11. Dezember 2012

Vom Boden des Schneideraums

An den letzten Tagen habe ich einiges über die ersten Inspirationen zu HYPERDRIVE erzählt und dabei auch erwähnt, dass einiges von dem, was aus diesen ursprünglichen ersten Inspirationen erwuchs auf dem Boden des Schneideraums landete.
Heute, als Blick in die Werkstatt, gibt es einen dieser Schnipsel, die es nicht ins endgültige Buch geschafft haben.
Here we go:




Der Blitz spaltete fast horizontal die dunkle Wolkenwand, zuckte dann mit nervös verästelnden Fingern von mörderischer Gewalt gegen Boden. Vor einem Hintergrund von Blau, das sich bis zur letzten Sättigung an der Dunkelheit des Abgrunds satt gesoffen hatte. Der Donner folgte nur Bruchteile versetzt.
Regen brach auf sie herab, in unbarmherzig hartem Guss.
Obwohl sie schon in Sekunden durchnässt waren, hörte Dugan niemanden aus der Truppe fluchen, nur leise Laute der Erleichterung um ihn herum. Es goss zwar aus tintenschwarzem Himmel auf sie herab, sie wurden nass bis auf die Knochen, die Spannung aber, die sich über den ganzen langen Nachmittag aufgebaut hatte, war gebrochen und verschwunden.
Dugan sah die Gesichter seiner Leute, graue Schatten im düsteren Regenprasseln zwischen den Blitzen. 
Und mit einem Male kippte plötzlich seine Wahrnehmung um. Er sah die Welt um ihn herum von einer Sekunde auf die andere mit schwindelerregend wuchtiger Überschärfe. Der Moment schien eingefroren zu sein, wie in einen Block aus Glas gegossen. Er konnte sich in dem Diorama dieses erstarrten Moments umschauen, sich orientieren, sich all die einzelnen Eindrücke und Aspekte ansehen, ohne dass der Augenblick geflohen wäre. Sie existierten einzeln und separat, wie präparierte Wahrnehmungssplitter und doch kompakt und fest und untrennbar im Gesamtgefüge dieses zu einem einzigen Block erstarrten Moments.
– Er sah den glatten Stein der Felswände, hinter den Köpfen seiner Leute und ganz nah neben sich, in dem engen Felsdurchgang nur eine Armlänge entfernt, von den Elementen zu pittoresken Formen, Schlieren und Riefen poliert, noch immer rötlich schimmernd im Gegensatz zum Grau der Gestalten, als hätte der Stein das sengende Licht der Tage in sich eingesogen und glühe noch immer satt und träge davon wieder.
– Er sah Kaitar, die sich jetzt neben Madjai hielt, der anderen Frau der Gruppe; sie beide, deutlich befreiter und entspannter, lächelten flüchtig zu ihm herüber. 
– Er sah die nass glänzenden Flanken ihrer Reittiere, sah wie sie im Regen mit den Ohren zuckten und gehorsam und stetig weitertrotteten. 
Er atmete durch. Die Welt war wieder wie vorher, der Moment gesteigerter Wahrnehmung war vorüber, so unvermittelt wie er gekommen war. So unvermittelt und unwiderruflich, dass er hätte glauben können, es sei alles nur Einbildung gewesen, ein Streich, den ihm seine übermüdeten Sinne gespielt hatten.
Wäre da nicht das taube Gefühl gewesen. Und dieses Gefühl war noch immer da.
Aus der Luft, war er nun gewichen, der metallische Geschmack. Stattdessen war er jetzt in seinem Mund, wie eine Münze, die ihm jemand auf die Zunge gelegt hatte, schwer und fest, und eckig.
Es war auch noch beständig da, als sie auf dem im Irrgarten der Felsenschluchten verborgenen Weg endlich ihr Ziel erreicht hatten und sich durch den engen, im Dunkel des Überhangs verborgenen Spalt in den Eingangsschacht ihres Höhlenverstecks zwängten.
Es verging oder verblasste auch nicht durch Gewöhnung. Es war Zeit, nicht länger dem Wetter dafür die Schuld zu geben. Und eine überspannte Phantasie, die er womöglich dafür hätte verantwortlich machen können, hatte noch nie zu seinen Schwächen gehört.
Es war Zeit, diese Warnung anzunehmen.

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