27. August 2012

Alte Bekannte


Es ist eine Situation, die wohl jeder Schriftsteller einmal erlebt. 
Aus irgendeinem Anlass wird man mit einem alten Manuskript konfrontiert. Man muss darin etwas für eine neue Geschichte recherchieren, um die Kontinuität zu sichern. Man soll aufgrund einer Neuauflage irgendetwas dazu schreiben. Es fällt einem schlicht und ergreifend irgendwann in die Hand, man will nur einen Satz überfliegen und liest sich daran fest. 
Oder eine schon ältere, unpublizierte Geschichte soll nun doch einer Leserschaft präsentiert werden, und man muss sie Korrektur lesen bzw. ein letztes Mal durcharbeiten.
Dies bringt den Schreiber zwangsläufig in eine seltsame Situation: Man begegnet alten Bekannten.
In dieser Situation bin nun auch ich, da ich begonnen habe die letzte Fassung von Hyperdrive zu erstellen, die dann ins Lektorat gehen soll. Es geht mir dabei um eine letzte Korrektur, aber auch darum sicherzustellen, dass die Kontinuität einer Geschichte gewährleistet ist, die sehr früh geschrieben wurde, und deren Kosmos in die Vergangenheit hinein durch andere, später geschriebene Romane (und Romanentwürfe) um sehr viele Details erweitert wurde.
Auf dem Ausdruck, den ich dabei zu Rate ziehe, steht „Hyperdrive – Zweite Fassung. November 2007“. Das Ganze liegt also so weit zurück, dass eine gewisse Distanz zum Geschriebenen besteht.
Ich öffne also meine alte Scrivener-Datei, und ich fange an zu lesen.
Und sofort begegne ich alten Bekannten.
Dugan, Kaitar, SamB., die Charaktere, mit denen ich mich über lange Zeit so intensiv beschäftigt habe, treten mir wieder so lebhaft vor Augen, als wäre es gestern gewesen. 
Doch heute hat die Begegnung eine andere Qualität. Damals hatte man diese vage Ahnung, dieses Gefühl für die Person. Man ging mit ihr über die Straße, spürte ihre Art sich zu bewegen, durch Gassen zu schlendern, sich in einem Café auf einen Stuhl fallen zu lassen, Passanten zu beobachten, man strich sich mit ihrer Geste durch die Haare. Man fühlte ihren Groove. Aber man wusste nicht, was sie an einer bestimmten Stelle des Plots tun würden. Sie war ein Möglichkeitsraum, ein Schwerefeld von Optionen.
Ich war damals im Frühling dieser Charaktere.
Vor ein paar Tagen hatte ich einen schönen Dialog im Geäst des Twitter-Kontinuums (liebe Grüße, Sarah Reyl!), der mir Gelegenheit gab, den Frühling zu charakterisieren. Voller Ahnung, leicht aber noch nicht fertig. So könnte man auch mein Verhältnis zu den Charakteren während des Schreibprozesses charakterisieren.
Jetzt, beim erneuten Lesen des Manuskripts, traten sie mir plötzlich ganz und gar anders entgegen. Fest, solide, ausgeformt. Wirkliche Personen,wie ich ihnen auch in meinem täglichen Leben begegnen würde. Manche überraschten mich. Dass ich sie damals so geschrieben, so entworfen hatte. Die Hauptfiguren waren nach wie vor präsent, aber ich war von ihnen, wie sie mir im Geflecht der Worte entgegentraten, seltsam distanziert.
