein Blasebalg blähten.
„Sie haben Leute verloren“, sagte Banátrass schließlich nach lang sich hinziehender Pause, „das tut mir leid. Sie haben einen alten Kadergefährten verloren. Das macht Sie wütend und bitter.“ 
Er stand auf, umrundete seinen Schreibtisch, immer noch ruhig, gefasst. Draußen rissen in diesem Moment die Wolken auf, und er stand für einen kurzen Augenblick im Gegenlicht des breiten, hellen Bandes des Diaphanumfensters. Seine Gestalt teilte den sich hinter ihm bietenden Ausblick auf die Stadt: die Gans bis zum Fluss und zu den Häfen hin, dahinter die Quartiere von Fillikshorn und Valimsfeld mit den aus dem Häusermeer emporragenden Stadtburgen, zur Linken die hell hervorstechende Erhebung des Engelsberges mit den Gebäuden des ehemaligen vanareischen Parlaments, die jetzt der Sitz der kinphaurischen Militärkommandatur waren.
„Darüber wütend und bitter zu sein, dazu haben Sie jedes Recht“, sagte er. „Glauben Sie mir, mich macht es auch wütend und bitter.“ Die gebräunte Haut seiner hohen Stirn legte sich in saubere, parallele Falten. „Aber ich habe nach den Informationen gehandelt, die ich bekommen habe.“ Seine Augen richteten sich gerade auf sie, suchten ihren Blick. „Ich hatte keinen Grund, an diesen Informationen zu zweifeln.“
Er schwieg einen Moment. Dann hob sich der Hauch der Bekümmerung von seinen Zügen, wandelte sich in etwas wie ernste Entschlossenheit.
„Und ich habe Ihnen den Auftrag gegeben, weil er groß war. Weil ich weiß, dass Sie gut und effektiv sind und Ergebnisse sehen wollen. Dass Sie Dinge im großen Stil erledigen wollen. Sie haben das Feuer dazu.“
Er hielt ihren Blick. War es das wirklich, Banátrass? Oder ging es nur um den Dienst den Kinphauren gegenüber? Dass sie nicht ihr Gesicht verloren, weil man ihnen so einfach Waffen unter der Nase weggestohlen hatte. 
Was für eine Blamage! Da waren die Firnwölfe, eine Straßenmeute, einfach so in ein Magazin der Kinphauren eingedrungen, auf welchem Weg auch immer, vielleicht durch die unterirdischen Gänge der älteren Stadt unter dem Pflaster von Rhun. Und dann waren sie einfach so mit einer Ladung gefährlicher Waffen wieder verschwunden. 
Und damit diese Sache möglichst schnell aus der Welt geschafft wurde, hatte Banátrass sein bestes Pferd losgeschickt? Sie suchte nach Spuren in seinem Gesicht, suchte nach einem Grund ihm zu glauben. Für Khrival.
Ihr stand wahrscheinlich ihr Misstrauen ins Gesicht geschrieben, trotzdem trat er einen Schritt näher. Noch näher und er hätte ihr die Hand auf die Schulter legen können.
