4. März 2013

Auric der Unzuverlässige?


In den Rezensionen zu „Ninragon“ ist kürzlich eine Frage aufgetaucht, die ich so eigentlich schon früher erwartet hätte. 
Eine Rezensentin erkundigte sich, warum die Geschichte Aurics, die dieser vor dem Ninra Darachel ausbreitet, nicht in der 1. Person Singular, der Ich-Form, erzähle. Eigentlich böte sich das doch logisch an.
Ich muss ihr zustimmen: Es bietet sich an, ja, es drängt sich auf, die Geschichte, wie sie Auric auch Darachel erzählt in der Ich-Form zu schreiben. Und natürlich war das eine Frage, die auch ich mir beim Schreiben des Romans beantworten musste. 
Die Frage nach der Ich-Perspektive biederte sich an, und ich habe mich fast augenblicklich dagegen entschieden. 
Es war eine Instinkt-Reaktion, deren Gründe aber auch sofort klar waren.
Auf die Frage nach den Motiven, zunächst die kurze, unmittelbare Antwort:
Ich wollte, dass beim Leser nicht der geringste Zweifel bleibt, dass das, was er liest, auch das ist, was geschehen ist. Und ich wollte im Gegenzug, dass der Leser nicht erfährt, was davon und auf welche Weise es Auric Darachel erzählt hat. Ich wollte, dass der Leser weiß, was Auric weiß (und vielleicht noch ein bisschen mehr) aber nicht, was Darachel darüber von ihm erfährt. Ein gutes Beispiel in der Fantasy dafür ist ein Meilenstein der Fantasy (kein subjektives Wert- oder Geschmacksurteil), Gene Wolfes „Buch der Neuen Sonne“ (in Deutsch: „Der Schatten des Folterers“, „Die Klaue des Schlichters“, „Das Schwert des Liktors“ und „Die Zitadelle des Autarchen“). Ein anderes, neueres Beispiel dafür ist „Der Name des Windes“ von Patrick Rothfuss. (Ausdrücklich absolut kein subjektives Urteil an dieser Stelle hierüber. Doch hätte ich das Buch gekannt, als ich den „Ninragon“ schrieb, wäre mein Entschluss gegen diese Perspektive noch entschiedener gewesen.)
Anders ausgedrückt: Ich wollte die Perspektive des unzuverlässigen Erzählers umkehren. Bei dieser Erzählhaltung erfährt der Leser alles, was der Protagonist darüber von sich gibt, aber er weiß nicht, was davon wahr ist.
Dies ist zwar eindeutig und unzweifelhaft der Hauptgrund aber es gibt einige Nebenaspekte, die dieses Hauptmotiv nährten.
1.) Ich stehe der Ich-Perspektive kritisch gegenüber. Sie ist mir suspekt. Manchmal ist sie genau das Richtige, ein bekanntes Beispiel dafür ist „Der Fänger im Roggen“. Ein  klassisches Beispiel und unzweifelhaft ein Roman der Weltliteratur ist „Moby Dick“. Doch niemand weiß bei diesem Roman – und vielleicht macht ihn gerade das so faszinierend –, ob all das, was dort berichtet wird, so geschehen ist, oder ob das mythisch Überhöhte nur der Vorstellungskraft des Erzählers Ismael entstammt, dessen Verstand vielleicht auch bei der ganzen Geschichte gelitten hat. 
Es gibt gute Gründe, einen Roman in der Ich-Stimme zu schreiben. Das kann sehr schwer sein. Aber andererseits kann alles am Schreiben sehr schwer sein. Das ist der Grund, warum es all diese Regeln in den Büchern über das Schreiben gibt. Sie warnen vor Klippen, an denen ein nicht so guter Schreiber garantiert zerschellt. Was aber oft dabei vergessen wird, ist, dass gerade ein guter Schreiber sie mit Bravour meistert (gegen genau diese ehernen Regeln verstößt) und gerade dadurch besonders glänzt. Aber andererseits, woran scheitert ein schlechter Schreiber nicht? Dies stellt eigentlich den Wert dieser Bücher über das Schreiben in Frage. (Oh, ich liebe es, sie zu lesen, denn sie machen einem das Handwerk immer wieder bewusst. Sei es durch Zustimmung zu den Regeln oder ihre Ablehnung.) Sind sie nicht daher gerade an jene gerichtet, an die sie absolut verschwendet sind? Und wird jemand, der wirklich Talent hat, der Typ von Mensch sein, der sich sein Können dadurch aneignet, dass er sich unhinterfragt schnurstracks eine Liste von Regeln über das Gebiet einprägt, in dem er vom Herzen und vom Talent her zu Hause ist? Aber ich schweife ab.
Ich hatte schon vorher einen Comic in der Ich-Form geschrieben und mir schon mitten in diesem Projekt geschworen, dass ich das so bald nicht wieder tun würde. Weil mir dabei die Beschränkungen dieser Form nur zu deutlich wurden. Zum Beispiel: Der Ich-Erzähler-Protagonist ist ein Käfig. Man muss einige Tricks anwenden, um den Gitterstäben zu entkommen. In manchen Fällen möchte man aber gerade diese Tricks nicht anwenden. Für die eingeschränkte dritte Person, sagen wir mal schlicht der „Er-Erzähler, gilt das nicht. Weil diese Perspektive nur eine Erfindung, eine Fiktion ist, die so eigentlich nicht existiert. Weil sie immer der allwissende Erzähler ist, der (in den schönsten Fällen) aus emotionaler Näher zu den Charakter seine Allwissenheit verstummen lässt, sich ihrer entsagt, und sich ganz nah an die Person heran begibt. So können aber immer noch Schichten mitschwingen, die aus der Allwissenheit des Autors herrühren und in die Stimme des Protagonisten hinein diffundieren mögen.
Das wovon man spricht, wenn man Eingeschränkte-Dritte-Person sagt, ist nur ein Modell für Anfänger und Lektoren. (siehe oben, Bücher über das Schreiben)
2.) Die Erzählung in der 1. Person verursacht, wie ich schon oben anführte, immer einen unzuverlässigen Erzähler. Der Leser weiß nicht, ob das, was der Erzähler sagt, der Wahrheit entspricht. In „Ninragon“ wäre das noch verstärkt worden, da der Adressat der Ich-Erzählung keine imaginäre Person gewesen wäre, die Erzählperson nicht (fiktiv) den Leser anspricht oder eine nicht definierte höhere Instanz, sondern Auric alles einer in der Geschichte tatsächlich vorkommenden Person (meist Darachel) erzählt. Das macht die Worte des Erzählers noch anzweifelbarer. Der Adressat beeinflusst nun einmal die Art der Gesagten. Zum anderen gäbe es dann, bedingt durch die zwei Handlungsstränge einen Teil in der dritten Person und einen Handlungsstrang in der 1. Person. Durch diesen Kontrast wird der Effekt einer Erzählung in der 1. Person noch verstärkt und somit der Effekt der Unzuverlässigkeit.
3.) Die 1. Person lässt nicht eine bestimmte Art des Erzählen zu, die für mich die höchste Errungenschaft in der Entwicklung des Erzählens darstellt: die verschiedenen Ebenen und Schichten der Perspektive, die Meister des Erzählens zu etwas ganz Großartigem nutzen und die Anfänger meist vollkommen in den Sand setzen. Deswegen raten auch die meisten Lehrer und Lehrmeister davon ab, erheben dies zu einem Gesetz und werten den Verstoß dagegen als Fehler. (Wodurch die besten Werke der Literatur zu gigantischen Fehlern würden.) Wie schon oben gesagt: Eigentlich gibt es die eingeschränkte Perspektive 3. Person nicht. Eigentlich ist sie immer ein allwissender Erzähler, der sich einschränkt und auf eine Sichtweise konzentriert. Der allwissende Erzähler scheint jedoch immer durch. Man kann dies für herrliche Effekte verwenden. Indem fast unmerklich, nur durch ein Wort, auch innerhalb eines Satzes, die Perspektive changiert, Schichten der Beobachtung einfließen lässt, die erst den modernen Roman zu so etwas herrlich Schillernden, Enthüllenden und Faszinierendem machen. Dies kann aufgrund dieser besagten emotionalen Nähe des allwissenden Erzählers zu seinen Figuren geschehen. Er nimmt die Stimme seiner Figur an, kriecht gewissermaßen in ihre Sichtwiese herein – aber er ist und bleibt immer noch der allwissende Erzähler. Henry James war ein Meister dieser Disziplin.
Jedem, der sich für eine klarsichtige Untersuchung von Erzählhaltungen fernab von unhinterfragten Klischees interessiert, dem sei James Woods großartiges Buch „Die Kunst des Erzählens“ empfohlen, das in Deutrschland sehr spät entdeckt wurde und auf dessen bodenständige, hellsichtige Offensichtlichkeiten, das Feuilleton zum Teil mit Verblüffung reagierte.
Die Frage der Erzählperspektive ist eine interessante und heikle. Mit einen offenen Blick können durch ihre geschickte Handhabe wunderbare Effekte erreicht werden, die das Herz dessen berühren, was die Literatur zu einem solch wunderbaren Medium macht.

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