4. Januar 2013

Mein hyborisches Zeitalter




Nachdem ich in meinem vorletzten Post „Mein Weltraum-Zeitalter“ ein wenig darüber erzählt habe, wie ich zur Science Fiction kam, welche Leseerfahrungen ich machte und was mich besonders beeindruckt hat, möchte ich heute das Gleiche für das Fantasy-Genre umreißen.
Als Teenager liebte ich es, Fantasy zu lesen.
Science Fiction hatte ich, wie zuvor geschildert, schon früher entdeckt, aber ihrem exotischeren Bruder war ich zunächst noch nicht begegnet. Obwohl einige das aufgrund der Tatsache bestreiten würden, dass „John Carter“ zu meinen früheren Leseerfahrungen gehörte. Die Grenzen und Defintionen der beiden Genres sind umstritten. Ich selbst kann mich nicht ganz der Darstellung anschließen, Science Fiction als den rationalen Part, Fantasy als irrational hinzustellen, dem einen Wissenschaft, dem anderen Magie zuzuordnen. Sieht man sich den Status Quo an, drängt sich dieses Bild auf, ich halte die These aber nicht für inhärent. Ich glaube, dass die Magie in der SF lediglich einem positivistisch-wissenschaftlichen Weltbild näher steht. Magie ist sie trotzdem, auch wenn sie sich Technik nennt; d.h. beides ist ein Mittel um Dinge in einem Erzählkosmos möglich zu machen, die so in unsrer täglichen Wirklichkeit nicht funktionieren. Von ihren Wurzeln her steht Fantasy einem mythischen Weltbild näher, SF einem aufklärerisch-wisssenschftlichen. So die Theorie; die Wirklichkeit, die sich daraus entwickelt hat, sieht allerdings anders aus. Beide sind phantastische Genres. So wie man auch sagen könnte, dass jedes Genre ein phantastisches ist, da die Erzählwelten der Phantasie des Autors entspringen. Der Unterschied liegt darin, wie weit der Autor die Illusion schafft, dass sein Erzählkosmos mit dem allgemeinen Durchschnittsweltbild im Konsens steht.
Doch zurück zum Thema. Wie kam ich zur Fantasy?
Zuerst fiel mir irgendwo in einem Supermarkt in einem Taschenbuchständer das Cover eines Conan-Bandes auf. Es war das Titelbild von „Conan der Bukanier“. Das, was ich darauf sah, war für mich irgendwie nicht einzuordnen. (Der aufmerksame Leser entdeckt hier ein verbindendes Thema. Siehe John Carter. Dinge, die nicht einzuordnen sind erweisen sich als unwiderstehlich.) Dieses Buch passte in keine Kategorie, die ich bis dahin gelesen hatte. Es war irgendwie aufregend, es versprach eine neue literarische Welt. Es hatte natürlich irgendwie einen Trash-Appeal, aber das machte auch irgendwie einen Teil des Reizes aus. Ich war damals (wie heute) in meiner literarischen Empfinden und meiner Suche nach neuen Büchern von keinem Bewusstsein für Kategorien wie U und E, großer Literatur und Schund beeinflusst – wie ich schon vorher andeutete. Ich las im gleichen Alter James Joyce „Ulysses“ und wenig später Alfred Döblins „Meere, Berge und Giganten“ genauso wie SF, auch Heftromane wie „Perry Rhodan“ oder ähnliches. Es war mir egal, ich las, was mich unterhielt und was mir gefiel. Mir leuchtete nicht ein, warum ich dabei in Kategorien unterscheiden sollte, wie „das liest und empfiehlt auch mein Deutschlehrer“ und „das gibt es in der Lotto-Annahmestelle zu kaufen“. Was mir Spaß machte, machte mir Spaß. Daran hat sich eigentlich bis heute nichts geändert.
Ich kaufte mir den Conan-Band von meinem Taschengeld und tauchte ein in eine neue Welt.
Zauberer, Barbaren, uralte Zivilisationen, seltsame pseudo-historische Abhandlungen vom Aufstieg und Fall von Nationen, von Reichen, ganzen Völkern, die aus dem Dunkel der Geschichte auftauchten und wieder in diesem Dunkel verschwanden. Ich suchte mehr vom gleichen und fand die spärlichen Erzeugnisse, die damals vom englischsprachigen Markt langsam nach Deutschland überschwappten. Fletcher Pratts „Die Einhornquelle“, Fritz Leibers „Fafhrd und der Graue Mauser (es hieß zwar damals „Mausling“, aber für mich wird er immer der Mauser heißen), Versprengtes. Sehr ergiebig stellte sich mein Fund der Terra-Fantasy-Reihe heraus. Die brachten damals alles, was zu der Zeit an Fantasy essentiell war. Okay, „Brak der Barbar“ war ein echter Ausfall. Aber die Hexenwelt-Reihe! Die „Sword & …“-Anthologien von Lin Carter, die anderen Reihen von Robert E. Howard, die ich alle viel interessanter fand als seinen Conan. Abraham Merritt. Michael Moorcocks Zyklen um den Ewigen Helden. C.L. Moores Jirel of Joiry. Und dann Leigh Brackett! Was war das? Zuerst wusste ich nicht, was ich damit anfangen sollte. War das Science Fiction oder was? Auf dem Mars? Oder ist das Fantasy?
Aber dann war ich fasziniert.
Neue Welten öffneten sich für mich. Welch interessante Landschaften der Phantasie, was für spannende Szenarios.