Und dann liest man sorgfältig, dann fasst man das Manuskript Zeile für Zeile kritisch ins Auge.
Und kommt in einen merkwürdigen Zwiespalt.
Man ist ein anderer geworden als der, welcher das damals geschrieben hat. Man hat sich als Schriftsteller verändert.
Man würde heute, wenn man das gleiche Thema angehen würde, anders schreiben.
Ich kann nicht einmal sagen, ob besser oder schlechter – auf jeden Fall aber anders.
Man spürt diesen Drang einzugreifen, das Ganze von Grund auf zu sezieren und wieder zusammenzusetzen und zu der Story zu machen, die der Schriftsteller schreiben würde, der man heute ist. Der hat aber nun einmal nicht diese Geschichte geschrieben.
Und dieses ist die merkwürdigste Begegnung mit einem alten Bekannten, die man während dieser ganzen Prozedur erlebt: die Begegnung mit dem Mensch und Schriftsteller, der man damals war.
Man ist nicht mehr dieser Mensch, und es wäre wie Betrug, diese Geschichte anzutasten und an ihr herumzuschustern. Jemand anders hat sie geschrieben. Ich habe nicht das Recht, ihm ins Handwerk zu pfuschen.
Es besteht eine merkwürdige Distanz, die ich wahren und respektieren sollte.
Natürlich war die Versuchung groß, jetzt, wo ich die Gelegenheit habe, noch einmal im großen Maßstab einzugreifen. Aber letztlich hat mich die Erinnerung an Poul Anderson und seinen Klassiker der Fantasy „The Broken Sword“ davor bewahrt. Er war in einer ähnlichen Situation und hatte sich damals entschieden, sein altes Werk vollkommen zu überarbeiten. 
Nun ja, ich bin nicht der Einzige, der wirklich dankbar ist, wenn eine Neuauflage des Romans, den Text der alten Version übernimmt. Im Bemühen, seinen alten Roman zu verbessern hat Poul Anderson ihm seine ganze ursprüngliche, wilde Dynamik, die brachiale, heidnische Wucht genommen. Er hat den Roman eingeebnet. Wo uns vorher ein markantes, schroff zerklüftetes Gebirge entgegentrat.
Ich habe mich also entschlossen, den Teufel zu tun, diesen Fehler zu wiederholen.
Dieses Buch wurde von einem jüngeren Selbst geschrieben. Es ist gut so, wie es ist. Ich respektiere dieses jüngere Selbst. Ich helfe ihm nur hier und da ein wenig, mit meiner Erfahrung den vorhandenen Text zu glätten. Ich tue das für ihn, was ein guter Radakteur tun würde. 
Punkt.
Ich empfehle Ihnen, ich empfehle euch also nun das Buch eines alten Bekannten zu Lektüre.
Es heißt „Hyperdrive“. Es wurde von jemandem geschrieben, über den Schlechtes zu sagen ich mich hüten sollte, denn ich stehe in seiner Schuld.
Es ist ein ziemlicher Trümmer. Will meinen, es hat gehörig Überlänge. Es ist eine lange Geschichte. Mein alter Bekannter hatte damals viel zu erzählen. 
Daher wird es auch bald als eBook in sechs Teilen erscheinen.
Ich wünsche Ihnen, ich wünsche euch, meine Damen und Herren, Jungs und Mädels, Dudes und Dudesses, viel Spaß beim Lesen dieses Buches.

