1. Juni 2014

"Homunkulus" Folge 5

Im Krieg hatte Vorna Kuidanak auch Khrival Nemarnsvad kennengelernt.
Es war in einem kleinen, dreckigen Krieg gewesen, der jetzt über den großen Auseinandersetzungen, in denen das Idirische Reich gegen den Ansturm des gewaltigen Heeres der Nichtmenschenallianz um seine Existenz kämpfte, längst in Vergessenheit geraten war.
Es war ein Feldzug im Nordwesten, in Mittelnaugarien, jenseits der Drachenrücken. Aber Krieg war Krieg, und Krieg war immer dreckig, egal, was man sich an hehren Gründen und Rechtfertigungen zurechtbastelte.
Damals war’s so:
Ein Dieb und Landräuber hatte ganz Baraun unter Kontrolle gebracht und somit den selbstzugelegten Adelstitel aufpolieren können. In seinem Größenwahn warf er gierige Blicke auf Norgond. Das war zwar eigentlich idirische Provinz, aber Idirium war weit hinter den Drachenrücken. Eine Bande von Dieben und Landräubern mit selbstzugelegten Adelstiteln aus dem benachbarten Anvergain und Balthruk, redete ihm dabei heftig zu und versprach Unterstützung. Das alte Spiel: Wir hetzen dich auf den gemeinsamen Feind, mal sehen was passiert. Gehst du unter, heimsen wir die Überreste von deinem Besitz gleich mit ein.
Eben das übliche Phalanxspiel um Macht und Territorium.
Die eigene Bande von Dieben und Landräubern in was-weiß-ich-wievielter Generation, an denen die Adelstitel mittlerweile wie Dreck festgebacken waren und die ihren hocheigenen Misthaufen mit einer Verfassung und republikanischem Schnick und Schnack bemäntelt und „das Idirische Reich“ genannt hatten, konnte natürlich nicht zulassen, dass man sich ihr Land so einfach unter den Nagel riss. Also schickten sie ihre Armee aus. Oder heuerten andere an, um die Drecksarbeit für sie zu erledigen. Niemand pinkelte da, wo die eigene Meute gepinkelt hatte.
Es ging immer um Macht und Raubtierbedürfnisse, auch wenn die Strauchdiebe sich inzwischen das Gewand der Zivilisation um die Schultern gelegt hatten.
Unterdrückung und Herrschaft wandelt sich und passt sich an. Aber der Ursprung bleibt derselbe und ihre Natur ebenfalls. Und die Verachtung.
Und von dieser Verachtung hatte sie genug in diesem Krieg gesehen.
Ihre Einheit war auf ihren Märschen im Nordwesten durch ein zerstörtes Dorf nach dem anderen gezogen. Sie sahen alle gleich aus. Nichts, woran sie erkennen konnte, auf welcher Seite der Grenze man war. Den Toten sah man auch nicht an, ob es Norgonder oder Baraunleute waren, ob man für ihre Freiheit als Bürger einer zivilisierten idirischen Provinz gefochten hatte oder gegen sie als Angehörige eines mordlüsternen, ungebildeten Barbarenvolkes. Sie sahen einfach nur tot aus.
In einem dieser Dörfer hatte sie Khrival getroffen. 
Ihre Einheit hatte nicht weit von dem Dorf ihr Lager aufgeschlagen. Dasselbe zweckmäßige idirische Standard-Feldlager wie immer, egal, wo man es auch aufschlug. Alle anderen hingen in dessen genormter Sicherheit bei Würfelspiel, Wein und Lagerfeuer ab. Sie selber hatte dieses seltsame, untergründig rumorende Gefühl im Bauch, und das hatte sie dazu gebracht, sich dem Dorf zu nähern.
Eine mächtige Eiche stand am Eingang der Ansammlung von Häusern und dünne Rauchschleier strichen wie Fahnen an ihrem weit ausgreifenden Umriss vorbei. Als sie ihren Schatten passierte, stob aus dem Dunkel des Geästs mit einer Salve peitschenden Flatterns ein Schwarm von Aasvögeln auf, der krächzend in der Weite von Rauch und Regendunst sein Heil suchte. Sie blickte hoch und sah aus der dunklen Kuppel der Krone ein Spalier makaberer Früchte herabbaumeln. Von den Ästen hing an Stricken eine Anzahl ehemaliger Dorfbewohner herab, jetzt nur noch starre Fleischbeutel, an denen die Vögel ihr grausames Mahl begonnen hatten. Wie geschlachtete, in einer Reihe aufgehängte Hühner.
Die Häuser schwelten noch, die Leichen lagen wahllos verstreut. Eine Frau lag bäuchlings mit eingeschlagenem Schädel in einem Schweinetrog, Arme und Beine baumelten zur Seite heraus. Die Leiche ihres Kindes lag von ihrem Leib halb bedeckt unter ihr. Die zum Trog gehörenden Schweine waren allesamt verschwunden; eine Armee brauchte Proviant. So blieb ihr das Nebeneinander dessen, was Schweine mit Leichen anstellen und was Menschen ihresgleichen antun, erspart.
Die Leichen lagen eingesunken und waren teilweise schon verbacken mit dem Schlamm. Der dünne Regen hatte es nur unzureichend geschafft, das Blut von ihnen wegzuwaschen. Knochen waren gebrochen, Schädel zertrümmert, egal ob Mann, ob Frau, jung oder alt. Man hatte zerschlagen, zerbrochen und zertrümmert, was vorher fühlendes Leben war, Kampf ums Dasein, Liebe und Fürsorge für die Seinen, eine Behausung aus Fleisch und Knochen für Ängste, Hoffnungen und Träume. 