Und zum ersten Mal stahl sich der Gedanke, die zarte Frage: Kann man diese ganzen Szenarios, diese Welten nicht auch mit Geschichten verbinden, wie sie Leute wie Siegfried Lenz oder Döblin erzählen? Ich wusste keinen Grund (und ich weiß noch immer, oder wieder keinen), der dagegen sprechen sollte. Wieso sollte ein bestimmtes Setting nur eine bestimmte Kategorie von Geschichten zulassen?
Ich las Howards „Kull von Atlantis“ und Musils „Mann ohne Eigenschaften“, und ich dachte, warum sollte ein Mensch, der in Howards Valusien lebte, nicht genauso ein Intellektueller sein wie Döblins Ulrich und sich mit denselben existenziellen Fragen beschäftigen?
Wie sagt es Bob Dylan? „Oh, I was so much older then, I‘m younger than that now.“
Ich las damals auch die Kane-Romane von Karl Edward Wagner, den man vergisst gerne als Wegbereiter der modernen Welle der Fantasy vergisst (was mir übrigens auch bei der Nennung der Namen gerne passiert, mea culpa!). Schon bei ihm gab es nicht mehr märchenhaft eine Trennung in Gut und Böse. Hier war alles ambivalent, jeder hatte seine Motive, selbst der am edelsten sich gebende Charakter hatte dunkle Fallgruben in seinem Herzen.
Die Schwarz-Weiß-Trennung war auch schon nicht mehr bei „Das gebrochene Schwert“ von Poul Anderson aufrecht zu erhalten, das zur gleichen Zeit wie der „Herr der Ringe“ erschien und einen interessanten ebenfalls auf der Edda wurzelnden Gegenentwurf zu Tolkiens idealistisch christlichen Bild schuf. In dem Elfen einfach nur fremdartig waren, Wesen mit anderen, kühleren Gefühlsregungen als die Menschen sie besaßen, in dem jeder seine Motive hatte, bei denen nicht viel nach Moral gefragt wurde, sondern für die ältere archaischere Werte galten.
Auch hier, genau wie bei der Science Fiction stellte sich irgendwann eine Phase der Zurückhaltung von diesem Genre ein.
Zu diesem Gerne zurückzukehren fiel mir allerdings schwerer als zur Science Fiction. Immer wenn ich in die Buchhandlung ging, um forschende Blicke auf die Regale mit Büchern des Genres zu werfen, das mich einstmals so begeistert hatte, schreckten mich Klappentexte ab. „Aber eine finstere Bedrohung erhebt sich fern im Norden von Kirchtroisgard in Gestalt des dunklen Herrschers…“ Danke! „Es erheben sich längst vergessene Mächte aus den Nebeln der Vergangenheit und der dunkler Baron Morogrott…“ Ja, erhebt ihr euch mal, aber ohne mich! „…als das Dorf seiner Pflegeeltern überfallen wird, muss der Knabe…“ Knabe? Statt den Schmarren zu lesen, gehe ich lieber, um mich an einem Biere zu letzen!
Irgendwann setzte ich mich dann hin und überlegte, wie müsse denn ein Fantasy-Roman aussehen, damit er mir gefallen könnte. Denn schließlich hatte ich das Genre mit Begeisterung gelesen. Und um weiter zu gehen, wie müsste eine Geschichte aussehen, in die ich mich schreibenderweise vertiefen könnte, die ich ernst nehmen könnte, um ganz in ihr zu versinken. Es entstanden die Entwürfe zu einer Geschichte, die „Lupus Rex“ hieß. Die ich aber dann nur als Exposee ausarbeitete und zu der ich etwa 120 Seiten verfasste, bevor ich feststellte, dass dies zwar strukturell Fantasy war, aber sich ansonsten außerhalb aller Genre-Konventionen stellte. Ich konnte mir eine lebenswerte Welt ohne Dosenbier und Trucks und Wüste einfach nicht vorstellen. Man gebe dazu Schwertkämpfe, kriegsmüde Veteranen, Kriegerorden mit arkanen Kampfmethoden, ein Prophet, der sich anschickt, die Unterprivilegierten einer Welt auf die „Zivilisation“ loszulassen, verschollene fliegende Festungen, eine Weltpolizei, mit Waffen von den Göttern, die auf verlorenem Posten steht und einige äußerst phantastische Kreaturen. (Irgendwann will ich diese Geschichte übrigens einmal zu Ende erzählen. Sie fasziniert mich derart, dass ich wissen muss, was genau in ihr geschieht. Sie muss erzählt werden! Vielleicht ist sie noch besser als:) Neuer Ansatz: Ninragon.
Und in der Mitte meiner Arbeit an diesem Roman sprangen sie plötzlich alle aus dem Gebüsch, und ich musste entdecken, dass ich nicht allein war. Auch andere waren gelangweilt von all den Knabe der Prophzeiung und den dunklen Herrschern, dem wackeren, dörflich lebenden Volk der Halbheiten. Ich entdeckte sie nach und nach, die Brüder im Geiste: Richard Morgan, den ich schon aus der Science Fiction kannte, Joe Abercrombie, R. Scott Bakker und den Paten der modernen Fantasy (neben Karl Edward Wagner) Glen Cook. Die sich auch an den Quellen zwischen den anderen Wurzeln der Fantasy ihre Erfrischungen holten, den dunkleren, schmutzigeren, western-mäßigeren: Sword & Sorcery.
Dies war also mein Weg zur Science Fiction, dies war mein Weg zur Fantasy.

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