22. Oktober 2012

Warum Fantasy? oder Ich denke laut


Womit man sich als Schriftsteller alles auseinandersetzen muss. Und das nur, weil man zufällig Fantasy schreibt.
Unglaublich.
Da werden plötzlich Dinge in Frage gestellt, die man bei Literatur doch eigentlich als selbstverständlich genommen hat.
Und man beginnt plötzlich am Leser an sich zu Zweifeln. Vor allem an dem, der sich auf die Fahnen schreibt, ein Genre zu lesen, das er „anspruchsvolle Literatur“, „literarische Literatur“, manchmal auch „Mainstream“ oder gelegentlich vielleicht auch „Klaus-Dietrich“ nennt. Man möchte die Hände zum Himmel erheben und klagen: „Sie wissen nicht, was sie tun …“ 
Durch Zufall stieß ich auf einen Beitrag der Bloggerin Serpensortia auf YouTube. Darin berichtet sie von einer Lese-oder Autorenrunde, bei der sich eine Person aus diesem Kreis herablassend über Fantasy äußerte und in verächtlichem Ton fragte, warum er denn Literatur lesen solle, bei der er sich mit einer Welt auseinandersetzen müsse, die nicht die seine ist.
An dieser Stelle kam ich nicht umhin, in den Frageruf auszubrechen, der gewiss auch dem hochverehrten Leibniz oft über die Zunge gegangen sein muss:
Hallo?
Am liebsten würde man schmunzelnd über solche Zeitgenossen hinweggehen, wenn man auf solche Äußerungen nicht so häufig treffen würde.
Am liebsten würde man bei diesen Gelegenheiten fragen, was läuft hier schief?
Wenn ein Genre wie die Fantasy dazu dient, eine solche Aussage daran aufzuhängen, möchte man doch recht eigentlich die ganze Motivation solcher Leute überhaupt zu lesen in Frage stellen.
Warum sollen wir uns beim Lesen mit einer Welt auseinandersetzen, die nicht die unsere ist? 
Warum, wenn nicht aus diesem Grund, lesen wir überhaupt?
Bei jedem Buch, das wir lesen, setzen wir uns schließlich mit einer fremden Welt auseinander. Jeder Mensch, jeder Autor aber besonders auch jedes Buch ist eine eigene Welt. Und die unterscheidet sich grundlegend von der anderen.
So sei das aber nicht gemeint, wird jetzt bestimmt der Stiesel oder die Stieselin auf der anderen Seite einwenden. Soll also heißen, nur die Literatur ist ordentliche Literatur und der Auseinandersetzung würdig, welche die banale Alltagswelt, die Welt, der wir uns alle tagtäglich aufs Neue über unsere vier (!) Sinne versichern können abbildet? 
Tja, tut mir leid, bei dieser grauverschleierten Sicht, fällt leider ein großer Teil der Weltliteratur vom Karren runter. Allen voran Goethes „Faust“, Voltaire, oh, Shakespeare, ups!, die komplette deutsche Romantik, Beowulf, autsch!, da stürzt das Nibelungelied, oh, Alfred Döblin, er versucht sich noch an Thomas Mann festzuhalten und zieht diesen mit in die Tiefe. Lass mal sehen, wen wir jetzt überhaupt noch an Bord haben. Aha, nur noch die, welche sich nicht der Phantasie haben überführen lassen. Oh, was für ein magenkranker, miesepetriger Haufen. Und von denen kann man kaum einen als mehr als durchschnittlich bezeichnen. Mediokrer Haufen. Trübselige Konsonanten-Onanisten und Wermut-Tee-Zerrührer. Mit denen möchte doch niemand von uns ein Bier trinken gehen.
Wir bleiben in einer ziemlich traurigen Gesellschaft zurück, wenn als K.O.-Kriterium für „gute Literatur“ gelten soll, dass etwas von der eigenen Alltags- und Erlebenswelt abweicht.
Aber das Ganze gestaltet sich ja bei genauer Betrachtung noch Tiefgreifender.
Warum sollte ich mich mit Fußball auseinandersetzen, da er doch nicht nach den Regeln des Alltags funktioniert? Warum jede andere Sportart? Warum Schach? (Gutes Beispiel übrigens. Ich bitte doch einmal über Schach als Metapher für phantastische Literatur zu meditieren. Der König im Schach heißt nicht Karl der Große oder Wilhelm der Eroberer oder Hannibal. Keine Person der Geschichte. Was für ein sinnloses Spiel!)