Howdy!
See you on the Range.

Horus

P.S.:
Die Ninragon-Trilogie gibt es nach wie vor auf Amazon.

„Die standhafte Feste“ http://amzn.to/QhC6dz
„Der Keil des Himmels“ http://amzn.to/NLiI9C
„Der Fall der Feste“ http://amzn.to/QN0YaG

Zum Anlesen von „Ninragon“ gibt‘s außer den obligatorischen Leseproben zum Runterladen auf Amazon 
auch „Krähen, zerfetztes Banner“ als Leseproben aus Ninragon 1: http://bit.ly/T8NJF4
und „Das Herz der Zivilisation“ als Leseprobe aus Ninragon 2: http://bit.ly/MkCzIt,
außerdem „Im Feuer“ aus Ninragon 1: http://bit.ly/ORFmJv

20. August 2012

Warum nicht? – Das Programm für die nächsten Monate


Ich habe einmal gesagt „Warum nicht?, ist eine der kreativsten Fragen.“, also wird es wohl stimmen.
Ich habe hier an dieser Stelle beschrieben, wie ich nach meinem letzten Comic „Post Mortem Blues“ beschloss, das Medium zu wechseln und reine Prosa zu schreiben, und wie aus meinen ersten Versuchen der Roman „Hyperdrive“ entstand. Über den ich auch schon so einiges erzählte, Personen, kurzer Abriss der Handlung usw. Um dann zu schließen, dass er nicht für eine Publikation bestimmt ist.
Hier kommt sie also, die kreative Frage:

Warum nicht?

1.) Zur Zeit, als ich ihn fertig geschrieben habe, hieß es in den Kreisen, die professionell eine Meinung zu solchen Dingen haben müssen: Science Fiction ist so was von out.
2.) Der Roman war ein Monster geworden. Was den Umfang betraf. Ich konnte nicht hoffen als Debut-Autor mit so einem voluminösen Werk, die Chance einer Veröffentlichung zu bekommen. Das wäre ein zu großes Wagnis gewesen. Für jene, die mit ihrer professionellen Meinung nicht nur sich selber Rechenschaft schuldig sind, sondern dem ganzen Apparat über ihnen. Ich kann diesen Standpunkt verstehen. Wenn man dort steht, wo sie stehen und diesen Platz gut und gewissenhaft ausfüllen will, ist eine solche Haltung absolut verständlich.
3.) Mir ist nicht klar, ob „Hyperdrive“ bei allem, was ich danach geschrieben habe und was im gleichen, im einem einzigen Erzählkosmos geplant war, noch die Kontinuität wahrte und als kanonisch gelten konnte.
Da ich beim Erzählen über diesen Roman gemerkt habe, wie sehr er mir noch am Herzen liegt – und mich erinnert habe, welch positives Feedback mir die Probeleser zu ihm gegeben haben –, habe ich diese drei Punkte mit der Frage „Warum nicht?“ im Blick noch einmal einer kritischen Musterung unterzogen.

Punkt 1:
Ich bin, wenn ich eBooks selber herausgebe, niemandem gegenüber Rechenschaft schuldig als dem Leser. Meine Pflicht ist es, ihn zu unterhalten. Theorien und Prognosen über einen fiktiven Markt oder ein fiktives Publikum müssen für mich nicht gelten. Wenn ich die Leser unterhalte, und wenn ich sie mit einer SF-Geschichte unterhalte, dann ist dieses Buch gerechtfertigt.
Außerdem gibt es da eine kleine aber ständig an Volumen anwachsende Serie, die mich die Annahme von einer nicht vorhandenen Akzeptanz für Science Fiction und ihre mangelnde Popularität überdenken lassen muss. Sie heißt „Perry Rhodan“. Ich glaube, sie hat inzwischen ein paar mehr Leser und Fans. Ach ja, und da gibt es noch Star Wars und Star Trek und … aber ich schweife ab.
Punkt 2:
Als eBook-Indie bin ich nicht an eingefahrene Formate gebunden. Ich gehe keine Risiken ein, wie sie ein großer Verlag eingehen würde. Keine Bäume müssen für mein Buch sterben. Ich kann neue, ungewöhnliche Wege gehen.
Punkt 3: Die Kontinuität zu meinen anderen Geschichten und dem Kosmos, in dem sie spielen, kann ich durch einen einfachen Überarbeitungsdurchgang gewährleisten.

Warum also nicht?

Und damit sind wir bei der Ankündigung des Programms für die nächsten Monate.

Heute erscheint „Ninragon – Band 3: Der Fall der Feste“ als eBook bei Amazon. Damit liegt die komplette Trilogie vor.

Danach erscheint „Der Idirer“, eine Erzählung aus der Welt des Ninragon. In ihr erfährt man, was mit einer Nebenperson aus Ninragon geschah: Karan Niomander Theakande, Aurics Lehrer im Kampf mit dem idirischen Fechtspeer. Sie wird in den ersten Tagen gratis sein. Danach wird sie 0,99 € kosten.

