4. Dezember 2012

Conan gegen Sauron


Conan gegen Sauron?
Nie im Leben!
So ein Szenario werden wir nicht sehen.


J.R.R Tolkien und Robert E. Howard, die Autoren von „Herr der Ringe“ und „Conan“ gelten als die Urväter des Genres. Obwohl sie in ihren Werken insofern nahe beieinander liegen, als sie Geschichten geschaffen haben, die in fiktiven Welten spielen, in denen es archaisch zugeht und Magie real existent ist, beide sogar so weit gehen, zu der Welt, in der ihre Geschichten angesiedelt sind, fiktive Historien zu schreiben, unterscheiden sich Mittelerde und das Hyborische Zeitalter doch fundamental voneinander. So sehr, dass man sagen kann, dass sie die beiden Seiten einer Münze definieren.
Nennen wir das, was Tolkien in seinen Büchern geschaffen hat „Epic Fantasy“. Tolkien stürtzt sich hierbei stark auf Mythen und Überlieferungen, ja, er hatte sich in den Kopf gesetzt mit seinem Werk einen britischen Mythos analog zum finnischen National-Epos, dem Kalevala zu erschaffen. Und so hört man die alten nordischen Mythen, die Sagas, die Edda, die Nibelungen durch die Seiten seiner Bücher rauschen.
Howard beschreibt ebenso eine Zeit, die im Dunkel der Mythen versunken ist, doch seine Helden stammen keineswegs aus alten Überlieferungen. Er findet die Vorbilder für seine Protagonisten unter die Arbeiter auf den Ölfeldern seines heimatlichen Texas, die Wanderarbeiter und Cowboys, harte, abgebrühte Kerle, von denen gewiss kaum einer gegen all das Böse in der Welt kämpfen wollte.
Robert E. Howard bediente verschiedene Genres, er schrieb Western, Horror, Boxer-, Detektiv- und Piratengeschichten. Seine Lieb galt aber der historischen Erzählung, doch konnte er in diesem Markt nicht Fuß fassen. Also hatte er die geniale Idee, seine eigenen historischen Erzählungen in ein fiktives Zeitalter zu verlegen und das Element des Phantastischen hinzuzufügen. Dadurch konnte er Pulp-Magazine wie „Weird Tales“ beliefern, wurde in der Folge mit seinen Conan-Geschichten bei den Lesern sehr populär und zog eine Spur von Nachahmern nach sich.
Seine Welten sind also nicht aus den Sagas und Mythen erwachsen sondern aus dem Western, der historischen Novelle und dem Kriminalroman.
Conan ist eher den Hauptfiguren aus Chandlers hard-boiled Crime Fiction verpflichtet als den Recken der nordischen Sagas. Charles Hoffmann prägte das Wort „Conan der Existenzialist“.
Können wir uns Phillip Marlowe vorstellen, wie er eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten um sich sammelt, um gegen das Böse in der Welt zu kämpfen?
Das von Howard geschaffene Genre Sword & Sorcery kann man also als den Dreckigeren, Realistischeren der Gebrüder Fantasy ansehen.
Lange Zeit wurde es durch die märchenhaften Epen in der Nachfolge Tolkiens verdrängt, wie Terry Brooks Shannara-Romane und die Werke anderer Epigonen. Doch in den letzten Jahren erlebt das Genre „Sword & Sorcery“ eine Renaissance. Es erscheinen Anthologien zu den Begründern des Genres, ihre Werke werden in Gesamtauflagen neu aufgelegt (wobei mir immer noch eine gute Gesamtausgabe von Fritz Leibers Erzählungen um Fafhrd und den Grauen Mauser fehlt). Außerdem startete eine ganze Welle von neuen Autoren, die die Fantasy erneuerten und starke Elemente der Sword & Sorcery einfließen lassen. Geschichten von ihnen finden sich folgerichtig auch in den neuen Anthologien zu diesem Genre.
Ein Satz hat mir in diesem Zusammenhang besonders gefallen. Er steht als Motto über dem Vorwort einer dieser Anthologien:
„Bitte geben Sie Ihren Dunklen Herrscher beim Pförtner ab.“
Conan käme nie auf die Idee gegen Sauron zu kämpfen. Eher würde er sich diskrer – oder weniger diskret – erkundigen, was denn im Sold des Herrn von Barad-Dûr so herausspringt. Er ist viel zu sehr damit beschäftigt, dem Leben das abzutrotzen, was er sich an Annehmlichkeiten wünscht – unter anderem genug Geld für Wein, um die Anfälle düsterer Melancholie darin zu ertränken.
An diesem Punkt wird sich vielleicht der eine oder andere Leser fragen, was das alles mit mir zu tun hat.
Zufällig lebt ein Roman, den ich geschrieben habe, die Trilogie „Ninragon“ von der Kollision dieser beiden Enden des Spektrums – Epic Fantasy trifft Sword & Sorcery.
Mein Protagonist Auric ist gewissermaßen ein Held, welcher der Sword & Sorcery entsprungen ist. Er ist zwar ein Barbar, aber wahrhaftig kein tumber. Er ist hochintelligent, gebildet und belesen. Man kann ihn auch als Kommentar auf Conan lesen. Er kämpft wie jeder gute Held der Sword & Sorcery um seine nackte Existenz und für seinen Lebenstraum. Nur ist seiner nicht der Thron eines Königreichs, so dass für ihn genug Reichtum abfällt, dass er seine Tage mit Wohlleben, Alkohol und schönen Frauen verbringen kann. Auric träumt von einem Leben als Gelehrter. Davor steht allerdings das Erbe seines Vaters, dass seinen Lebensweg immer wieder in martialische und gewalttätige Bahnen lenkt.
Leider erkennt dieser Held der Sword & Sorcery erst sehr spät, dass er immer mehr in das Szenario einer Epic Fantasy verstrickt wurde. Wie kann eine einzelner Mensch darin bestehen? Greift er den dunklen Herrscher an oder versucht er sich aus dem Staub zu machen, irgendwo eine Ecke zu finden, wo er sein Leben gemäß seinen Vorstellungen genießen kann?
Versucht er das Epic-Fantasy-Szenario und seine Rolle darin zu begreifen oder verschließt er die Augen davor?
Was würden wir an seiner Stelle tun?
Vielleicht würden wir uns erst einmal eine stille Ecke suchen und überdenken, wie wir unsere Rolle in diesem Szenario neu schreiben können. Wie wir unsere eigene Geschichte erfinden können. Wie wir uns selbst neu erschaffen können.
Eine große Bücherei kann dabei schon hilfreich sein. Und Zeit, viel Zeit. Und Vorstellungskraft und Willensstärke.
Wie kann die geschmiedet werden? Wie können wir unser Leben erschaffen?

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