8. Januar 2013

Ein cooles Leben


In vorangegangenen Blogeinträgen habe ich ein wenig erläutert, wie ich zur Science Fiction und wie ich zur Fantasy kam, was ich in diesen Genres gelesen habe und was mich dort beeindruckt hat.
Unterschwellig kam auch schon dort heraus, welche unterschiedlichen Haltungen ich zu den beiden Genres hatte und habe, dass zum Beispiel mein Verhältnis zur Fantasy nicht immer ungebrochen war. Natürlich hat meine Haltung zu diesen Genres auch beeinflusst, wie ich selber sie behandelt, was ich in ihnen geschrieben habe.
Die Bemerkung eines Lesers zu „Hyperdrive“ brachte mich vor einiger Zeit zum Grübeln.
Das Stichwort, dass ihm zu „Hyperdrive“ einfalle, sei „hell“.
Das machte mich nachdenklich, war doch das Stichwort, das zu „Ninragon“ oft auftauchte „düster“.
Warum ist das so? Liegt es an den jeweiligen Stories, liegt es an den Genres? Oder liegt es an meiner Haltung zu den Genres?
Zunächst fällt mir auf, dass die Protagonisten von „Hyperdrive“ – Sam B., Giébra – doch eigentlich ein recht cooles Leben führen – sieht man einmal von den Fährnissen und Kalamitäten ab, in die sie in dieser Geschichte geraten. Das kann man von den Personen in „Ninragon“ nun nicht gerade sagen. Mit der Frage konfrontiert, welche Person aus deinen Geschichten wärest du gerne, fallen die Protagonisten von „Ninragon“ als erstes einmal im großen Stil aus der Vorauswahl. Auf keinen Fall möchte ich auch nur mit einem von ihnen tauschen.
Die Zukunft ist hell. Die Vergangenheit ist dunkel.
Ich kann mir in zukünftigen Welten eine Menge guter Leben, eine Menge angenehmer Lebensläufe vorstellen. In vergangenen Welten, in Fantasy-Welten? Da wird es schon schwierig, wenn man herausstellen sollte, wer da ein cooles Leben führte. Söldner, Soldaten, Bauern, Leibeigene, Handwerker? Ohne sanitäre Anlagen? Ohne die Annehmlichkeiten unserer Zivilisation? Ohne jederzeit abrufbare Musik? Nur mit Dudelsackgequäke zum Frühjahrs- und Herbstmarkt? Ohne Internet?
Vielleicht hat diese Einstellung auch etwas mit meinem Alter zu tun, mit meiner Entwicklung, meinem Erwachsenwerden. Vielleicht erklärt das ja auch, warum Fantasy so oft eine Ähnlichkeit zur Jugendliteratur aufweist. Vielleicht hat es ja auch mit dem Bruch zu tun, den es in meinem Verhältnis zur Fantasy gab und den Bedingungen unter denen ich zu diesem Genre zurückkehren konnte.
Als Kinder sind wir von vielem begeistert. Wir möchten in viele Rollen schlüpfen. Ein Leben als Pirat erscheint uns toll und aufregend. Als Soldat. Als Abenteurer. Als Wikinger.
Aber wir werden älter, und nach und nach begreifen wir die Realitäten hinter den Leben, die uns als Kind so aufregend erschienen. Wir begreifen die Gewalt, die das Leben eines Piraten ausmacht, realisieren, dass das Kapern eines Schiffes Mord und Totschlag, das Auslöschen von Leben, Diebstahl bedeutet. Welches Elend doch in Wirklichkeit hinter diesen Lebensläufen gesteckt haben muss. Wie viel Leid es in diesen Zeiten und Milieus doch gegeben hat. Wie viel Elend, Leid und Gewalt diese Personen wohl gebracht und erduldet haben müssen. Wir begreifen die Realität, die Lebenswirklichkeit hinter der abenteuerlichen fiktionalen Fassade.
Wer von uns wollte heute wohl noch tatsächlich Pirat sein, möchte sich in dieser Welt von Gewalt und Unterdrückung durchsetzen müssen, möchte faule Zähne und Skorbut riskieren? Je älter und reifer wir werden, umso weniger können wir die Wirklichkeit hinter all dem abenteuerlichen Glanz der Kindheitsspiele ignorieren.
Und immer mehr Lebensläufe scheiden dadurch für uns als lebens- und wünschenswert aus. Stellen wir uns eine normale Fantasywelt vor und schauen sie uns an. Da bleibt nicht mehr viel an Biografien und Rollen übrig, in die wir wirklich ernsthaft schlüpfen möchten. Jedenfalls nicht für jemanden, der die Errungenschaften der modernen Welt durchaus zu schätzen weiß.
Vielleicht ist hier der Punkt, wo für die meisten in ihrer Entwicklung der Bruch mit dem Genre einsetzt. Sicher können sich manche noch immer in diese kindlich-abenteuerliche Naivität fallen lassen und sie genießen. Suchen das sogar. Ungebrochen? Schon weniger. Aber eine bestimmte Leserschicht wird hier gewiss abgedeckt.
Suchen wir nach Alternativen? Was bleibt also für ein gutes Lebensmodell? Adlige, Prinzen. Die Knaben der Prophezeiung. Für das Fußvolk sieht das Leben eher düster aus.
Vielleicht ist das der Grund, warum eben diese bestimmten Figuren in der Fantasy eine so große Rolle spielen. Sie geben die Möglichkeit, das dieser Welt inhärente Elend auszublenden, sie versprechen Entrinnen vor dem eigenen geschärften, gereiften Blick. Entrinnen – to escape.
Der Rest findet Vergnügen in dem herben gebrochenen, gereiften Blick auf die Welt, findet Faszination im harten Angesicht der Realität. Schauen wir uns als Beispiel die Welten von George R.R. Martin, Joe Abercrombie und ähnlichen Autoren an. In ihnen lässt es sich trefflich zeigen, wie Menschen sich immer wieder bemühen angesichts der widrigsten Bedingungen und Umstände Würde und Größe zu bewahren. Wie gefährdet diese sind und wie sie immer wieder aufs Neue, manchmal nur für kurze Momente, errungen werden müssen.
Das gibt auch uns, die wir unter wesentlich leichteren Bedingungen leben, Antworten, forciert diese Fragen unter forcierten Umständen. Gewissermaßen unter Laborbedingungen. Fantasy: Die Bewahrung menschlicher Würde und Größe in einem „Worst-Case“-Szenario?
Oder wir lassen uns nur von Abenteuern berauschen. Werden Piraten oder Knaben der Prophezeiung. Auch davon brauchen wir zugegebenermaßen machmal. Nicht ist daran verwerflich. Die Dosis macht das Heilmittel oder Gift.
Wir Fantasy-Leser und Schreiber der neuen Generation wurden aus dem Paradies verstoßen. Und wir suchen Wegen zurück. Oder wir suchen einen Weg zu einem neuen verwandelten Paradies. Wir suchen sie durch und mit unserer Lieblingsliteratur. Dies ist eine zutiefst menschliche und allgemeine Fragestellung. Wir suchen nach Läuterung. Wie können wir durch Probleme und widrige Umstände hindurchgehen und heil bleiben oder es wieder werden. Während wir uns das fragen, beobachten wir, wie unsere Protagonisten, unsere Avatare durch die Hölle gehen. Die gestellte Frage ist die nach Heilung.

