2. Januar 2013

Mein Weltraum-Zeitalter



Zu Anfang dieses Jahres möchte ich ein paar Gedanken zu den beiden Genres, in denen ich literarisch tätig bin, festhalten. Heute möchte ich, angeregt durch einen Thread im Forum von fantasybuch.de, etwas über meinen Weg zur Science Fiction sagen. Es folgt dann mein Weg zur Fantasy, und am Ende möchte ich beide Genres ein wenig gegenüberstellen. 
Man erwarte bitte nichts vom Format eines Essays; es geht hier nur um ein paar persönliche Betrachtungen und Gedanken, um meine Haltung zu diesen phantastischen Genres.
Während meiner ganzen Zeit als Leser habe ich immer Bücher ungeachtet ihrer Genres gelesen, d.h.ich habe parallel phantastische Bücher und die jener Genres gelesen, die man normalerweise als allgemeine Literatur bezeichnet, ungeachtet ob sie von den Nerds der Literaturwissenschaft als hohe Literatur oder Schund beurteilt wurden. Wie in allen Bereichen des Lebens gilt auch hier für mich die Maxime: Urteilen macht blind, interpretieren erweitert den Blick.
Meine erste Begegnung mit Science Fiction hatte ich ich über „John Carter vom Mars“. Als erstes waren die grünen Tarzan-Bücher im Schreibwaren- und Zeitschriftengeschäft meines Heimatdorfes aufgetaucht, und ich hatte sie mit Genuss verschlungen. Dann tauchten neben diesen grünen plötzlich rote Bände vom gleichen Autoren Edgar Rice Burroughs auf, deren Rückentext mich sehr verwirrte, da ich ihn einfach nicht zuordnen konnte. Was sollte das für eine Geschichte sein? Das versprach bizarr, exotisch zu sein und passte in keine Kategorie, der ich bisher begegnet war.
Was für mich bedeutete: Ich musste diese Bücher haben!
Als es mir schließlich gelang, genug Taschengeld dafür zusammenzukratzen und sie in eine Umgebung zu schmuggeln, die für dergleichen, gelinde gesagt, unempfänglich war, erwartete mich eine Offenbarung.
So etwas konnte man als Buch schreiben? Nicht nur die Phantasie sondern auch, was man zwischen zwei Buchdeckel bannen konnte, kannte keine Grenzen? Wow! Wenn es möglich war, einfach einen Mann aus der Wildnis von Arizona auf den Mars zu transportieren und ihn dort in eine derart phantastische Szenerie zu versetzen, daraus eine fortlaufende Erzählung zu spinnen … dann war es ja möglich, fast jede Art von Geschichte zu schreiben, so abgedreht und absurd die Idee auch zunächst erscheinen mochte. Man musste sie nur mit Worten, Sätzen, Bildern und Leben füllen. 
Von diesem Zeitpunkt an war ich auf der Suche nach allem, was mir phantastisch erschien. Ein Kurzgeschichten-Band von William Voltz, ein paar Alan Burt Akers, alles was die Provinz und die Drehständer in den Supermärkten hergaben.
Es folgte bald die Entdeckung der Fantasy, aber davon will ich beim nächsten Mal berichten. Es genügt hier zu sagen, dass ich parallel zum „Herrn der Ringe“ auch bald auf den „Wüstenplaneten“ von Frank Herbert stieß. Ich verschlang mit großer Begeisterung alles, was damals erhältlich war, also die erste Dune-Trilogie. (Witzigerweise parallel zu James Joyces „Ulysses“.) Ich las weiterhin, was mir in die Hände fiel: Joe Haldemanns „Der ewige Krieg“, Star-Trek-Romane, Asimov, A.C. Clarke, Philip K. Dick fand ich großartig und hat mich lange begleitet und beeindruckt, mein Lieblingsbuch war „Der dunkle Schirm“, die silberne Reihe von Knaur mit Philip José Farmers „Die Liebenden“, Joe Haldemans „Der befleckte Engel“ (ganz groß) und „Das fremde Virus“ von seinem Bruder Jack C. Haldeman bis hin zu George R.R. Martins „Die Flamme erlischt“, das für mich neben Dune für lange Zeit das Non-Plus-Ultra der SF darstellte. Samuel R. Delanys „Dhalgren“, Heinlein natürlich, kein Lem, A.E. vanVogt, John Brunners „Schockwellenreiter“ (großartig!), Andre Norton, E.E. Smith … Zwischendurch Alfred Döblins Berge, Meere und Giganten, das wohl mit Michael Moorcock in meinem Kopf einen bizarren Mix nicht-existenter Bücher erschuf.
An die nächsten Science-Fiction-Bücher, die mich wirklich beeindruckt haben, kam ich auf dem Umweg über die Fantasy. In der Terra-Fantasy-Reihe, der ich damals folgte, tauchten plötzlich – genre-unrein – die Mars-Bücher von Leigh Brackett auf, die mich sehr begeisterten und inspirierten. Zunächst wusste ich mit diesem Mix wenig anzufangen, aber schließlich begeisterten mich die von ihr geschaffenen (von und aus gesehen nostalgischen) Welten, die melancholische Stimmung dieses Planeten Mars, mit seinen längst ausgetrockneten Meeren, seinen Legenden von längst vergangener Größe, den vom Sand bedeckten Städten, den wilden Nomadenstämmen. Alles inspiriert von der Landschaft des amerikanischen Südwestens – genau wie Ray Bradbury mit seinen Mars-Chroniken, genau wie Burroughs mit seinem John Carter ganz am Anfang dieser Tradition.
Ich mochte diese Planetengeschichten sehr, und Eric John Stark habe auch später in der Gestalt von Dugan in „Hyperdrive“ bewusst meine Reverenz erwiesen. 
