18. Mai 2014

"Homunkulus" Folge 3

2

Sie waren eine aufeinander eingespielte Truppe.
Vorna Kuidanak, von allen nur Danak genannt, war der Kopf des Kaders, Ex-Soldatin, danach Stadtmiliz Rhun. Sandros Moridian, schwarzes Schaf aus alteingesessener Rhuner Familie; er schaffte es irgendwie immer wieder, über zahlreiche Kontakte an alle möglichen und unmöglichen Informationen heranzukommen. Histan Vohlt, war der Kühle, Verlässliche, der ruhende Pol ihrer Truppe; gut ihn zu haben. Mercer dagegen war ein Hitzkopf, aber er war kompetent und hatte Biss, wenn man verstand ihn im Zaum zu halten. Chik hieß eigentlich Maisaczik, sein Vorname war schlimmer, er stammte aus Bilginaum. Khrival war tot.
Sie war zu dem Platz, wo sie ihn hatte fallen sehen, zurückgegangen, und er hatte noch immer dagelegen, so unmöglich still. So wie sie ihn noch nie gesehen hatte. So einfach zur Seite gekippt.
Bleich, starr, die markanten Falten hatten nichts Lebendiges mehr, wirklich nur noch Kerben, so wie man sie auch in einem Stück Holz oder in einem Klumpen Ton hätte finden können. Sie folgten den Gesetzen unbelebter Materie. Fleisch, das es zur Erde zog. 
Eine weitere, eine tiefe, blutig rohe Kerbe zeichnete seinen Hals. Von dort war alles Leben aus ihm ausgelaufen, hatte sich mit Dreck und Staub vermischt. Der Kopf hing aber noch am Hals.
Sie stand wohl eine Weile da. Wie lange, wusste sie nicht.
Während sich in ihrem Geist eine lähmende Kälte ausbreitete. Ihr Körper, der Verräter, wollte dabei nicht aufhören zu beben, als müsse er die ganze Zeit in einem fort immer wieder und wieder brüllen und brüllen: Ich lebe noch, ich lebe noch.
Sei still, sei still, sei still: Khrival ist tot! Hast du das noch nicht begriffen? Sei still, du mieser, kalter, egoistischer Drecksack!
Das Rauschen in ihren Ohren klang laut wie Fanfarengedröhn, dabei flach wie eine Nebelwand. Dahinter wütete irgendetwas sinnlos vor sich hin, aber das war nicht sie, und sie hätte nichts davon benennen können.
Sie fühlte die Anspannung ihrer Arme, straff gespannte Bogensehnen, doch sie traute sich nicht, sie zu lockern, aus Angst, sie würde dann anfangen, unkontrolliert und grobschlägig zu schlottern, wie bei Schüttelfrost, und wenn sie einmal anfing, war sie sich nicht sicher, jemals wieder aufhören zu können.
Khrival.
Sie hörte nicht, wie Histan Vohlt hinzutrat, merkte erst, dass er mit ihr sprach, als er ihr die Hand auf die Schulter legte. 
Sie riss sich aus seinem Griff frei, als sie sich der Berührung bewusst wurde. Fast hätte sie ihm die Faust ins Gesicht gedroschen, im Reflex, im Fluss der Bewegung. Gerade noch konnte sie sich stoppen. Histan wich einen Schritt zurück, sagte wieder etwas.
Tote habe es gegeben. Sie sollten in die Kammer direkt hinter dem Eingang zurückgehen. 
„Musst du mir nicht sagen, verdammt!“ Es war ihre Stimme, die ihn anbrüllte. „Denkst du ich bin blind? Dass es Tote gegeben hat, seh’ ich verdammt noch mal selber ganz gut!“ 
Khrival.
Histan hob besänftigend die Arme. Sie sah es zwar, doch so, als sei gar nicht sie gemeint, als hätte das alles gar nichts mit ihr zu tun. Als sei Histan nur ein bloßer Schatten, irgendwo. Sein Mund bewegte sich, aber das, was er sagte, ergab keinen Sinn.
Khrival.
Das ging so nicht. Sie musste sich irgendwie in den Griff kriegen. Das hier musste weitergehen.
Es ist dein Job. Du hast ihn dir ausgesucht, du hattest deine Gründe. Ihr hattet eure Gründe.
Khrivals Gründe waren hier gerade in Dreck und Staub aus ihm herausgeblutet. 
Histan redete mit ihr. Sein Blick ging zum Boden, zu Khrival rüber. Auch er war bleich. Geschockt, behielt aber die Kontrolle. Es musste schließlich weitergehen. Musste es wohl. Sie war hier die Anführerin.
Sie setzte sich in Bewegung, spürte ihre Glieder sich rühren, ihre Beine Schritte vorwärts tun.
Als sie in der Hauptkammer ankam, zeigte sich, dass auf der eigenen Seite noch mehr Opfer zu beklagen waren. Neben dem Gardisten und Khrival, die im Kampf gegen den Homunkulus gefallen waren, gab es hier zwei weitere Tote, zwei Gardisten waren schwer verletzt. Eine Menge Verluste für so einen Zugriff. Auf der anderen Seite ebenfalls vier Tote und weitere Verletzte. Und der tote Bannschreiber.
Sandros kam auf sie zu, erregt, schnellen Schrittes.
„Stimmt das, was die sagen? Ein Kampfhomunkulus? Ich dachte schon, der ganze Bau bricht ein.“
„Wär’ auch fast. Aber ohne Kopf macht auch so ein Vieh nichts mehr.“
„Und das mit Khrival?“
Sie nickte nur stumm.
Sandros schloss die Augen und drehte den Kopf weg. „Mann, Scheiße.“ Mehr sagte er nicht. Mehr war da im Moment auch nicht zu sagen. Er wurde nur bleich, und seine ganze Mimik sackte in sich zusammen, maskenhaft, wie in sich erstarrt. Sandros kannte den Vorsekkmann zwar nicht ganz so lange wie sie, aber immerhin auch schon seit einer halben Ewigkeit.
Sandros hatte während der ganzen Schweinerei mit dem Biest hier vorne ganze Arbeit geleistet. Mit den anderen Milizionären hatte er einen großen Teil der Firnwölfe zusammengetrieben und festgenommen. Nur die Anführer beider Gruppen waren entkommen. Zwei von der unbekannten Bande hatten sie erwischt, allerdings nicht lebend.
„Ich bin mir sicher, ich habe Daek unter den Fliehenden gesehen. Leutnant der Firnwölfe, der Kopf der einen Seite“, sagte sie, die Reihen der Gefangenen entlangblickend. Nein, selbst jetzt, mit der Gelegenheit, sie genauer zu mustern, konnte sie die Handelspartner der Firnwölfe keiner Bande, die sie kannte, zuordnen. Irgendetwas passte hier nicht. „Und die anderen? Da war ein Riese im grauen Mantel. Gab Zeichen, und alles sprang.“
„Kaum zu übersehen, der Kerl. Könnte ein Soldatenmantel gewesen sein. Vielleicht ein Deserteur“, meinte Sandros.
„Das war kein Soldatenmantel. Das war kein Soldat.“
Irgendjemand von draußen, der versuchte die unsicher gewordenen Positionen in einer Stadt unter Besatzung zu nutzen und sich neu reinzudrängen? Sandros sah sie von der Seite an, legte den Kopf schief, nickte dann nur. 
„Kennst du die Kerle?“, fragte sie. „Kannst du sie irgendwo unterbringen?“
„Muss eine neue Bande sein. Hab sie nie gesehen.“ Sandros packte einen der gefangenen Firnwölfe am Arm, während dieser – ein unrasierter Kerl, der eher auch ein Veteran oder Söldner hätte sein können – sie beide finster und verächtlich anstarrte. Die Tätowierung eines stilisierten Wolfsschädels mit einem quer kreuzenden Dolch prangte deutlich sichtbar darauf. „Firnwölfe tragen ihren Wolfskopf in die Haut gestochen und das Fell am Rock, aber bei diesen anderen Typen habe ich kein Zeichen irgendeiner Bandenzugehörigkeit erkennen können.“ Er ließ den Firnwolf los und stieß ihn zurück in die Reihe der Gefesselten. 
Dass die Firnwölfe die eine Seite des Handels darstellten, hatte ihr auch ihr neuer Milizhauptmann Kylar Banátrass gesagt, als er ihr den Auftrag erteilte. Die Geschichte war eigentlich ein Skandal für die kinphaurischen Besatzer. Denn irgendwie war es den Wölfen gelungen, ein Waffenlager der Kinphauren zu überfallen und auszurauben. Über die Umstände schwieg sich Banátrass aus. Weil er nichts wusste oder weil die ganze Angelegenheit so peinlich war. Jedenfalls wollten die Firnwölfe nun ihre Beute an die kriminelle Unterwelt von Rhun verkaufen. 
Sie hatte in Banátrass Amtsstube gestanden, hatte über dessen penibel aufgeräumten Schreibtisch geblickt und ihr war klar, dass ihr neuer Hauptmann, dieses feine Schoßkind der Besatzer, keinen Gedanken daran verschwendete, welche Gefahr kinphaurische Sturmarmbrüste in den Straßen für die Bürger von Rhun bedeuteten. Er schickte sie lediglich los, um ganz schnell die Spuren der Blamage für seine Herren aus der Welt zu schaffen. Punkte sammeln. 
Derjenige, unter dessen Verantwortungsbereich die gestohlenen Waffen fielen, war mit Sicherheit schon längst von Banátrass’ nichtmenschlichen, knochenbleichen Verbündeten liquidiert worden. Wahrscheinlich vom „Beil des Roten Dolches“ persönlich.
Über die Käufer hatte Banátrass nichts sagen können. Eine ganze Partie kinphaurischer Repetierarmbrüste würde dem Besitzer einen großen Vorteil gegenüber konkurrierenden Banden verschaffen. Daher hatte sie eine der ihnen schon bekannten Meuten erwartet, die die Unterwelt Rhuns beherrschten und Profit aus der unsicheren Situation zu Kriegszeiten schlugen. 
„Komisch.“ Danak musterte erneut die Gefangenen und schüttelte den Kopf. Irgendetwas störte sie. Ganz zu schweigen davon, wie man einen Homunkulus in die Stadt schaffen konnte und was der in einem Kampf Meute gegen Meute in den Straßen von Rhun hätte anrichten können.
„Was soll das für eine unbekannte Bande sein? Und warum verkaufen ihnen die Wölfe Armbrüste, die sie selber gebrauchen könnten.“
„Zu heiß? Oder wegen der Kohle? Weil die Firnwölfe sich mächtig genug fühlen und in ihrem Revier keine Konkurrenz fürchten? Die Firnwölfe sind eine ziemlich starke Organisation.“
„Bevor ihr weiterspekuliert, schaut euch mal an, was wirklich in den Kisten ist.“ Histan Volt war zu ihnen herübergekommen und hatte den letzten Teil ihres Gespräches mit angehört.
Mercer und Chik standen ebenfalls um die Kisten herum, hatten bereits die Deckel der restlichen geöffnet und zogen nacheinander verschiedene Teile des Inhalts heraus. Nein, das waren keine Sturmarmbrüste. Das sah man auf den ersten Blick.
„Was zur Hölle ist das?“
„Offensichtlich Bauteile für etwas.“
In der Kiste eingepackt lagen komplexe Gebilde aus Holz und Metall, zum Teil schon zu größeren Einheiten vormontiert. Ineinander greifende Bögen, Räderwerk, Stützen, Spannmechanismen, wie sie sie aus ihrer Soldatenzeit von großen Belagerungsarbalesten her kannte.
„Aber Bauteile für was?“
Histan nahm jetzt einen Bogenarm heraus und hielt ihn vor sich hin, zu groß für eine normale Armbrust, aber auch so geformt, dass er auch zu keiner Arbaleste, wie sie sie bisher gesehen hatte, passen wollte.
„Ich glaube, das sind Teile für eine kinphaurische Armbrustbatterie.“
„Wofür brauchen Straßenbanden Armbrustbatterien?“

Danak und ihre Kadergefährten sahen einander über die aufgebrochenen Kisten hinweg ratlos an.



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