„Ich habe keinen Zweifel daran“, sagte Banátrass, „dass Sie und ihr Kader bei dieser Mission ihr Bestes gegeben haben. Wenn die Sache sich als größer herausgestellt hat, als wir alle geglaubt haben, dann tut mir das leid, weil dafür Milizgefährten ihr Leben lassen mussten. Ein Brannaik-Kampfhomunkulus, sagen Sie?“ 
„Ja. Komplett mit Bannschreiber.“
„Das ist allerdings bemerkenswert.“ Er hob die Hand ans Kinn, legte den Zeigefinger über die Lippen. „Ein Kunaimrau und ein Bannschreiber.“ Er benutzte das kinphaurische Wort für diese künstlich geschaffenen Kreaturen. Banátrass schaute für einen Moment wie sinnend durch sie hindurch, dann fixierte er sie wieder mit seinem Blick, klar, entschlossen. „Aber das zeigt, dass wir Recht hatten. Dass an dieser Sache etwas faul war. Dass es richtig war, ihr mit dieser Dringlichkeit nachzugehen. Dass wir die Firnwölfe, ein für alle Mal kaltstellen müssen. Was für eine immense Gefahr die Firnwölfe für die Sicherheit von Rhun sind, haben sie gerade eben bewiesen. Sie sind streng strukturiert. Sie sind mehr als eine bloße Meute. So etwas ist organisierte Kriminalität. Und sie haben nicht nur ein paar Waffen gestohlen, sondern sie betreiben systematisch Waffenhandel und zwar mit Leuten, die keine Skrupel haben, Waffen einzusetzen, die in den Straßen dieser Stadt ein furchtbares Blutbad anrichten können. Wenn so etwas wie ein Homunkulus oder Armbrustbatterien in Rhun eingesetzt werden sollen, dann muss die Miliz hier einschreiten. Das sind Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Das bedeutet kriegsähnliche Zustände in den Straßen dieser Stadt. Sie werden die Firnwölfe und die andere Seite dieses Handels schnappen. Sie werden sicherstellen, dass etwas Derartiges nicht mehr vorkommt.“
Er hielt inne, wie um Luft zu schöpfen. „Aber ich sage noch einmal, ich habe Ihnen diesen Auftrag gegeben, damit Sie sich beweisen können. Sie sind bei meinem Vorgänger wegen ihrer Methoden angeeckt. Er fand sie fragwürdig. Sie sind oft mit ihm aneinandergeraten. Sie haben gegen direkte Befehle verstoßen. Sie haben nur den Hals aus der Schlinge ziehen können, weil Sie Ergebnisse brachten. Ich werde Ihnen nicht auf diese Art im Wege stehen. Ich will, dass Sie richtig loslegen. Deshalb habe ich dafür gesorgt, dass sie die entsprechende Ausrüstung erhalten, Orben, moderne Sturmarmbrüste. Hier wird sich in Zukunft einiges ändern.“ Banátrass ballte die Rechte zur Faust, tat als wolle er ihr damit auf die Schulter klopfen, berührte sie dabei jedoch nicht. „Ich will, dass Sie das, was in Ihnen steckt, auch zeigen können. Dass sie sich zum einen diese beiden Banden schnappen. Ich hoffe, dass Sie die meisten davon heute schon erwischt haben. Und dann, dass Sie das Quartier Ost-Rhun säubern und zu einem Präzedenzfall dafür machen, was ein hart durchgreifender Milizkader erreichen kann, wenn man ihm die Möglichkeiten dazu gibt. Dazu gehörte, dass Sie eine kriminelle Organisation unschädlich machen, die gefährliche Waffen auf die Straßen bringen will. Sie werden sich die Firnwölfe und alle anderen an der Sache Beteiligten schnappen. Alle. Bis zum letzten Hintermann.“
Sie starrte ihm ins Gesicht, musterte ihn, die gepflegte Haut, die lange, schmale Nase, die harten, dunklen Augen, den sorgfältigen Haarschnitt, versuchte etwas darin zu erkennen. Und ein Gedanke, der die ganze Zeit in ihr gebrodelt hatte, trat mit einem Mal klar in ihr Bewusstsein. Armbrustbatterien konnte man sich in Straßenkämpfen vorstellen, zur Befestigung einer Stellung oder ähnlichem. Aber noch viel mehr Sinn machte so etwas draußen im Niemandsland, auf den Schlachtfeldern. Dort, wo man auch einen beschädigten Homunkulus bergen und wieder in Gang setzen konnte.
„Hauptmann Banátrass.“
„Ja.“ Seine Augen hielten sorgfältig ihren Blick. Das Braun der Iris war irritierend. Es hatte etwas von exquisiten Lackarbeiten, Schicht um Schicht bis zu einem preziösen aber undurchdringlichem Glanz hin aufgetragen, in dem nichts Durchscheinendes mehr lag.
„Haben wir in den Katakomben unter der Haikirion-Kirche gegen Marodeure gekämpft?“
Seine Mimik erstarrte für einen Moment. 
„Marodeure?“ Banátrass' Gesicht wich eine Handbreit vor ihr zurück, zeigte Irritation. „Wie kommen Sie denn auf so was?“
„Wo findet man denn einen beschädigten Homunkulus? Doch am ehesten auf den Schlachtfeldern? Draußen im Niemandsland. Wer kommt an so etwas heran? Wahrscheinlich am besten die Rebellen.“
Banátrass’ Augen verengten sich. „Das, was Sie Niemandsland nennen, ist das Gebiet des Niedernaugarischen Protektorats. Und es handelt sich außerdem nicht um Rebellen sondern lediglich um Horden von Marodeuren, die plündernd und brandschatzend das Land durchziehen.“
Da hatte sie aber etwas ganz anderes gehört. Das, was man offiziell Marodeure nannte, das, was jetzt auch Banátrass so nannte, waren in Wirklichkeit nicht einfach ein paar wilde, voneinander unabhängige Plündererhaufen sondern eine gut organisierte Armee, die den Kinphauren dort draußen ganz gehörig zusetzte. Sie hatten einen gemeinsamen Anführer, den man Einauge nannte. Und es war anzunehmen, dass er militärische Erfahrung besaß, so zielsicher wie die Rebellen – oder Marodeure, wie immer man sie nennen wollte – da draußen vorgingen. Wenn man den Nachrichten traute, die von dort aus immer wieder auf allen möglichen Wegen in die Stadt gelangten. Sie verkniff sich eine Erwiderung; Banátrass sprach ohnehin schon wieder weiter.
„Machen Sie sich nicht lächerlich, Leutnant Kuidanak.“ Da saß doch tatsächlich die Spur eines ironischen Lächelns um seine Lippen. „Die Marodeure treiben sich höchstens irgendwo in Dagranaum herum. Näher kommen die nicht an Rhun heran. Die haben nicht einmal die Grenzen von Vanarand überschritten, geschweige dass sie irgendwie in die Nähe von Rhun gelangen konnten. Es gibt immer noch die Wächterstreifen. Wie sollten welche von den Marodeuren in diese Stadt gelangen?“
„Ich weiß nur, dass wir da unten auf einen Homunkulus getroffen sind. Ich halte es nicht für unmöglich, dass ein kleiner Trupp, der ursprünglich zu den Marodeuren gehörte, sich von ihnen abgesetzt hat und irgendwie in die Stadt gelangt ist. Vielleicht um sich hier als eine neue Meute breitzumachen und sich mit der Kampferfahrung von dort draußen ein neues Revier zu erkämpfen. Gut möglich. Schließlich haben Sie auch nichts von Armbrustbatterien gewusst.“
Sein Kopf legte sich schief, und für einen Moment ließ sein Blick den ihren entgleiten, wobei sich ein Hauch der Bekümmerung, vager und ungreifbarer diesmal, auf seine Züge legte. „Meine Informanten?“ Wie zu sich selber, schnaubte dabei. „Ich erfahre von den Kinphauren“, sagte er, „was die Kinphauren mich wissen lassen wollen.“ Er schien sich wieder zu fassen. „Marodeure oder nicht, was spielt das für eine Rolle?“ Er sah sie nun wieder direkt an, sprach mit wiedergefundenem Nachdruck. „Sie sollen das Quartier Ost-Rhun säubern. Dazu gehört ganz gewiss, Armbrustbatterien und ähnlich gefährliche Waffen von Straßen Rhuns fernzuhalten. Die Sicherheit der Bürger ist gefährdet. Ganz klar die Sache der Miliz. Wenn Sie Recht haben und es sich bei der anderen Seite des Waffenhandels um ehemalige Marodeure handelt, die sich hier in Rhun mit den Methoden ihres Mordhaufens breit machen wollen, dann ist es erst Recht Aufgabe der Miliz, das zu verhindern. Diese Kerle sind gefährlich, das haben sie gezeigt. Sie haben schließlich vier von Ihren Leuten umgebracht. Ihr Auftrag, Ihre Aufgabe. Greifen Sie durch!“ Er zielte mit dem Finger auf ihre Brust. Für einen Moment dachte sie, er ginge so weit damit tatsächlich ihren Busen zu berühren. „Schnappen Sie sie sich! Machen Sie sie fertig! Das sind wir Ihren toten Gefährten schuldig.“
Er breitete mit weiter Geste die Hand aus. Es war unklar, ob er damit sein Büro oder direkt die ganze Stadt im Ausblick des Panoramafensters hinter ihm meinte.