Im Anschluss daran erscheint „Hyperdrive“ ein SF-Roman, der in der fernen Zukunft der Welt des Ninragon spielt.
In meinem Post „Warum Romane? Teil 2“ kann man eine kurze Szene aus dem Roman lesen und in „Warum Romane? Teil 1“ habe ich etwas über die Geschichte erzählt:
„Dugan Raijaw, eine unbezähmbare Naturgewalt. Eine Bombe, die darauf wartete zu explodieren.
Sam Bi. Sie beschreibt sich selber als eine „Managerin mit robuster Kompetenz“, der diese Bombe bei einem Auftrag in den Schoß fällt, ausgerechnet als sie selber angeschlagen ist und erst einmal ihre Moral und ihr Leben wieder aufbauen muss.
Nemo5. Ein Mann, den es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte und der ein Geheimnis mit sich herumträgt, hinter dem jede Macht des menschlichen Einflussbereichs her ist. Der dieses Geheimnis selber ist. Der etwas gesehen hat, was ihn auf immer verändert hat. Verwandelt hat.
Special Major Masoud Walser. Der richtige Mann im falschen System.“
„Hyperdrive“ erscheint in sechs Teilen. Wie ein klassischer Fortsetzungsroman. Wegen seiner Länge und weil ich es interessant finde, zu sehen, wie der klassische Fortsetzungsroman in der eBook-Indie-Szene seine Renaissance erlebt. Und ich diese Format ungeheuer reizvoll finde.
Jede Folge wird 0,99 € kosten. Die erste Folge wird in den ersten Tagen gratis sein.
Ich fasse zusammen.

Das Programm:

„Ninragon – Band 3: Der Fall der Feste“ Der letzte Band der Trilogie – 3.99 €

„Der Idirer“ Eine Erzählung aus der Welt des Ninragon. – In den ersten Tagen gratis (achtet auf die Ankündigungen), danach 0,99 €

„Hyperdrive 1“ Ein Science-Fiction-Roman aus der Welt des Ninragon. – In den ersten Tagen gratis (achtet auf die Ankündigungen), danach 0,99 €

„Hyperdrive 2“ – 0,99 €

„Hyperdrive 3“ – 0,99 €

„Hyperdrive 4“ – 0,99 €

„Hyperdrive 5“ – 0,99 €

„Hyperdrive 6“ – 0,99 €

Mehr erfahrt ihr zur rechten Zeit auf meiner Internetseite http://bit.ly/QvOSXt,
auf meiner Facebook-Seite http://on.fb.me/OFqy27
natürlich hier auf meinem Blog,
auf meiner Amazon-Autorenseite http://amzn.to/QPsokr. 

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auch „Krähen, zerfetztes Banner“ als Leseproben aus Ninragon 1: http://bit.ly/T8NJF4
und „Das Herz der Zivilisation“ als Leseprobe aus Ninragon 2: http://bit.ly/MkCzIt,
außerdem „Im Feuer“ aus Ninragon 1: http://bit.ly/ORFmJv


So, meine Lieben, Damen und Herren, Jungs und Mädels, Dudes und Dudesses, das war‘s für heute.

Howdy!
See you on the Range.