Die nächste Autorin, auf die ich traf und die mich nachhaltig beeindruckte, war C.J. Cherryh. Diese Art von 80er-Jahre-SF ist für mich auch heute noch immer Old-School-SF, but in a good way. Klare Geschichte, realistische Welten und Motivationen, kein Schwarz und Weiß, politische Verstrickungen, Lavieren aller Beteiligten. Story nach vorn, keine wissenschaftlichen Theorien, die mühsam in Plots gekleidet werden. Kein Meta-Dialog von SF-Autoren untereinander (was einem im letzten Jahrzehnt schon einmal die SF vergällen konnte und auch wohl große Leserschichten abschreckte).
Ich habe dann über lange Zeit weder SF noch Fantasy gelesen. Ich kehrte zurück, zu einer Zeit, als ich mich auch neu dem Schreiben widmen wollte. Und zu diesem Zeitpunkt war es für mich wichtig, das aufzuholen, was ich vielleicht verpasst hatte. Ich habe mich also durch die ganze Meisterwerke-der-SF-Reihe von Heyne gelesen und machte viele literarische Entdeckungen. Von William Gibson war ich begeistert. Und ich bin es noch immer. Sein Schreibstil ist überragend. Er ist für mich ein ganz großer Schriftsteller und großartiger Stilist. Der Anfang von „Count Zero“ gehört wohl zum Besten, was ich in der Literatur kenne. Das reißt mich mit wie ein guter Hemingway. David Brin mochte ich. Mary Doria Russells „Sperling“. (Das interessanterweise ursprünglich nicht als SF vermarktet wurde, dies aber glasklar ist und zum besten in diesem Genre gehört.)  Einige Roman von Bruce Sterling. So das ganze Cyberpunk-Umfeld mitsamt der Gegenbewegung. Lois McMaster-Bujolds Vorkosigan-Serie habe ich am Stück weggelesen, fand sie großartig. Bei ihr fand ich die gleichen Qualitäten wie bei Cherryh. Großartige charaktergesteuerte Plots, tolle Twists, wirklich starke Charaktere. Leider ebbte sie am Schluss aus und wurde mir zu operettenhaft, war aber noch immer lesenswert und spannend.
Iain Banks gehört für mich zu den ganz Großen der Science Fiction. „Bedenke Phlebas“ ist für mich ein Meilenstein. Banks schriebt in diesem Buch Sequenzen, von denen man glauben könnte, sie würden nur im Film funktionieren. Ich habe anfangs nicht einmal bemerkt; es kam mir ganz natürlich vor. Als mich jemand darauf hinwies, fiel mir auf, dass die meisten Schreiber so etwas nicht können oder nicht machen. Das ist vielleicht, weil ich aus einem anderen Medium komme und diese Schranke, was in einem Medium geht und was nicht, in meinem Kopf nicht existiert. Ähnliches habe ich, wie ich jetzt im Nachhinein bemerke – vielleicht weil ich mir eben dieser Schranken nicht bewusst war – bei „Ninragon“ gemacht; in den Schlachtszenen. Ich störe mich auch nicht an dem, was die meisten als unnötige Längen bezeichnen. Ich kann mich großartig in seinen Büchern verlieren. Ich finde in „Der Algebraist“ ist er wieder – ganz anders – zu seiner alten Spitzenform aufgelaufen.
Richard Morgan gehört für mich zum Besten, was moderne Science Fiction zu bieten hat. Seine Takeshi-Kovacs-Romane sind großartig. Wie „Die Hard“ auf Meth aber hoch-literarisch. Höchst unterhaltsam und doch mehr als Unterhaltung. Plastisch und anspruchsvoll. Morgan stört sich nicht daran, dass SF angeblich „doch nur Genre-Literatur“ sein soll. „Skorpion“ ist genau so großartig. Und natürlich seine Fantasy-Sachen.
Außerdem liebe ich Dan Simmons Hyperion-Roman. Wobei ich die letzten beiden für die besten halte. Auch hier stören mich manche Längen weniger als andere Leser. Ich wünschte mir Simmons würde wieder so etwa schreiben statt dieser Recherche-Schlachtfeste der letzten Zeit. Ich fand es schade zu sehen, wie er sich in den Themen und seiner eigenen Recherche verliert. Daneben bemerkenswert fand ich noch Joels Shepherds „Crossover“ und Stephen R. Donaldsons „Gap-Sequenz“ (die ich allerdings noch zu Ende lesen muss.)
Vieles an Science Fiction liegt bei mir noch auf dem Stapel „Muss ich unbedingt lesen“. Viel zu viel.
Mit Leuten wie Alastair Reynolds habe ich es mal versucht, bin aber nicht rangekommen. Genauso ging es mir mit den ganzen Leuten im Schwerkraftfeld dieses Singularitäts-Hypes. Das war für mich zu sehr Literatur für SF-Spezialisten und ich hatte den Eindruck, da ist der Meta-Dialog der SF-Autoren untereinander wichtiger, als dem Leser in größter Klarheit und Unterhaltsamkeit eine gute Story zu vermitteln.
Ich habe jetzt lange Zeit wenig Science Fiction gelesen, auch weil meine Lesezeit sehr begrenzt ist. Aber es ist mein fester Vorsatz bald wieder verstärkt zu dieser alten Liebe zurückzukehren.

So, und das nächste Mal geht es um meinen Weg zur Fantasy.
Wer nachlesen will, wie ich selber mit Science Fiction umgegangen bin, kann das in meinem Roman „Hyperdrive“ tun. Ihr findet alle sechs Teile in der rechten Spalte unter „Veröffentlichungen“.
See you on the Range!

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