„Sie haben meinen Besuch gesehen, Leutnant Kuidanak. Ich erteile Ihnen und Ihrem Kader hiermit offiziell den Auftrag das Quartier Ost-Rhun von organisierter Kriminalität zu säubern. Dieser Stadtteil ist eine Jauchegrube, eine Brutstätte für Verbrechen. Er ist durchsetzt mit dem Geschwür der Bandenkriminalität bis zum Grad der Unkontrollierbarkeit. So wie Kaiverstod. Den Kinphauren ist das nicht entgangen.“
Ein Stich durchfuhr sie. Jeder Bürger von Rhun wusste genau, was in Kaiverstod geschehen war, wusste von dem Blutbad, das die Duergakompanie unter den Bürgern angerichtet hatte, als die Kinphauren sie hereinschickte, um dieses angeblich unkontrollierbar gewordene Viertel zu säubern. Der Schock dessen war durch die Bevölkerung der ganzen Stadt gegangen. Wollte Banátrass ihr damit etwa drohen?
„Räumen Sie auf!“ Banátrass‘ Gesichtsausdruck und Körperhaltung zeigten ein Feuer und einen Enthusiasmus, den seine merkwürdig irritierenden Augen nicht widerspiegeln wollten. „Sie haben einen gewissen Ruf. Sie haben die entsprechende Erfahrung.“
Er drehte sich abrupt von ihr weg, so als wollte er eine Audienz beenden.
„Ach.“ Schon bei seinem Schreibtisch angekommen wandte er sich wieder halb zu ihr um. „Sie werden Ersatz für ihren getöteten Kameraden erhalten. Finden Sie sich morgen im Gouverneurspalast ein. Bei Gouverneur Seranigar. Er wird Ihnen persönlich ihren neuen Mitarbeiter vorstellen.“
Danak stutzte. Vom Gouverneur vorgestellt. Dieser Marionette Seranigar? Dem Lakai der Kinphauren. Khrivals Tod war gerade erst geschehen. Dies konnte keine Reaktion darauf sein. Man hatte also schon vorher geplant, ihr einen von den Kinphauren ausgewählten Mann in den Kader zu schicken.
Danak spürte, wie ihre Lippen zu Eis wurden. „Ist das Ihr Ernst?“ Khrival war noch nicht einmal kalt, und Banátrass benutzte diese Tatsache schon ihr einen Kuckuck ins Nest zu setzen. Was spielte dieser Kerl für ein Spiel?
„Natürlich meine ich das ernst.“ Banátrass drehte sich nun ganz zu ihr hin. „Ich stehe hinter Ihnen, Kuidanak. Das sollten sie inzwischen begriffen haben. Sie bekommen von mir jede Unterstützung, die Sie brauchen. Schnappen Sie sich diese Milizmörder. Wenn Ihnen ein Mann im Kader fehlt, bekommen Sie einen neuen. So einfach ist das.“
So einfach war das also.
„Wer ist der Mann?“
„Das werden Sie morgen erfahren. Beim Gouverneur.“
Banátrass musterte ihre Miene. „Und nehmen Sie sich für den Rest des Tages frei. Es war ein harter Tag für sie alle. Ich kann verstehen, wenn Sie das alles erst einmal verarbeiten wollen.“ Er schien nicht zu verstehen, was er da vorhin gesagt hatte, er schien nicht zu verstehen, was es war, das in ihr herumwühlte. „Ihren ausführlichen Bericht können Sie mir auch noch morgen geben.“
So einfach war das für Banátrass.
Sie grüßte, knapp. Der Form entsprechend. Dann wandte sie sich zur Tür.

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