Dieses Beispiel zeigt allerdings ein Modell auf. Es handelt sich um Spiele. In einem Spiel lassen wir uns auf die der alltäglichen Welt fremden, ihm inhärenten Regeln ein. Oft um im Aufgehen in diesen Regeln etwas Allgemeingültiges zu finden.
Ist das Lesen eines Buches nicht auch so etwas wie ein Spiel, bei dem das Einlassen auf die Regeln des Werkes die Grundvoraussetzung ist?
Sofort denken wir an Hermann Hesses „Glasperlenspiel“, das sich auch dieser Metapher bedient.
Macht dieses Einlassen auf inhärente Regeln, das immer wieder neue Einlassen auf immer wieder neue Regeln nicht einen der Wesenszüge der Kunst aus. Und zwar nicht nur der literarischen.
Ist dies nicht auch eine der größten Verdienste der Kunst, dass sie uns zeigt, in etwas Neuem, Fremdem, Autarkem, nach eigenen Regeln Funktionierendem eine Wahrheit zu entdecken.
Man könnte dies auch versuchsweise als die Definition eines Kunstwerks verwenden, eines literarischen, bildenden, plastischen, musikalischen: dass es in sich autark ist, eigene Regeln aufstellt, denen es selber entspricht und genügt, in denen es selber aufgeht.
Wie wollen wir sie nennen? Die „literarische“, „anspruchsvolle“, „Mainstream“, „Feuilleton“ oder Profan-Literatur? Dieses Genre, das sich anmaßt kein Genre zu sein, sondern die Literatur an sich, nicht die Ausnahme, die Verirrung sondern die Normalität. Dessen Haltung daher allzu oft an einen xenophoben Chauvinismus gemahnt.
Was speist in ihrer Betrachtung eine Haltung, die es als Zumutung betrachtet, sich literarisch mit Welten auseinanderzusetzen, die nicht die eigene sind? 
Diese – nennen wir sie einmal so – „allgemeine Literatur“ kann auf einen Konsens breiter Erfahrungen zurückgreifen, die wir uns angewöhnt haben, als allgemeingültig zu betrachten (was, wie schon im Vorhergehenden anklang, bei genauer Durchleuchtung fragwürdig wird), wohingegen bei Fantasy (oder Ähnlichem, was auch schon in weiten Feldern dieser „allgemeinen Literatur“ seinen Anfang nimmt) der Boden dieses Konsenses verlassen wird und deshalb oft die Regeln ausgesprochen werden müssen.
Die Weltgesetze können sich nicht länger hinter dem Schleier des Impliziten verstecken.
Ich frage mich, würden die Welten, die von den Buchdeckeln von Werken der „allgemeinen Literatur“ gefasst werden, noch immer so allgemeingültig, „realistisch“, so sehr als „die Unsere“ empfunden, wenn auch hier klar die Regeln auf den Tisch gelegt werden müssten, wenn auch hier der angebliche Konsens ausgesprochen und definiert werden müsste. Was ist der fragwürdige Widerhaken des Realismus mit den wir den weißen Wal der „anspruchsvollen“ Literatur harpunieren können müssen? 
Ich bin mir sicher, wir würden uns bei vielen Autoren mit Grausen abwenden, wenn sie die Grundzüge ihrer Welt definieren würden. Mir jedenfalls geht das oft so bei von der literarischen Welt hochgefeierten Autoren, auch wenn ihr „world-building“ nur implizit ist.
Was ist also nun das Fazit dieses Bloggers, der sich eine Stunde lang auf der Bühne zerquält und tobt?
Im Grunde ein Allgemeinplatz.
Fantasy ist Literatur.
Sie muss genauso ernst wie jede andere genommen und nach den gleichen Kriterien beurteilt werden. Wozu gehört, dass sie innerhalb ihrer Genreregeln beurteil wird. Es nützt wenig einen satirischen Roman wie eine Sozialreportage zu betrachten; das Ergebnis wäre fruchtlos und unsinnig. 
Entweder ist Fantasy auch Literatur oder nichts ist Literatur. Wenn wir schon einteilen wollen, dann bitte nicht nach Genre sondern in gute und schlechte Bücher. Oder solche die gefallen, unterhalten, uns wachsen lassen oder nicht. Oder was auch immer.
So, und nächstes Mal dann bitte dem Banausen eins auf die Glocke, werte Schwester S. Meinen Segen hast du.

18. Oktober 2012

The Return of the Blog


Hallo, meine Damen und Herren, Jungs und Mädels, Dudes und Dudesses!


Lange nichts mehr voneinander gehört. Es war eine geschäftige Zeit. Jetzt bin ich wieder da und melde mich wieder.
Und ab jetzt werdet ihr wieder regelmäßiger von mir hören.
Also, was ist in letzter Zeit passiert?
Da gab es also die Gratis-Aktion für „Ninragon 1“; das war das letzte, was ich gepostet habe.
Und die ist ausgesprochen gut gelaufen. Ganz allmählich tauchte Ninragon gegen Mittag in den SF und Fantasy-Charts von Amazon auf. (Amazon trennt rigoros in regulär und gratis auf, um die Fairness zu wahren.) Innerhalb von wenigen Stunden zog Ninragon gewaltig an, und in den beiden Tagen der Aktion erreichte er schnell Platz 1 in (fast) allen relevanten Kategorien: Fantasy, SF/Fantasy, Belletristik. Allein unter „eBooks“, also Belletristik, Sachbücher, Bildbände usw. zusammengenommen, erreichte er lediglich Platz 2. Von allen Kindle-Büchern der Sparte. 
Das nenne ich Interesse.
Jetzt geht es an die Eroberung der linken Spalte, der kostenpflichtigen eBooks.
Aber da tauchte „Ninragon 1“ auch schon am nächsten Tag hochplatziert auf. Und stieg.
Es geht also weiter!
Dass sich die Meinungen an „Ninragon“ spalten werden, war von Anfang an klar. Die Fans herkömmlicher Kuschel-Fantasy werden mit „Ninragon“ Schwierigkeiten haben, einem Roman, der sich zum Ziel gesetzt hat, der märchenhaften Ausprägung des Genres einen Zug des Realismus entgegenzusetzen. Kein klares Schwarz und Weiß. Moralisch gebrochene Charaktere. Und vor allem stelle ich Gewalt und Krieg nicht als ein Feld ungetrübten Heroismus das, sondern als das, was sie wirklich sind: schrecklich, blutig, unbegreifbar. Alles andere wäre schlicht Gewaltverherrlichung. Ich will die Welt so zeigen, wie sie wirklich ist, zwar mit einem Einschlag des Phantastischen aber in ihren Grundzügen und ihrem Erleben so, wie sie uns allen erfahrbar ist. Menschen bleiben Menschen, mit all ihren Licht- und Schattenseiten, ob sie sich nun technischer Errungenschaften bedienen oder der Magie. Und Politik bleibt Politik, egal ob in unserer Welt und in unserer Zeit oder in einem imaginären Reich namens Idirium.
Aber mich freut es umso mehr, dass die bisherigen Rezensionen so positiv sind und viele auch den Kern, dessen, was ich ausdrücken wollte, begriffen haben. Anscheinend gibt es einen Wunsch nach ehrlicher, authentischer Fantasy, die über das Dunkler-Herrscher-Knabe-der-Prophezeiung-Muster hinausgeht.
Was hat es noch seitdem gegeben?
Es gab verschiedene Interviews. Auf Phantastopia, im reflex-magazin, in „Merlins Bücherkiste“ und auf Zauberspiegel-online. Für mich ein Novom war es, ein Interview über einen Chat zu führen, wie das beim Team von Phantastopia der Fall war. Da war ich von meiner Tipp-Geschwindigkeit mal so richtig herausgefordert, weil die Finger nicht meinem Gedankenstrom hinterherkommen wollten. Aber das nette Team von Phantastopia hat das Ganze zu einem wahren Vergnügen gemacht. Jungs und Mädels, es war mir eine Freude. Schaut doch einmal auf dieser ambitionierten Seite vorbei! Ihr werdet viel Interessantes dort finden. Das gleiche gilt für „Merlins Bücherkiste“. Zum Zauberspiegel brauche ich nicht mehr viel zu sagen; er ist den meisten Phantastik-Fans ohnehin ein Begriff.
Das Interview im re>flex-magazin wurde von Joshua Groß geführt, der schon vorher einen äußerst klugen Artikel zu meinem Essay über den Comic in Plaque 2 geschrieben hatte.
Weiterhin gab es ein Hörfunk-Interview mit Antenne AC, bei dem ich nicht sicher bin, wann es gesendet wird oder ob es bereits gesendet wurde. Jedenfalls ergab sich hier zum ersten Mal für mich die Gelegenheit zu einer Lesung aus meinem Werken. Was einigermaßen verwunderlich ist, bedenkt man, wie lange ich schon im Geschäft des Geschichtenerzählens bin, aber schon weniger verblüfft, wenn man berücksichtigt, dass sich Comics wegen ihrer Bildlastigkeit nun einmal nicht so gut zum Vortrag eignen. Ich habe es genossen, der Geschichte meine eigene Stimme zu geben. Wobei ich schon etwas Übung hatte, nach dem abendlichen Vortrag von „Wind in den Weiden“ oder Ähnlichem am Bett meiner beiden Mädchen. Ich freue mich schon darauf, Figuren wie Jag meine Stimme zu geben. Dialoge sind beim Vortrag immer das Schönste.
