20. Januar 2013

Neuer Roman, neue Liebe


Seit meinem letzten Blogeintrag ist einige Zeit vergangen. Es ist hier etwas still geworden, verglichen mit der Frequenz der Posts in letzter Zeit. Das hat seine Gründe.
Ich hänge in der Anfangsphase eines neuen Romans.
Das ist immer eine ganz besondere Zeit. Und das gilt in diesem Fall auf extreme Weise.
Es ist etwas her, dass ich zuletzt einen Roman begonnen habe; es ist etwas her, dass ich zuletzt an einem neuen Roman geschrieben habe.
Meine letzten schriftstellerischen Arbeiten dienten der Überarbeitung von „Hyperdrive“, das inzwischen erschienen ist. Es musste redigiert und gekürzt, Szenen mussten umgestellt werden, neue Passagen, ganze neue Szenen wurden geschrieben. Doch hier war der Roman schon vorhanden. Das Gerüst stand schon, die Charaktere waren da, ihre Stimme, die des Romans war vorgegeben. Das alles musste nicht erst noch gefunden werden; ich musste mich nur noch hineinfühlen und mich hineinfallen lassen.
Es war auf jeden Fall ein intensives Erlebnis: die Begegnung mit alten Bekannten, die Begegnung mit Altbekanntem, das mir mit Abstand betrachtet in einem vollkommen neuen Licht erschien. Das deshalb an eine neue Zeit und eine neue Erfahrungsstufe angepasst werden musste.
Davor gab es die Arbeit an „Ninragon“ und das liegt für mich nach meinem Gefühl schon so lange in der Vergangenheit, das ist schon fast „Geschichte“.
Jetzt geht es also wieder an einen Roman, einen neuen, einen frischen, nach langer, langer Pause.
Zunächst muss ich mir mein Material wieder aneignen, muss mich durch den Wust an Notizen wühlen, muss mir vor Augen führen, was ich mit all dem damals, als ich diese Erzählung konzipierte, wohl gemeint hatte. Es gibt ein Exposee, es gibt ein für mich selber geschriebenes Konzept, das wesentlich ausführlicher ist. Aber dennoch muss ich mich erst einmal wieder in die Gedankenwelt einfühlen, in die Atmosphäre, in die Personen, ihre Motivationen. Auch in die Welt von „Ninragon“ im allgemeinen, nachdem ich mich die letzten Monate in der fernen Zukunft von „Hyperdrive“ herumgetrieben habe mit ihren Netzpods, Screens, Slickern, HiLiners und Nirloten, die Schiffe mittels des Antriebs um den Kern der Stromberg-Psaidac-Röhren im Hyperdrive navigieren.
Jetzt geht es zurück zu Wächtergeistern, dem Orden des Einen Weges, der Kutte, den verschiedenen Mysterien des Inaim-Glaubens, auch zu den Kinphauren und ihrer Gesellschaft und magischen Technik.
Es ist eine seltsame Zeit, wenn ich einen neuen Roman anfange. Auch für den Rest meiner Familie.
Man wird zu so etwas wie einem Teilzeit-Authisten.
Ich habe schon die seltsamsten Geschichten gehört über Autoren mit Familie, die sich Schreibtrance befinden. Die eine trug einen roten Schal, der dem Rest der Familie signalisierte „Mami befindet sich in einer anderen Welt; bitte nicht stören!“ Lustig fand ich auch das Schild an der Tür des Schreibraums: „Mama schreibt. Bitte nur stören, wenn jemand blutet oder das Haus brennt.“
Viele die schreiben, wissen es. Eine einzige Störung im falschen Moment kann ein gewaltiger Rückschlag sein. Vergleichbar mit dem Crash einer Festplatte. Man ist dabei gerade etwas zu greifen, eine Persönlichkeit an ihren Nähten herbeizuziehen, fast kann man ihre Stimme hören, dann kommt plötzlich die Stimme aus dem Off, Du hör mal … Und das war’s. Die Blase ist geplatzt. Man fängt von vorne an.
Man hört auch – und nicht einmal als Ausnahmen – von Autoren, die nach einer Unterbrechung von ihrer Arbeit, wie z.B. einem Signiertermin, einer zweitägigen Fahrt zu einem Con, einer Messe, erst einmal wieder zwei Tage brauchen, um überhaupt wieder ins Schreiben hereinzukommen.
Wenn ich etwas Neues starte, geht mein (kontinuierlicher) Lektürefortschritt gewaltig in den Keller. Ich lese nicht mehr an dem einen Buch, das gerade ansteht. Ich laufe hierhin, dorthin, greife mir dieses oder jenes Buch aus dem Regal, lese bestimmte Stellen, gezielt oder wahllos, versuche mich in diesem wilden Land des Mysteriums, des geschriebenen Wortes erst einmal wieder zu orientieren.
Denn wahrhaftig, es ist ein Mysterium. Anders als das Zeichnen oder Comic-Erzählen, ist es ein Geheimnis, das du ergreifen musst, in das du dich fallen lassen musst, um in dessen Gnade zu gelangen.
Für mich jedenfalls.
Irgendwie ist es für mich vergleichbar mit der Zeit des sich neu Verliebens. Objektiv gesehen, also von außen, ist das eine äußerst anstrengende, aufreibende Zeit. Man schläft wenig, isst schlecht, treibt sich rum, ist weit entfernt von einem gesunden Geisteszustand. Und doch, wer würde diese Zeit als etwas Unangenehmes empfinden. Sie ist herrlich, erregend, belebend. Obwohl man, von einer nüchternen medizinischen und psychologischen Warte betrachtet, völlig auf den Hund kommt.
Ich wühle mich also durch meinen bisherigen Text durch und mache ihn mir zu eigen, so wie ich heute bin, so wie ich heute schreibe. Ich tigere durch die Wohnung, stammele halblaut vor mich hin, so dass mir auch hin und wieder jemand einen Euro in die Hand drückt, lese Western, Krimis, obskures Zeug aus dem Bücherregal, das für den Betrachter von außen, so gar nicht zu meinem derzeitigen Projekt zu passen scheint. Höre Musik. Kein mittelalterliches Zeug, bitte. Ist zwar Fantasy, was ich schreibe, aber ich stelle mir meine Welt keineswegs mittelalterlich vor. Sie fühlt sich so an, wie unsere Welt. Nur ohne die Erfindung von Schusswaffen und des Schießpulvers. Das wurde schließlich in Moratraneum vom Ausbruch des Elmssogs rückgängig gemacht. So wie unsere Welt, nur mit dem eindeutigen Beweis der Wirksamkeit übernatürlicher Mächte und Kräfte. Magie nennt man so etwas wohl in Fantasy-Romanen.
Die Leute in dieser Welt und diesen Geschichten fühlen sich genau wie wir. Sie leben in ihrem Jetzt. In ihrer Neuzeit. In ihrer Moderne. Sie reden nicht antiquiert. Worum sollten sie? Nur weil in ihrer Welt mit Schwertern statt mit Maschinengewehren in Kriege gezogen wird. Tun wir das etwa? Außer wir bezwecken etwas Besonderes damit, außer es wäre zu einem bestimmten Anlass.
Also abtauchen! Mitte rein in Rhun. Stadt am Fluss. Stadt der Türme und Kastelle. Universitätsstadt. Alte Hauptstadt von Vanarand. Herzland des Idirischen Reiches. Früher jedenfalls.
Hinein in den Taumel! Hinein in einen neuen Roman!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen