25. Mai 2014

"Homunkulus" Folge 4

Verstreute spärliche Gruppen von Schaulustigen drückten sich in sicherer Entfernung an der Peripherie herum und sahen zu, wie die Gefangenen von der Miliz aus der Kirche herausgebracht und über das überwucherte Brachfeld zu den „Schwarzen Roschas“, den Milizkutschen mit den vergitterten Schlägen gebracht wurden.
Die Zeichen der neuen Zeit. Die Gaffer kamen nicht mehr nahe ran, aus Angst, sie könnten identifiziert werden und auf die schwarzen Listen der Besatzer geraten. Und irgendwann stand dann einmal eine Schwarze Roscha vor ihrem Haus. Dämliche Mythen. Hielten sich aber hartnäckig in der Bevölkerung. Verbreiteten sich sogar noch und wuchsen dabei an. Als ob sie für so was zuständig wären. Verdammt, sie waren Stadtmiliz. Ihr Emblem, der Turm mit der Rhunskrone, war klar und deutlich auf den Roschas zu erkennen. Ihre Aufgabe war es, auf den Straßen von Rhun für Sicherheit zu sorgen. Für blanken Terror war die Protektoratsgarde zuständig. Nicht ihr Metier. 
Danak spuckte aus, und sah auf dem Boden, dass Blut mitgekommen war, fuhr mit der Zunge auf der Suche nach der Wunde im Mund herum. Sinnlos, sie spürte gar nichts. Sie fühlte sich auch ohne äußere Blessuren einfach nur ganz und gar taub. 
Vereinzelte Rufe wurden von den entfernten Gruppen laut. Etwas von Spitzohrschergen, das Übliche. Ein, zwei Steine wurden auch geworfen. Dass ihr jemand dankend die Hand schüttelte, erwartete sie schon lange nicht mehr. Diesen Job zu machen, musste ihr Belohnung genug sein. Nichtmenschenbesatzer hin oder her, einer musste die Straßen sauber halten. Es gab schließlich noch genug normale Bürger, die mit den Kriegen und der Politik der Herrschenden nichts am Wams hatten. Und der Großteil der Bevölkerung war nach der ganzen Zeit kriegsmüde geworden. Ihnen war egal, wer die Herrschaft über das Land oder die Stadt ausübte, solange sie nur ein kleines bisschen Normalität bekamen. Solange sie nur ihr Leben, einigermaßen vor Mord und Totschlag geschützt, weiterleben konnten. Die wollten mit dem Krieg dort draußen schon lange nichts mehr zu tun haben. Die wollten nichts von angeblichen Marodeuren oder vom Widerstand hören.
Und irgendjemand musste dafür sorgen, dass diese Leute auch den Schutz bekamen, den sie brauchten, um ein einigermaßen normales Leben zu führen. Die Kerle in den Kastellen und Amtsstuben sahen nicht, was von ihren Entscheidungen unten ankam, und es war ihnen auch egal. Ein paar von den Steinen, die da geworfen wurden, würden ihnen ganz gut tun. Sie würden jedenfalls keinen Falschen treffen.
Sie wandte sich ab, weg vom Anblick der Gaffer und der Prozession der Gefangenen zu den Schwarzen Roschas hin. Die Ruine der Haikirion-Kirche ragte vor ihr auf.
Sie war eine Kultstätte des Duomnon-Mysteriums gewesen und stand am Rand einer ausgedehnten verwilderten Fläche, die in den Grenzstreifen zwischen den Quartieren Ost-Rhun und Kaiverstod hineinschnitt. Die Haikirion-Kirche war, nachdem die Kämpfe um die Stadt Rhun geendet hatten, eines der ersten Opfer von Übergriffen des Einen Wegs auf Einrichtungen des Duomnon-Mysteriums geworden. Die Anhänger der extremen Glaubensrichtung des Einen Weges waren nicht nur für das Geheimnis der Magie zu den Invasoren übergelaufen, sie hatten auch schnell ihre neugewonnene Macht zu einem Kreuzzug gegen den konkurrierenden Zweig des Inaim-Glaubens genutzt. Jetzt war die Haikirion-Kirche eine Ruine, eine ausgebrannte, zerstörte Hülle, ihre zerborstenen Mauern ragten wie schartige Zähne in den Himmel. Innen bildeten die Bruchstücke der eingestürzten Wände mit Resten der verkohlten Träger des Balkenwerks eine unüberschaubare, rußgeschwärzte Trümmerlandschaft.
 In der Bevölkerung ging der Aberglaube von den Geistern derer um, die durch die Anhänger des Einen Weges und die entfesselten Kräfte ihrer Magier getötet worden waren und die nun die Ruinen und Katakomben darunter heimsuchen sollten. Das hielt die meisten von der Kirche fern. Und die Angst, als Anhänger des Duomnon-Mysterium verdächtigt zu werden und auf die schwarzen Listen zu geraten.
Danak ging ein paar Schritte in Richtung des Gewirrs brusthoch aufschießender Wildgrasbüschel und vereinzelter knorriger Bäumen, dorthin, wo das wahre Ödland hinter der Haikirion-Kirche begann.
Kinphaurische Armbrustbatterien. Sie hatte schon davon gehört aber bisher noch nie eine mit eigenen Augen gesehen. In solchen Kriegen war sie Gott sei Dank nicht gewesen.
Diese Waffen waren von den Nichtmenschen bei ihrer Invasion, bei den erbitterten Kämpfen um den Nordwesten von Niedernaugarien eingesetzt worden. Schon vorher, in dem furchtbaren Bürgerkrieg um die Kinphaurenprovinz Kvay-Nan waren sie von den Aufständischen in jenen Schlachten eingesetzt worden, die heute sprichwörtlich für die Grauen des Krieges standen: Khuvhaurn, Khavai-Kharn, die Schlacht um die Urwaldfeste von Jhipan-Naraúk. 
Genau wie bei diesem Homunkulus. Kaum auszudenken, was man mit Armbrustbatterien in den Straßen von Rhun anrichten konnte. Hatte diese neue Bande irgendetwas Extremes damit vor? Brauchten sie sie, um ihr neues Revier oder ihr neues Hauptquartier zu sichern?
Der Hüne in dem grauen Mantel. Das war keine Bekleidung, die man in der Stadt trug. So was trug man nicht auf den Straßen; das war nicht die Kluft einer Meute. Das war etwas für die Wildnis.
Homunkuli wurden von den Kinphauren in diesem Krieg gegen die Kräfte der idirischen Seite eingesetzt. Waren das etwa welche von den Marodeuren, die den Kinphauren dort draußen im Land das Leben schwer machten? Eine Truppe, die den Kämpfen im Niemandsland entkommen und sich jetzt in der Stadt breitmachen wollte? Und dafür Waffen benötigte? So etwas wie einen von den Schlachtfeldern geborgenen Homunkulus und Armbrustbatterien? Um sich hier in Rhun zu etablieren?
Sie hatten leider keinen von denen zu packen bekommen. Von den Firnwölfen würde ihnen sicherlich keiner wichtige Informationen verraten. Die Wölfe waren straff organisiert und übten überall ihren Einfluss aus. Niemand aus ihrem Umfeld wurde zum Verräter, aus lauter Angst, was dann mit ihm oder seinen Angehörigen geschehen würde.
Von dort, wo die Häuser begannen, hörte sie erneut Rufe über das Brachfeld hallen. 
„Mörder!“
„Verräter!“
„Kinphaurenschergen!“
Der Richtung der Rufe folgend, ging ihr Blick wieder zu der Kirche hinüber, und sie sah, dass nun die Toten aus dem Gemäuer getragen wurden.
Die Toten. Ein galliger Geschmack sammelte sich in ihrem Mund und sie musste schwer schlucken, um ihn weg zu bekommen. Sie spürte, dass ihre Arme wieder anfingen zu zittern. Khrival, verdammt. Ihre Finger, verflucht, wie bei einem Junkie, ihr gingen so die Knochen, sie konnte gar nicht stillhalten.
Auf halbem Weg zum Zug ihrer Leute hinüber traf sie auf Mercer. Ihr Anblick brachte die steinerne Maske professioneller Abgebrühtheit, die er seinen Zügen aufgeprägt hatte, ein wenig zum Verschwimmen, und darunter kamen Spuren von Betroffenheit und Verwirrung zum Vorschein.
„Was war das, zur Hölle?“, fragte er kopfschüttelnd. „Das war doch kein normaler Einsatz. Das war eine Schlacht.“ Er blieb neben ihr stehen und gemeinsam schauten sie, wie je zwei Milizionäre einen Toten an Armen und Beine über das die Kirche umgebende Brachland trugen. „Hast du so etwas schon einmal erlebt?“
Chik und Histan kamen aus dem Gemäuer und trugen gemeinsam die Leiche von Khrival, aufgebahrt auf einem Deckel der beschlagnahmten Kisten.
„Ja“, antwortete Danak Mercer, „hab ich. Im Krieg.“


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