29. Juni 2014

"Homunkulus" Folge 6

Das Präsidium der Miliz von Rhun lag in dem alten Teil der Stadt, den man „die Gans“ nannte, nicht in ihrem Kern sondern etwas abseits, direkt an der Grenze zu den Quartieren Rhun-Zentrum und Ost-Rhun. Das Gebäude war eines jener alten Stadtburgen, auch Kastelle genannt, die seit jeher den Charakter der Hauptstadt von Vanarand geprägt hatten. Dieses hatte vor langer Zeit einmal der Familie derer von Druvaran gehört, und so nannte man das Präsidium in der Bevölkerung noch heute zumeist nur die Druvernsburg. Kantig und schroff ragte sie mit ihren abweisenden Mauern und hohen Türmen aus dem sie umgebenden, miteinander verwachsenen Durcheinander von Gebäuden unterschiedlichster Epochen hervor. 
Danaks Kutsche holperte über das Kopfsteinpflaster des dem Präsidium vorgelagerten Druvernplatzes. Sie selber holperte mit ihr und spürte so weniger das eigene Zittern. Durchgerütteltwerden war gut, die Bewegung alleine; sie hätte es kaum ausgehalten, still und steif hier im Wageninneren zu hängen, während alles in ihr kochte. Nachdem sie den Auftrag mit professioneller Ruhe zu Ende gebracht und es geschafft hatte, niemanden merken zu lassen, wie ihr vor Wut und Schmerz die Knochen gingen. 
Krieg dich in den Griff! Einigermaßen zumindest. Dem neuen Milizhauptmann erst mal den Schädel einzuschlagen war sicher kein allzu guter Anfang. 
Im Schatten der den Platz säumenden Bäume sah sie ein paar Gestalten hastig ihrer Wege ziehen. Früher einmal hatte hier zu dieser Tageszeit reges Markttreiben geherrscht, und die Miliz hatte streng darüber wachen müssen, dass zwischen all den Ständen auch die vorgeschriebene Breite der Zugangsgasse zum Milizhauptquartier eingehalten wurde. Heute reichte allein der Schatten der Druvernsburg, um das Händlervolk einen weiten Bogen um den Platz machen zu lassen.
Aus dem Kutschenfenster heraus versuchte sie, einen Blick auf die Außenfront von Kylar Banátrass Amtszimmer zu erhaschen, dort in den mittleren Stockwerken des höchsten Turmes. Auffällig genug war es ja mit dem Panoramafenster, das ihr neuer Hauptmann dort hatte einbauen lassen. Sie sah kurz die bleiche Wolkendecke gespiegelt auf dem von außen undurchsichtigen Reflex-Diaphanumglas, ein Streifen von Himmel in dem alten Mauerwerk, der sich über die ganze Ecke des Turmes hinzog. Teurer Spaß. Wahrscheinlich fühlten sich die Bürger, die das alles hatten bezahlen müssen, dadurch gleich viel beschützter und sicherer. 
Dann tauchte das Gefährt auch schon in das Dunkel des von Kolonnaden gesäumten Torweges ein. Das Klappern von Hufen und Rädern in der Durchfahrt klang Sekunden lang gedrängt und hohl in den Innenraum des Wagens hinein, dann, als werde ein Korken aus einer Flasche gezogen, weitete es sich, brach sich frei. Der Wagen fuhr in den schachtartigen Schatten des Innenhofes ein.
Danak stürzte aus der Roscha und ihr Blick fiel auf ein zweites Gefährt, das im Hof abgestellt war. Ein Mann, stumm und starr, saß in einem langen schwarzen Mantel zusammengesunken auf dem Bock, so als wäre er lediglich ein Buckel des Gefährts. Die Fenster waren mit von außen dunklem Diaphanum verglast. Früher, wenn man solche Kutschen sah, wusste man, „die Kutte“ war wieder unterwegs. Heute war Rhun nicht länger Hauptstadt der idirischen Provinz Vanareum. Die Kutte, als Geheimdienst des Idirischen Reiches, war hier im Herzen Niedernaugariens in den Untergrund gegangen und die Tracht, die ihr den Namen gab, wurde in Rhun nicht länger gesehen.
Sie wandte sich von der Kutsche ab, sah kurz mit zusammengebissenen Zähnen an der Flucht schmaler Fenster hoch, stürmte dann mit forschen, ausgreifenden Schritten in das Gebäude hinein und die Treppen hinauf. Zwei Stufen auf einmal, das kalte Lodern in ihren Eingeweiden trieb sie an. Khrival war tot. Sie wollte Antworten.
Banátrass Sekretär sah sie kommen, wollte ihr den Weg verstellten, sah dann aber den Blick in ihren Augen und ließ fahrig von seinem Vorhaben ab. Als sie die Tür von Banátrass Amtszimmer öffnete, erkannte sie, dass dieser sich gerade von einem Besucher verabschiedete. Beide blickten irritiert auf. 
Die Kutsche, sie hätte es wissen müssen.
