15. Februar 2013

Brief an eine Rezensentin


Dieser Tage bekam ich eine Mail von Anja Josua, der Autorin des Blogs „Bücherzauber“.
„Hallo Horus“, stand darin, „gerade habe ich eine Rezension zu dem ersten Ninragon-Band geschrieben. Puh, das war harter Tobak und sehr faszinierend.“  
Über die Rezension, die ich daraufhin auf ihrem Blog fand, habe ich mich sehr gefreut, aber dieser Einleitungssatz hat mich stutzen lassen. Obwohl ich ähnlichen Äußerungen schon des öfteren begegnet bin, hat meine Verwunderung seit meiner ersten Begegnung mit dieser Reaktion nicht nachgelassen.
Nachdem ich also eine Dankesmail an Anja begann, fand ich mich plötzlich mitten in einer schriftlichen Betrachtung über meine Reaktion und meine Motivationen. Ich möchte dieses Brief hier, weil er auch Themen anschlägt, die hier zur Sprache kommen sollten, in veränderter und erweiterter Form hier wiedergeben:

Liebe Anja, die Meinung, dass „Ninragon“ ganzer harter Tobak ist, schlägt mir immer wieder entgegen, meist positiv, zuweilen aber auch negativ. Mich verwundert das ein bisschen, denn das war mit beim Schreiben gar nicht so bewusst. Ich hatte keineswegs den Eindruck „harten Tobak“ zu schreiben. Das, was ich da zu Papier gebracht habe, war ganz einfach nur mein Interpretation klassischer Fantasy-Themen, mein Beitrag zu diesem Genre nach langer Zeit der Abstinenz, bei dem ich das anders machen wollte, was mich so lange von der Fantasy ferngehalten hat. 
Unter anderem wollte ich all das Halbherzige und Geheuchelte, diese ganze Schwarz-Weiß-Malerei und Beschönigung von Kriegen und Schlachten herausflammen. Krieg ist etwas Schreckliches und man kann und darf es nicht zu etwas Heroischem, Edlen und Schönen hochstilisieren. 
Hierzu haben mich seit jeher einige Fragen umgetrieben, mit denen ich direkt konfrontiert wurde, als ich ein Genre in Angriff nahm, das mit seinen Themen immer wieder an genau diese Punkte rührt.
Mich hat schon immer interessiert, was das für Menschen sind, die so solche Dinge, welche die üblichen Geschehnisse und Handlungsmuster in der Fantasy ausmachen, ertragen und dabei überleben können: Krieg, Schlachten, Gewalt, Mord und Totschlag, das ganze Grauen des Krieges. Und noch mehr, wie ein Mensch fühlt, der andere Menschen in eine solche Hölle hineinschickt. Sieht er sich als schlechten Menschen? Kann er sich selber noch ertragen? Wie rechtfertigt er das, was er tut, vor sich selber?
Ich dachte, dies ernsthaft zu behandeln, wäre ich meiner Liebe zu diesem Genre und der Ehrlichkeit schuldig – jener schriftstellerischen Redlichkeit, die eine Verpflichtung zu inhaltlicher und thematischer Aufrichtigkeit darstellt in einem Beruf, der ansonsten bloß Erfundenes und Erdachtes hervorbringt. Diese Liebe zu einem Genre sehe ich ähnlich der Liebe zu einem anderen Menschen: Wenn man liebt, belügt man nicht. 
Ich dachte, dass ich nur das Recht hätte, in diesem Genre jetzt und auch weiterhin zu schreiben, wenn ich zu Anfang auf diese Fragen ehrliche Antworten gebe. Anscheinend war das für einige Leser zu hart. Ich kann aber mit Heuchelei nicht leben. Ich kann keine Schlächter glorifizieren, wie das in manchen Fantasy-Epen durch die Schönfärberei von Krieg und „Heroismus“ getan wird. Ich glaube auch nicht, das ein Mensch so einfach durch diese Kriege und Schlachten hindurchgeht, wie das oft in der Fantasy beschrieben wird. Die Geschichten der Überlebenden des 1. und 2. Weltkrieges oder des Vietnam-Krieges sprechen eine andere Sprache.
Umso mehr freut es mich, liebe Anja, wenn dir der erste Band von „Ninragon“ gefallen hat. Ich denke mir, nach dieser Trilogie kann ich auch „leichtere“ Bücher schreiben, nachdem ich einmal diesen „Kreuzweg“ gegangen bin, um für mich den Aspekt in diesem Genre auszuloten, der die meiste Falschheit in sich trägt und es dadurch für mich gewissermaßen zu reinigen.
Ähnlich wie mit dem Thema Krieg und Gewalt erging es mit mit der Sprache. Ich glaubte, die Elfen, die Ninraé nicht anders darstellen zu dürfen, denn als Aliens. Sie gehören einer anderen Rasse an, sie leben und denken in anderen Kategorien; schließlich sind sie dabei, die materielle Daseinsebene ganz zu verlassen. Maßstab waren für mich also hier die phantasievollen Ausarbeitungen und Beschreibungen von Alien-Rassen, wie sie in (guter) Science-Fiction-Literatur vollkommen normal sind, und nicht die leicht abgewandelten Menschen – nur ein bisschen „edler“ – als die Elfen bei den Tolkien-Epigonen dargestellt werden. Da sich Sein in Sprache äußert, war es mir – wenn ich auch hier redlich sein wollte – nicht möglich, ihre Diktion in kurze, knappe Umgangssprache zu fassen. Wesen die fremdartig sind, können nicht in simpler, vertrauter Sprache denken. Hier begegnen wir einem exemplarischen Problem der phantastischen Literatur: Wie gibt man das Fremdartige für den Leser entzifferbar wieder? Wie lässt man es so erscheinen, dass es fremdartig wirkt aber noch vertraut genug, um dem Leser verständlich zu bleiben.
Die Science Fiction hat sich mit diesem Thema intensiver auseinandergesetzt. Fantasy hat sich meist darum herumgedrückt. Ich dachte, es wäre an der Zeit, auch in diesem Genre dem Thema nicht mehr auszuweichen. Ich sehe auch keinen Grund hierzu. Ich glaube nicht, dass Fantasy-Leser dümmer sind als Science-Fiction-Leser. Ich glaube nicht, dass Lese-Intelligenz durch Genrevorlieben bestimmt wird.
Ich denke, der Fantasy-Leser ist durchaus reif und bereit für eine solche Sprache. Sie ist, wenn man die Literatur in ihrer Gesamtheit betrachtet, nicht außergewöhnlich. Je nachdem, woran man sie hier misst, ist sie eher schlicht.
Ich sehe es damals so und sehe es heute so: Wenn ich tatsächlich „harten Tobak“ geschrieben habe, dann ist Wahrheit und Aufrichtigkeit selber „harter Tobak“. Dem sehe ich mich als Schriftsteller allerdings verpflichtet. Ich freue mich, dass dies bei vielen Lesern Anerkennung findet.
Nochmals vielen Dank für die Rezension. Viel Spaß weiterhin beim Bloggen. 
Wir hören voneinander.

Alles Gute!

Horus


Hier noch einmal der Link zu Anja Josuas Rezension und zu ihrem Blog „Bücherzauber“.

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