9. Dezember 2012

Tal des Todes


Okay, wir waren unterwegs über Ridgecrest zum Death Valley auf der 178. 
Das ist nicht die normale Touri-Strecke, die geht über die 190, die schnurstracks von Westen nach Osten durchs Death Valley geht, eine schöne, grade, ausgebaute Straße.
Wir hatten in Ridgecrest in einem Diner ein richtig gutes Steak, wie man es nur in den USA kriegen kann, und fuhren los, immer die Landstraße lang Richtung Trona, das von seiner Borax-Minen lebt, durch leeres, ödes Land. Trona entpuppte sich so ziemlich als der Arsch der Welt mit klappernden Türen in verlassenen Häusern und Zaun um das Stück Land herum, als einziger Anhaltspunkt, wo Wüste endet und Garten beginnt.
Wir müssen tanken. Zwei Männer mit Bärten, einer in einer abgewetzten Latzhose vor uns an der Zapfsäule. Einer lehnt an seinem Pick-Up, sie unterhalten sich als hätten sie sich Jahre nicht mehr gesehen. Vielleicht haben sie das auch. Man glaubt, den Borax-Staub wie Patina in ihre gegerbte Gesichtshaut eingebacken zu sehen.
Die Boraxmine beherrscht alles auf der rechten Seite der Straße. Links die Hütten, Häuser, was auch immer. Fliegengittertüren baumeln quietschend in den Angeln. Warum landet man hier in Trona? Weil man hier geboren ist und es niemals geschafft hat, hier herauszukommen? Oder weil man vor irgendetwas weggelaufen ist, so weit man konnte, und weil es hier einfach nicht mehr weiter geht?
Aus der Stadt raus. Offenes Land. 
Die gebleichten Ebenen waren von zerwühltem Himmel überwölbt.
Das Unwetter hatte sich schon den ganzen Nachmittag über langsam aufgebaut. Schon kurz nach Mittag hatte ein aufkommender Wind erste Späherwolken in die blendend blaue Himmelsleere getrieben. Unauffällig; Krähen im Wind, kleine blinde Flecken im Auge der Sonne. Vor dem hohen Hintergrund aufgeschreckten, hastenden leichten Graus zogen jetzt tiefschwarze Wolkenbänke, die in ihren festen schnurgeraden Bahnen an riesige Erntemaschinen erinnerten, über die weite Wüstenebene, ließen Regenschleier in dunklen Bändern herabströmen, geduldig auf ihrem Weg die weite Fläche von Horizont zu Horizont abtastend. Wir fuhren sie Straße weiter, die allmählich zu einer zugewehten Piste wurde, immer die Bergkette zu unsrer Rechten; ein langer, bleicher Saum aus Stein bis zum Horizont hinter uns, ein langer, bleicher Saum aus Stein bis zum Horizont vor uns. Allmählich schob die dunkle Front sich darüber, und es kam ein lang sich dehnender Moment, wo Bergsaum und Wolkensaum zur Deckung kamen, wo Himmel und Erde, Berge und Wolken zu ins Negativ verkehrten Spiegelbilder  voneinander wurden. Der dunkle Wall dort oben, der bleiche Wall dort unten. 
Es sah sehr poetisch und sehr beängstigend aus. Wir wussten nicht, wie weit wir noch hatten.
Die Piste wurde schmaler und durchschnitt bergiges Gelände. Wir waren Stunden unterwegs und hatten keine Menschenseele gesehen. Die Felsen rückten näher heran, es dämmerte und wir mussten wegen der Verwehungen achtgeben, nicht von der Straße abzukommen. Von der auf der Karte angegebenen Abzweigung war keine Spur.
Als wir kurz anhielten und aus dem Auto kletterten stand das Dunkel vor uns wie eine Wand. Fahle Ränder, Abgrund blutete ins tiefe Blau. Die Luft knisterte und Fels knackte in der geladenen Atmosphäre. Was tun? Es wurde rasch dunkler. Die Nacht bricht hier in kürzester Zeit an. Wie lange noch? Hatten wir uns verirrt. Rechts ranfahren und im Auto übernachten, hoffen dass das Unwetter über uns hinweggeht?
Weiterfahren. Zwischen Felsen hindurch. War das noch eine Straße? Um einen Felsblock herum. Da kerbte eine Rinne quer die Landschaft. Eine Leitplanke. Das war die Abzweigung. 
Zwischen Felsen schlängelte sich die Piste, das Unwetter war jetzt hinter uns. Noch einmal um ein paar Felsknie herum, dann fiel die Straße ab, entwand sich der Umklammerung durch die Felsen. 
Und vor uns öffnete sich eine Ebene abwärts. Wir blickten weit über Wüstenland, durch die Neigung der Straße abwärts weiter als man es sonst könnte. Die Wüste lag wie eine weite, aufgespannte Fläche vor uns. Mitten hindurch, schnurgerade eine Straße. Die 190. Die Touri-Piste. 

Hinein und hinunter in die Wüste. Wo sollten wir schlafen? Hindurch? Auf der anderen Seite des Death Valley sollte irgendwo eine Stadt liegen. Konnten wir das schaffen? Oder sollten wir irgendwo im Auto am Straßenrand schlafen. Schnurgerade, endlose Straße, die das sich absenkende Land durchschneidet. Plötzlich mitten darin ein Meer von Lichtern. Unzählige blinkende Pünktchen in der Wüstenebene. Flackernd unter heißen Luftschichten.
Im Näherkommen erkennen wir ein Meer von Winnebagos, RVs, Truck, ein Feld von Campern. Ein Hotel am Rand. Wir fahren ran. Ein Hund lässt die Beine von der Ladefläche eines Station Wagon herabbaumeln und döst mit zuckenden Ohren in die Wüstennacht.
In dieser Nacht schlafen wir in einem Doppelbett mit Schnitzereien und den Hörnern von Longhorns auf dem Kopfende. Draußen singt jemand vor seinem Wohnwagen zu einer Gitarre .

Während der Fahrt im Auto habe ich diese Moleskin-Seite beschrieben und bezeichnet. Für die Leute, die immer fragen, woher man seine Ideen bekommt: Das war die erste Anregung, das waren die ersten Ideenfetzen zu „Hyperdrive“. Das waren die ersten Wurzeln. Daraus wurden die ersten Szenen. Bei der Überarbeitung zur Veröffentlichung landeten ausgerechnet sie auf dem Boden des Schneideraums. So ist das eben. Aber eine wunderbare Geschichte ist daraus gewachsen.
Dieser Tage geht die fünfte und vorletzte Episode an den Start.

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