Ein cooles Leben?
In dem Maße, wie ich mir die Fantasy-Literatur zu eigen machen, suche ich danach.
Vielleicht werden meine Fantasy-Bücher mit der Zeit immer heller.
In der Welt des Ninragon habe ich schon die besten Voraussetzungen dazu geschaffen. An der archetypischen Fantasy-Welt habe ich schon für mich einiges modifiziert. Es gibt im Ninragon-Universum Botuka-Musik, zu der man abrocken kann. Es gibt eine Nation, die zumindest als ihr Ideal, Kultur und Humanismus kennt. Eine andere Welt wäre für mich nicht wünschenswert. In einer anderen Welt möchte ich mich mit meinen Geschichten nicht heimisch machen.
Ich mache mich weiter auf den Weg. Ich suche weiter. Ich lote meine Welt weiter aus. Mit meinen Helden.
Sie alle suchen Heilung. Sie alle suchen Läuterung. Sie alle suchen ein cooles Leben.
Es kann ja schließlich nicht jeder der Knabe der Prophezeiung sein. 
Und wer will das schon? Ernsthaft?
Aber ein Hacker in der Zukunft? Mit Raumschiffen unterwegs von Planet zu Planet. Raumstationen, Habitate.
Hm …? 
Gibt es so etwas eigentlich auch in der Welt von Ninragon?

Kommentare:

  1. "Aber ein Hacker in der Zukunft? Mit Raumschiffen unterwegs von Planet zu Planet. Raumstationen, Habitate.
    Hm …?
    Gibt es so etwas eigentlich auch in der Welt von Ninragon?"

    So empfinde ich für mich die Kutte in Ninragon, mit Technisch weiterentwickelten Armbrüsten, den Kletterhaken etc. Also für mich lautet die Antwort hierzu: Ja....wobei das auch alles aus der Sichtweise des Betrachters liegt.

    Freue mich schon auf neue Erfahrungen aus der Welt Ninragons, bis dahin werd ich mal den Abstecher nach (ins?) Hyperdrive Universum machen und seit einer gefühlten Ewigkeit wieder SF nach den Perry Rhodan HCs ausprobieren.

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  2. Na, dann bin ich ja mal gespannt, wie du Hyperdrive findest.
    Potenziere einfach deine Vorfreude, wieder ins Ninragon-Universum zurückzukehren mit zehn und schreibe meinen Namen drauf!

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  3. Ich würde ja sehr gerne diesen Blog lesen, aber leider finde ich diesen Bildschirm gar nicht gut lesbar, der rote Hintergrund stört mich sehr. Meine Augens sind nicht mehr die besten, wahrscheinlich liegt es daran.
    Ich habe sehr vielScience Fiction gelesen in meinem Leben (bin 70) und lese auch manchmal Fantasy, zuletzt die Hunger Games. Hat mir gut gefallen.

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