In einer Ecke regte sich etwas, hinter einem Mauervorsprung. Ihr Blick fuhr hinüber. Dort fiel ein diffuser, indirekter Schatten aus der Nische auf den Boden. Da war noch jemand anderes im Raum. Sie erspähte kurz den Saum roten Stoffes, der hinter der Mauerkante hervorlugte.
Der Besucher bei Banátrass war Kinphaure. Es hätte nicht der Gewänder bedurft - Scharlachrot und schwarz mit fremdartigen Ornamenten als Einbrennarbeiten durchsetzt, im typischen dreiteiligen ornathaften Schnitt –; das bleiche Gesicht allein, als wären die Züge aus Knochen herausgeschnitzt, das machte seine Herkunft unverkennbar. Die Nase wölbte sich wie ein Bogen zu den scharfgeschnittenen Nüstern hin, dunkle Augen, fast schwarz, durchbohrten sie ohne sichtbare emotionale Regung.
Banátrass erkannte sie; mit einem Seitenblick zuckte seine Hand hoch, stoppte sie, zwei Finger, ein Daumen nur erhoben. Danak hielt mühsam an sich. Nur der Anblick des Kinphauren ließ sie innehalten. Und der Gedanke an die Konsequenzen, wenn sie in diesem Moment ihrem Affekt nachgab.
Sie sah also zu, wie Banátrass sich in seinem pseudo-kinphaurisch geschraubten Idirisch von seinem hohen Gast verabschiedete. Gespreizten Zinnober wie man ihn wahrscheinlich in der Liturgie des Einen Weges lernte. Zusammen mit der Wendigkeit im rechten Moment die Seiten zu wechseln, wenn es Profit brachte. Hielt sie mit dieser affektierten Geste in Schach, als sei sie sein Lakai. Nach diesem Himmelfahrtskommando. Nach dem, was geschehen war.
Sie kamen schließlich zum Ende. Es gelang ihr nur mühsam ihren Atem unter Kontrolle zu halten. Der Kinphaure schritt beiläufig an ihr vorbei, streifte sie dabei fast, als sei sie gar nicht da, würdigte sie nur des allerflüchtigsten Seitenblicks. 
Etwas trat jetzt hinter dem Mauervorsprung hervor, im Einklang mit den Schritten des Kinphauren und kam hinter ihm her auf sie zu.
Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück und aus dem Weg der Gestalt. Und konnte dabei nicht den Blick von dem nehmen, was da auf sie zukam.
Wie die eiskalte Luftwalze einer Sturmfront ging dem Wesen eine Aura von Macht und Bedrohung voran. Es war hochgewachsen. Es überragte sie um mindestens zwei Kopflängen und blickte mit einer Dämonenfratze auf sie herab, deren Konturen widernatürlich scharf gezeichnet hervortraten: hartes Schwarz, bleiches Weiß. Irgendetwas an dieser Grimasse wirkte auf unerfindliche Weise wie leicht verzerrt.
Der Rest der Gestalt war eine Säule aus Rot und Silber. Sie sah Schulterpanzerung in Blutrot, weitere leichte Panzerteile in der gleichen Farbe. Entlang der Arme blitzte Stahl, wie Schienen einer Rüstung, scharfe, gefährlich aussehende Kanten. Über all das fielen Lagen roten Stoffs, vage dem Schnitt kinphaurischer Kleidung folgend – der breite Leibgurt, die weiten Hosen, nur die khaipra, das Oberteil, war stark verändert.
Es schritt auf sie zu, auf die Tür, an der sie stand, tatsächlich wie eine gewappnete Säule aus Blut und Stahl mit den Zügen einer Dämonenmaske obenauf. Sie hatte von ihnen gehört. Doch so nah hatte Danak noch nie einen von ihnen gesehen.
Ankchorai. Ein Gewappneter. 
Er blickte auf sie herab, knapp nur. Die schwarzen Haare auf dem Schädel waren kurz, struppig, unregelmäßig, wie von Ratten abgefressen, die beiden Ohren waren deformiert, eines nur ein vernarbter Stummel, das andere hing wie ein flatternder Fetzen. Das beiläufig raubtierhafte Grinsen, der Eindruck einer Sekunde, sie wusste nicht, galt es tatsächlich ihr, oder war es nur ein Effekt in dem fremdartigen Miteinander verschlungener Ornamente und Runen der auf knochenbleicher Kinphaurenhaut auftätowierten Dämonenfratze. 
Der Ankchorai musste sich tief bücken, als er durch die Tür ging; er füllte sie mit seiner bedrohlichen Masse aus.
Als ihr Blick von dem Ankchorai in den Raum zurückkehrte, fand sie Banátrass hinter seinem Schreibtisch stehend, den feinsten Hauch eines Grinsens auf seinem Gesicht. 
„Sie haben es ziemlich eilig, sich bei mir zurückzumelden.“
Und brachte sie auch gleich wieder dazu, dass das Blut in ihr hochkochte. Sie spürte, wie ihre Augen unkontrolliert zuckten.
Er stand hinter seinem Schreibtisch in ziviler Kleidung, selbstgefällig. 
Richtig, in den Farben der Miliz, nicht seines Ordens. Immerhin. Aber ohne dazugehörendes Emblem – kein Turm mit Rhunskrone. Stattdessen Pfeil und Inaimskreuz, das Abzeichen des Einen Weges. Damit nahm man nicht gerade die Herzen im Sturm, brachte nicht die Leute der Miliz dazu, einen Ordensmann des Einen Weges als Hauptmann in die Arme zu schließen. Sie mühte sich, die Muskulatur ihres Kiefers und ihrer Schultern zu entspannen.
Den Augenblick des Schweigens nutzte er. „Warum haben sie, wenn es Ihnen so dringend war, nicht Gebrauch von ihrem Orbus gemacht. Zu diesem Zweck, haben wir ihnen diese Instrumente anvertraut.“ Grinste auch noch dabei. Entweder war der Kerl eiskalt oder tatsächlich ahnungslos, in was er sie da hineingeschickt hatte. „Gewöhnen Sie sich daran, benutzen Sie das Ding. Ihnen stehen jetzt ganz neue Möglichkeiten zur Verfügung. Machen Sie sich vertraut mit der neuen Zeit.“ 
Ihr Blick zuckte zu der silbern gefassten Kugel auf seinem Schreibtisch, ein Gegenstück zu der, die in einer Schatulle an ihrem Gürtel befestigt war. Kinphaurenzauber. Rar und begehrt. Er hatte dafür gesorgt, dass ihre Einheit damit ausgestattet wurde. 
Genauso wie jetzt hatte sie sich auch schon mit Vyrkanen, seinem Vorgänger gegenübergestanden, aber bei allem, was zwischen ihnen vorging, war immer klar gewesen, er war ihr Hauptmann gewesen, der Hauptmann der Miliz von Rhun. Und nicht der des Einen Weges oder von sonst jemandem. Halt an dich und fühl ihm auf den Zahn. 
„Instrumente der neuen Zeit. Tragen wir, ja.“ Bleib ruhig, sieh genau hin. „Aber es gibt Dinge, die sich immer noch nur auf die gute, alte Art erledigen lassen“, sagte sie. „Hauptmann Banátrass.“
„Und was sollten das für Dinge sein, Leutnant Kuidanak.“
„Deinem Hauptmann in die Augen schauen, um zu sehen, ob er dich verarscht hat. Ob er dich und deinen Kader im vollen Bewusstsein ins Messer hat laufen lassen.“
„Was?“ Banátrass stutzte, er fuhr zurück. War das ehrlich? War das nur gespielt? War das nur pikiert, weil sie ihn so direkt anging. Schwer zu sagen bei jemandem, an dem so viel Fassade ist. Schwer zu sagen, mit der Wut in ihrem Bauch. „Was lässt Sie das glauben, dass ich …“
„Vier Tote. Bei einem einzigen Einsatz. Einer davon aus meinem Kader.“ Khrival. Khrival …
Eine Augenbraue zuckte bei Banátrass hoch, der Gesichtsausdruck fror ein. „Das … Das tut mir leid. Was war das Problem?“
„Problem?“ Danak stieß es zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Das Problem war“ – Danak spürte, wie sie die Fäuste ballte, hielt sich gerade noch zurück, sie auf seinen feinen, aufgeräumten und polierten Arbeitstisch herabdonnern zu lassen um zu sehen, wie seine ganze penibel arrangierte und aufgestellte Menagerie hochsprang und durcheinander polterte – „das Problem war, dass wir es mit wesentlich mehr Mannstärke auf der Gegenseite zu tun hatten, als Sie uns haben glauben lassen.“ Sein Gesichtsausdruck fror noch um einige Grade stärker ein.
 „Das Problem war, dass wir es mit jemandem von anderem Kaliber zu tun hatten. Das Problem war, dass es nicht nur um Sturmarmbrüste ging, sondern um kinphaurische Armbrustbatterien. Und um noch etwas ganz anderes. Das Problem war, dass dieses Etwas uns angegriffen hat.“ Sie bemerkte, dass sie sich mit den Fäusten auf den Schreibtisch aufgestützt hatte, sich weit zu ihm hin darüberbeugte. „Das Problem war, dass dieses Etwas ein Kampfhomunkulus war. Ein Brannaik um genau zu sein. Der uns beinah den Arsch aufgerissen hat!“ Sie schrie Banátrass an, konnte und wollte sich nicht mehr zurückhalten. „Weil uns niemand auf so etwas vorbereitet hat! Der Korporal Khrival und einen weiteren Milizgardisten umgebracht hat! Das Problem war, dass fast nichts an den Informationen, die wir von Ihnen erhalten haben, tatsächlich stimmte! Vier Tote insgesamt, zwei Schwerverletzte. Etwas viele Probleme, meinen Sie nicht?!“

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