Weiterhin habe ich an einer Übersetzung eines Probetextes aus dem Ninragon gearbeitet, die mir zumindest das Lob zweier Muttersprachler einbrachte. Ich musste dabei entdecken – fluchend, wie ich mich beeile hinzuzufügen –, dass ich die gewissen Eigenheiten und Möglichkeiten der deutschen Sprache an manchen Stellen wirklich erschöpfend (zumindest für mich als Übersetzer) genutzt habe. Einige Passagen waren fast unübersetzbar. Und das, wo ich doch immer beklage, wie klein das Vokabular des Deutschen im Vergleich zum Englischen ist. Anscheinend habe ich gut gelernt zu kompensieren. Damn!
Dann stand noch mein Geburtstag auf dem Programm, der dank meiner drei Mädchen und all meiner Freunde zu einem großen Vergnügen und Fest wurde. Rock‘nRoll, Jungs, Rock‘n‘Roll! Ich habe mich toll amüsiert und mich gefreut, viele gute Freunde nach langer Zeit endlich einmal wiederzusehen.
Damit verbunden war ein anschließender Kurztrip nach England zu meinem Freund und werten Schriftstellerkollegen Chris Dows, den ich noch aus Comic-Tagen kenne, als er Teil des Duos war, das den genialen Comic „Autumn“ schrieb, den ich die Ehre hatte zu zeichnen. Chris und seine Gattin Lisa haben mir eine tolle Nachgeburtstagsfeier mit großartigem selbstgebrauten Bier bereitet. Mehr gab‘s dann am nächsten Tag beim Beerdrinker‘s Golf, dem Wandern von Pub zu Pub (zum Teil am Strand vorbei) mit den dazugehörigen Pints verschiedener großartiger englischer „real ales“.
Chris ist seit langen Jahren bei der schreibenden Zunft, von Comics (u.a. Star Trek) über Fachartikel in gängigen Magazinen zur Belletristik. Checkt seine Sachen aus, es lohnt sich! Seine neuesten Werke sind seine Beiträge zum Warhammer-40.000-Mythos: „In the Shadow of the Emperor“ in Hammer and Bolter #14 und „The Mouth of Chaos“ in Hammer and Bolter # 22. Und Achtung: Da kommt noch mehr! Ich denke von Chris sind noch ganz viele großartige Bücher zu erwarten. The best is yet to come, old pal.
Tja, und dann gab es da noch die Überarbeitung von „Hyperdrive“ zur Publikation. Meine Verirrungen und Fehleinschätzungen, will sagen mein langer Weg zur Wahrheit, was mit diesem Titel am besten geschehen sollte, ist wohl in vorhergehenden Posts ausgiebig dokumentiert. 
Ich kann nur sagen, dass ich sehr zufrieden mit meiner Entscheidung zur Überarbeitung bin und mit dem, was dabei herauskommt.
Aber Mann, ist das eine mühsame Arbeit, seine eigene Vergangenheit in die Gegenwart zu bringen! Ein Projekt, das aus einem bestimmten Gefühl und aus einer bestimmten Haltung in einer bestimmten Zeit entstand, und das eigentlich rund und fertig und unantastbar erscheint, auseinanderzunehmen und der jetzigen Haltung zum Schreiben anzupassen und auf den zur Zeit bestmöglichen Stand zu heben. Es ist mühsam und schmerzhaft, aber ich glaube ich bin in diesem Prozess so sehr schriftstellerisch gereift wie noch bei keinem anderen Projekt. Man wird sich dadurch über seinen eigenen Standpunkt zum Schreiben und seine Herangehensweise klarer als beim normalen Prozess, wo eher das instinktive Geschöpf im Bauch die Führung übernimmt. Komplett etwas neu schreiben ist wahrhaftig leichter. Aber ich lerne und wachse daran. Und ich bin froh, diese Geschichte, die mir sehr am Herzen liegt, aus dem Limbo gerettet und ans Licht des Tages gebracht zu haben. Diese Geschichte ist das alles wert. Dugan, Sam B., Giébra, Arnau, der kleine Wolf und all diese Charaktere sind es wert.
Die zweite Episode von Hyperdrive wird erscheinen, sobald wir ein Cover haben.
So und dann noch eins. Mein Blog wird jetzt auch illustrierter werden. 
Sobald ich auch das verdammte Übertragungskabel zu der Kamera gefunden habe, die es auch mir Simpel, der nur gelernt hat, die Welt mit Papier und Zeichenstift zu sehen, ermöglich, anständige Fotos zu machen – im Gegensatz zur hochkomplexem Spiegelreflex-Dingens-Gedönsheimer-Kamera meiner werten Gattin.
Und damit wäre dann mein heutiger Blogpost auch schon fast zu einer Tirade geraten, was ja an sich auch was Schönes ist.
Na ja, ein anderer Tag, ein anderes Blog. 
Growl!!!!

In diesem Sinne.