13. August 2012

Kleine schwarzhaarige, krummbeinige Muse

„Woher kriegst du eigentlich deine Ideen?“ 
Das ist eine der Fragen, die einem Erzähler, egal in welchem Medium er tätig ist, wohl am meisten gestellt werden.
Es ist keine dumme Frage, es ist eine große Frage. Sie kommt einem Geschichtenerzähler manchmal vorschnell wie eine dumme Frage vor, denn es ist eine Frage, die sich jemandem aufdrängt, dessen Denken nicht in der Welt der Geschichten, von fiktiven Personen und ihren Handlungen, von Schauplätzen und Situationen, die Handlungen provozieren, zu Hause ist – für jemanden aber der eben ein Erzähler ist, ist dies alles so selbstverständlich, als würde man einen Fisch fragen: Sag mal, wie schwimmst du eigentlich? Oder: Na, wie lebt es sich so im Wasser? Der Fisch wie der Geschichtenerzähler würden beide antworten: Wie, was, welches Wasser?
Wenn es mir schon schwerfällt, dem Nicht-Eingeweihten zu erklären, woher die Ideen kommen, will ich zumindest etwas über die Umstände verraten. Und die verändern sich, je nach Geschichte oder Lebenssituation. Also muss ich spezifischer werden: Ich will etwas über die Umstände sagen, in denen mir Ideen in der Zeit kamen, als ich meinen ersten Post-Comic-Roman „Hyperdrive“ schrieb.
Die Struktur stand schnell fest. Es sollte eine Geschichte über drei Personen sein, die durch das Schicksal für kurze Zeit zueinandergetrieben wurden, deren Wege sich vereinten, verzweigten und dann wieder voneinander trennten. Drei sehr verschiedene Personen, die die Welt und die jeweiligen Situationen völlig unterschiedlich sahen und bewerteten, sich gegenseitig sehr unterschiedlich sahen, also eine kurzzeitige explosive und fragile Mischung.
Die Personen waren plötzlich da, nachdem diese Grundidee geboren war, von irgendwo, zwar nicht plötzlich aus dem Nichts, aber das ist eine andere Geschichte.
Die Personen diktierten die Grundstruktur des Plots. Dann kam ein Gegenspieler dazu, der kein Schurke war, sondern genau was das Wort sagte, eben ein Gegenspieler. Also, das Grundgerüst stand bald fest.
Aber längst nicht die Details des Plots, die Umstände, die Situationen. Es gab Ankerpunkte zwischen denen das Gewebe ausgefüllt werden wollte. 
Das ging soweit, dass es eine ausgedehnte Actionsequenz am Ende des Bandes gab, ein Showdown, eine Befreiungsaktion, von der ich an dem Tag, als ich begann, sie zu schreiben, nicht den blassesten Schimmer hatte, wie um alles auf der Welt meine Protagonisten diese unmögliche Tat bewerkstelligen sollten. Es wurde ein grandioses überlanges Kapitel, das einige meiner Testleser ihre Nachtruhe gekostet hat, weil sie die Geschichte einfach nicht mehr aus der Hand legen konnten. Wahrscheinlich kam das, weil auch ich als Schreiber bis zum Schluss atemlos gespannt war, wie die ganze Sache ausgehen würde. Es war eine wunderbare Erfahrung, dies zu schreiben, ein atemberaubend packender Balanceakt, ein Rausch und ein tranceartiges Agieren mit Rauch und Spiegeln.
Solche Erfahrungen waren es, die das Schreiben für mich zu einer Sucht machten.
In anderen Worten: Rock‘n‘Roll, Baby!
Wie ging das vor sich? Wie liefen diese Prozesse ab?
Ich war damals – bevor mich meine beiden hinreißenden Mädchen zwangen, das Spontane und das Improvisieren zu erlernen – immer ein sehr disziplinierter Arbeiter. Ich hatte meine festen Zeiten, zu denen ich am Arbeitstisch saß, ich hatte meine Rhythmen und Rituale.
Wenn ich an einem Schreibtag um 9.00 mein Laptop aufklappte, fing ich an zu schreiben.
Ich stand auf, ging ins Badezimmer, machte mich für den Tag fertig – und fing an über die Geschichte nachzudenken. Unter der Dusche hatte ich die ersten Schauplätze, Details, Dialogfetzen, Handlungsideen. Die wirbelten dann während des Frühstücks noch ein wenig im Kopf herum, und zu dem Zeitpunkt, an dem ich dann eben meinen Laptop aufklappte, war ich bereits so vollbetankt mit Brennstoff, dass ich sofort loslegen konnte.
Mittag. Der Schwung ebbt ab, das erste Feuerwerk war abgebrannt. Dann etwas gemeinsam mit meiner Frau essen.
Dann folgte die zweite Phase, in der die Ideen in meinen Geist gerufen wurden.
Mein Spaziergang mit Brian.
Brian ist eine Mischung zwischen einer französischen Bulldogge, seiner Mutter, und einem Toy-Pudel. Seine Brüder waren hässlich wie die Nacht, hatten krumme, kurze Beine, plattgedrückte Schnauzen und die Krause eines Pudels. Brian war die Ausnahme des Wurfs. Kurze, schwarze Haare, die Statur eines archetypischen Hundes als Grundform, unterkniehoch, Ringerbrustkorb und die krummen Rummelboxerbeine einer Bulldogge, der Kopf eines Pudels, nur ohne Kraushaar, die Schnauze kürzer und massiver durch den Bulldoggeneinfluss. Und – wenn Brian bellte, bebte die Fensterscheibe wie bei einem gut Subwoofer. Subwuffer, höh höh, he said it, like … – okay, geschenkt. Jedenfalls hat er richtig gebellt und nicht gejippt wie eine räudige Fußhupe.
Mit Brian ging ich Mittags spazieren, und während er über die Wiesen tobte, fielen mir die besten Sachen ein. Seine Unbekümmertheit und Lebensfreude lockte wahrscheinlich mein Unterbewusstsein auch auf leichtere Pfade. Zurück kam ich immer mit einem Sack voll Ideen für den Nachmittag.
Brian hat uns leider verlassen, kurz bevor wir dieses Haus verließen. Ich hab ihn im Arm gehalten und den Moment gespürt, als ihm sein Körper endgültig zu schwer wurde.
Ich vermisse ihn unsäglich. Obwohl er eigentlich immer bei mir ist.
(Jemand, der nie eine Hund gehabt hat, kann das wahrscheinlich nicht verstehen und findet das gar lächerlich.)
Brian war der beste Hunde der Welt und wird es bleiben.
Ich stelle mir vor, dass er über grünere Wiesen hoppelt und das Gras ihm dabei wunderbar der Bauch kitzelt.
Wahrscheinlich aber ist er unter die Piraten gegangen.

Brian stand ein kleines bisschen Pate für Ku Zwei in „Ninragon“.
Eine Leseprobe von Ninragon findet ihr hier:
„Krähen, zerfetztes Banner“ als Leseproben aus Ninragon 1: http://bit.ly/T8NJF4
„Das Herz der Zivilisation“ als Leseprobe aus Ninragon 2: http://bit.ly/MkCzIt,
„Im Feuer“ aus Ninragon 1: http://bit.ly/ORFmJv
„Drachenraunen“ aus Ninragon 1: http://bit.ly/NjGo2S
Zum Anlesen gibt‘s außerdem die obligatorischen Leseproben zum Runterladen auf Amazon 

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