Horus

13. August 2012

Kleine schwarzhaarige, krummbeinige Muse

„Woher kriegst du eigentlich deine Ideen?“ 
Das ist eine der Fragen, die einem Erzähler, egal in welchem Medium er tätig ist, wohl am meisten gestellt werden.
Es ist keine dumme Frage, es ist eine große Frage. Sie kommt einem Geschichtenerzähler manchmal vorschnell wie eine dumme Frage vor, denn es ist eine Frage, die sich jemandem aufdrängt, dessen Denken nicht in der Welt der Geschichten, von fiktiven Personen und ihren Handlungen, von Schauplätzen und Situationen, die Handlungen provozieren, zu Hause ist – für jemanden aber der eben ein Erzähler ist, ist dies alles so selbstverständlich, als würde man einen Fisch fragen: Sag mal, wie schwimmst du eigentlich? Oder: Na, wie lebt es sich so im Wasser? Der Fisch wie der Geschichtenerzähler würden beide antworten: Wie, was, welches Wasser?
Wenn es mir schon schwerfällt, dem Nicht-Eingeweihten zu erklären, woher die Ideen kommen, will ich zumindest etwas über die Umstände verraten. Und die verändern sich, je nach Geschichte oder Lebenssituation. Also muss ich spezifischer werden: Ich will etwas über die Umstände sagen, in denen mir Ideen in der Zeit kamen, als ich meinen ersten Post-Comic-Roman „Hyperdrive“ schrieb.
Die Struktur stand schnell fest. Es sollte eine Geschichte über drei Personen sein, die durch das Schicksal für kurze Zeit zueinandergetrieben wurden, deren Wege sich vereinten, verzweigten und dann wieder voneinander trennten. Drei sehr verschiedene Personen, die die Welt und die jeweiligen Situationen völlig unterschiedlich sahen und bewerteten, sich gegenseitig sehr unterschiedlich sahen, also eine kurzzeitige explosive und fragile Mischung.
Die Personen waren plötzlich da, nachdem diese Grundidee geboren war, von irgendwo, zwar nicht plötzlich aus dem Nichts, aber das ist eine andere Geschichte.
Die Personen diktierten die Grundstruktur des Plots. Dann kam ein Gegenspieler dazu, der kein Schurke war, sondern genau was das Wort sagte, eben ein Gegenspieler. Also, das Grundgerüst stand bald fest.
Aber längst nicht die Details des Plots, die Umstände, die Situationen. Es gab Ankerpunkte zwischen denen das Gewebe ausgefüllt werden wollte. 
Das ging soweit, dass es eine ausgedehnte Actionsequenz am Ende des Bandes gab, ein Showdown, eine Befreiungsaktion, von der ich an dem Tag, als ich begann, sie zu schreiben, nicht den blassesten Schimmer hatte, wie um alles auf der Welt meine Protagonisten diese unmögliche Tat bewerkstelligen sollten. Es wurde ein grandioses überlanges Kapitel, das einige meiner Testleser ihre Nachtruhe gekostet hat, weil sie die Geschichte einfach nicht mehr aus der Hand legen konnten. Wahrscheinlich kam das, weil auch ich als Schreiber bis zum Schluss atemlos gespannt war, wie die ganze Sache ausgehen würde. Es war eine wunderbare Erfahrung, dies zu schreiben, ein atemberaubend packender Balanceakt, ein Rausch und ein tranceartiges Agieren mit Rauch und Spiegeln.
Solche Erfahrungen waren es, die das Schreiben für mich zu einer Sucht machten.
In anderen Worten: Rock‘n‘Roll, Baby!
Wie ging das vor sich? Wie liefen diese Prozesse ab?
Ich war damals – bevor mich meine beiden hinreißenden Mädchen zwangen, das Spontane und das Improvisieren zu erlernen – immer ein sehr disziplinierter Arbeiter. Ich hatte meine festen Zeiten, zu denen ich am Arbeitstisch saß, ich hatte meine Rhythmen und Rituale.
Wenn ich an einem Schreibtag um 9.00 mein Laptop aufklappte, fing ich an zu schreiben.
Ich stand auf, ging ins Badezimmer, machte mich für den Tag fertig – und fing an über die Geschichte nachzudenken. Unter der Dusche hatte ich die ersten Schauplätze, Details, Dialogfetzen, Handlungsideen. Die wirbelten dann während des Frühstücks noch ein wenig im Kopf herum, und zu dem Zeitpunkt, an dem ich dann eben meinen Laptop aufklappte, war ich bereits so vollbetankt mit Brennstoff, dass ich sofort loslegen konnte.
Mittag. Der Schwung ebbt ab, das erste Feuerwerk war abgebrannt. Dann etwas gemeinsam mit meiner Frau essen.
Dann folgte die zweite Phase, in der die Ideen in meinen Geist gerufen wurden.
Mein Spaziergang mit Brian.
Brian ist eine Mischung zwischen einer französischen Bulldogge, seiner Mutter, und einem Toy-Pudel. Seine Brüder waren hässlich wie die Nacht, hatten krumme, kurze Beine, plattgedrückte Schnauzen und die Krause eines Pudels. Brian war die Ausnahme des Wurfs. Kurze, schwarze Haare, die Statur eines archetypischen Hundes als Grundform, unterkniehoch, Ringerbrustkorb und die krummen Rummelboxerbeine einer Bulldogge, der Kopf eines Pudels, nur ohne Kraushaar, die Schnauze kürzer und massiver durch den Bulldoggeneinfluss. Und – wenn Brian bellte, bebte die Fensterscheibe wie bei einem gut Subwoofer. Subwuffer, höh höh, he said it, like … – okay, geschenkt. Jedenfalls hat er richtig gebellt und nicht gejippt wie eine räudige Fußhupe.
Mit Brian ging ich Mittags spazieren, und während er über die Wiesen tobte, fielen mir die besten Sachen ein. Seine Unbekümmertheit und Lebensfreude lockte wahrscheinlich mein Unterbewusstsein auch auf leichtere Pfade. Zurück kam ich immer mit einem Sack voll Ideen für den Nachmittag.
Brian hat uns leider verlassen, kurz bevor wir dieses Haus verließen. Ich hab ihn im Arm gehalten und den Moment gespürt, als ihm sein Körper endgültig zu schwer wurde.
Ich vermisse ihn unsäglich. Obwohl er eigentlich immer bei mir ist.
(Jemand, der nie eine Hund gehabt hat, kann das wahrscheinlich nicht verstehen und findet das gar lächerlich.)
Brian war der beste Hunde der Welt und wird es bleiben.
Ich stelle mir vor, dass er über grünere Wiesen hoppelt und das Gras ihm dabei wunderbar der Bauch kitzelt.
Wahrscheinlich aber ist er unter die Piraten gegangen.

Brian stand ein kleines bisschen Pate für Ku Zwei in „Ninragon“.
Eine Leseprobe von Ninragon findet ihr hier:
„Krähen, zerfetztes Banner“ als Leseproben aus Ninragon 1: http://bit.ly/T8NJF4
„Das Herz der Zivilisation“ als Leseprobe aus Ninragon 2: http://bit.ly/MkCzIt,
„Im Feuer“ aus Ninragon 1: http://bit.ly/ORFmJv
„Drachenraunen“ aus Ninragon 1: http://bit.ly/NjGo2S
Zum Anlesen gibt‘s außerdem die obligatorischen Leseproben zum Runterladen auf Amazon 

6. August 2012

Warum Romane? (Teil 3)

Fassen wir also desweiteren zusammen: Ich hatte eine Story im Kopf und begriff, dass ich sie nicht auf irgendeine befriedigende oder meiner geistigen Gesundheit zuträgliche Weise als Comic verwirklichen können würde. Angeregt durch einen Tritt ins Rückgratende durch meine Lebensgefährtin setze ich mich hin und versuche, das Ganze rein literarisch, ohne Bilder, als Roman umzusetzen. Eine Woche später bin ich süchtig.

Da saß ich also, mir war absolut klar, dass das Schreiben meine Berufung war, und was machte ich jetzt damit?
Ich war schließlich Comic-Zeichner, all meine Verbindungen, meine ganze Karriere bezog sich auf diese Szene. Ich hatte viele lange Jahre gearbeitet, um an den Punkt zu kommen an dem ich war. Ich war jemand.
In der literarischen Szene dagegen war ich niemand. Jemand, der gerade anfängt.
Wollte ich wirklich diese ganze Ochsentour noch einmal durchmachen? Wollte ich meine alte Karriere abschließen und ganz von vorne beginnen?
Während ich mit mir rang, brachte mir ein Blick in den letzten Comic, den ich verfasst hatte, Rat.
Da ist ein Mädchen, die als tot erklärt wird, die mit ihrem ganzen Leben, ihren ganzen Erfahrungen an einen Körper gekettet ist, der keine sich erneuernden Prozesse des Lebens mehr durchläuft. Während sie versucht, diese Erfahrung, die sie krass zum Außenseiter macht, zu verarbeiten, hat sie seltsame Visionen. Sie sieht hinter Wänden Schatten einer sich abzeichnenden Welt voll miteinander tätigen Individuen. Die ist vage fasziniert, da ist etwas Neues hinter den Mauern, während die Welt um sie herum für sie immer mehr abstirbt. Am Schluss einer post-modernen, morbiden Walpurgisnacht steht sie ernüchtert und innerlich in all ihren Regungen gelähmt vor einer Backsteinmauer, ahnt hinter ihr erneut die Welt der Schatten. Sie sehnt sich danach, dass die Mauern sich für sie öffnen. Erst dann so ahnt sie, würde endlich wieder etwas geschehen. (Während unbemerkt von ihrem Wachbewusstsein ein Teil von ihr hinter den Kulissen der Welt schon tätig ist.)
Ich sah, dass ich genau wie die Protagonistin dieser Geschichte vor einer Mauer stand und nicht weiter konnte. 
Dass ich mit meinem Unterbewusstsein prophetisch genau meine eigene Situation beschrieben hatte. Erst hinter dieser Mauer ging es weiter. Erst dort würde wieder etwas geschehen. Dort war eine neue Welt.
Jetzt musste ich nur mutig genug sein, sie zu entdecken. 
Seit dem begreife ich mich als Schriftsteller.
Ich habe nicht die Comics hinter mir gelassen – sie sind fester Teil meines Bewusstseins und meiner Vergangenheit –ich bin nur einen Schritt für mich weitergegangen.
Und die Bilder?, fragen manche. Vermisst du das Zeichnen nicht?
Die Bilder sind immer noch da. Sie sind in jeder Zeile, die ich schreibe.
Das Zeichnen?
Ich zeichne immer noch. Ich habe nie aufgehört. Nur nicht auf Papier.
Ich habe so lange Zeit gezeichnet, das die Zeichnungen in meinem Kopf sind, dass das Zeichnen in meinem Denken passiert. Ich schaue in die Welt und ich kann nicht anders, als den Fund meiner Augen automatisch zu Zeichnungen zu verarbeiten. Ich schaue die Welt an und sehe Zeichnungen. Nur verspüre ich nicht länger die unbedingte Notwendigkeit, sie dann auch noch zu Papier zu bringen.
Als dann meine beiden Mädchen kamen, hörte ich dann immer wieder Frage wie: Papa, malst du mir eine Katze. Und da nahm ich zum ersten mal tatsächlich wieder einen Stift in die Hand.
Das erste davon, was nicht mit allem anderen Aufgekehrten des Tages in den Müll wanderte, war mein erstes Bild einer Katze, das von meinen Mädchen nicht mit „Wau-wau“ kommentiert wurde.
Seitdem schaue ich immer wieder manchmal meine Marker an und werde nachdenklich.
Ich und zeichnen? Nie mehr? Wer weiß.
Alles ist möglich.
Aber jetzt werde ich zuerst einmal wieder eine Originalzeichnung für die anfertigen, die mir eine Rezension auf Amazon schreiben. Denn das Angebot gilt noch immer: Eine signierte Zeichnung von mir gegen eine Rezension meines Buches auf Amazon.
Auf geht‘s!

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