Einige hatten versucht, aus den brennenden Häusern, in denen sie zunächst Zuflucht gesucht hatten, zu entkommen. Ihre Körper hingen von Spießen zerstochen und halb verkohlt aus den Fenstern heraus.
Im Krieg wurde jeder schuldig; sie hatte es erlebt. Jeder, der in einen Krieg zog, bekam Blut an seine Hände und lud etwas auf sich, was unwiderruflich in seine Seele einzog. Es gab da keine Wahl, kein Entkommen. Wenn man einmal in diesem blutigen Irrsinn war. Kein hehres Ziel hält dich davon rein.
 Denjenigen, die Kriege beschlossen und sie führten, indem sie Unmassen von Menschen zum Sterben ins Feld schickten und sie Armeen nannten, waren die sich darüber im Klaren? Mordbilder flackerten durch ihren Geist, und es kamen keine Bauern oder Soldaten darin vor, sondern lauter Gesindel mit wohlgepflegten, in feine Stoffe gekleideten Körpern. Ihre Entscheidungen, ihre Eitelkeiten und Machtspiele. Hier endete das alles. Mit einem Haufen toter Kinder. Die blutigen Früchte ihrer Verachtung. Sie spürte, dass ihre Kiefermuskeln sich verspannt hatten und ihr Mund unkontrolliert zuckte. Sie ging zurück zum Platz zwischen den Hütten.
Bei keiner der Leichen waren nennenswerte Waffen zu sehen. Nichts außer Dreschflegeln, Sensen und Knüppeln. Das hier waren keine Kämpfer gewesen, das hier waren die Leichen von Bauern. Hatten nichts anderes versucht, als sich um sich selber zu kümmern, um die täglichen Dinge des Lebens: Saat, Ernte, Kinder, harte Arbeit, Liebe, Hoffnungen. Ihr eigenes, kleines Leben, nicht das Getriebe der Welt dort draußen. Nur um die Ihren und ihre Bedürfnisse.
Niemand hatte sie beerdigt. Keiner der Drecksäcke, der zu ihrem Heil Soldaten losschickte, nahm eine Schaufel in die Hand. Ihr Dorf war nicht dem Feind in die Hände gefallen; ein Erfolg, das Territorium war gesichert. Welcher Hohn. Ob ihre Leichen jetzt vor sich hinrotteten, war nur eine Fußnote.
Grausig, aber normal im Krieg.
Über dieses Dorf war eben nur eine Partie Phalanx hinweggegangen.
Sie war die einzige Lebende, die zwischen den Häusern umherging. Sie kam sich dabei wie ein Geist vor, der diese Stätte der Gräuel heimsuchte. 
Eine Bewegung schreckte sie auf. Ihre Hand war zum Fechtspeer hin gefahren.
Es war ein Riese von einem Mann gewesen, der mit versteinertem Gesicht aus einer Seitengasse kam, in der sie selber vorhin ein paar tote Kinder entdeckt hatte, und der vom Auftauchen einer weiteren lebendigen Seele genauso überrascht worden war wie sie. Er trug einen Lederharnisch mit aufgenähten Metallteilen, Schulterschutz; keine reguläre Uniform. Nur um seinen Kopf trug er ein Stirnband mit einem Emblem. Auffällig an ihm war der Schopf dicker, verfilzter Zöpfe von der Farbe dürrer, ausgebleichter Ähren, die ihm um den Kopf baumelten. Sein Gesicht war ihr damals vorgekommen wie aus Stein gemeißelt; vielleicht kam das von den Eindrücken, die er gerade in sich aufgenommen hatte.
Seine Nasenflügel blähten sich, und er sah sie aufblickend aus toten Augen an.
Sie erinnerte sich an die Söldnerbruderschaft, die ihr Lager neben dem ihren aufgeschlagen hatte. Vom Idirischen Reich angeheuert, an einem Ort die Drecksarbeit zu erledigen, an den man nicht schnell genug ausreichend Soldaten der eigenen Armee hinschaffen konnte.
„Söldner?“, hatte sie ihn also gefragt.
„Fardische Bruderschaft“, hatte er auf sein Stirnband deutend geantwortet. So hieß die Kompanie, in der er sich damals eingeschrieben hatte.
Ihre eigene Zugehörigkeit bedurfte keiner Frage, sie war an ihrer Uniform deutlich genug zu erkennen gewesen.
Dann waren beide verstummt, hatten nur weiter erstarrt ihre Blicke in gegenläufigen Kreisen über all das Leben schweifen lassen, das hier in Dreck und Grauen geendet hatte.
„Für die hier hätten wir kämpfen sollen, nicht für die Arschlöcher in Idirium“, sagte Danak.
„Sag mir, wie das gehen soll in dieser Welt“, hatte Khrival zurückgegeben.

Als der Krieg zu Ende war, kehrte sie in ihre Heimatstadt Rhun zurück und Khrival ging mit ihr. Gemeinsam hatten sie sich dann bei der Stadtmiliz Rhun beworben und sich schließlich den Turm an den Rock geheftet.



Weiter geht’s im Roman „Homunkulus“ als eBook oder als Print-Buch.


Oder auch nächstes Wochenende hier auf diesem Blog.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen