27. August 2012

Alte Bekannte


Es ist eine Situation, die wohl jeder Schriftsteller einmal erlebt. 
Aus irgendeinem Anlass wird man mit einem alten Manuskript konfrontiert. Man muss darin etwas für eine neue Geschichte recherchieren, um die Kontinuität zu sichern. Man soll aufgrund einer Neuauflage irgendetwas dazu schreiben. Es fällt einem schlicht und ergreifend irgendwann in die Hand, man will nur einen Satz überfliegen und liest sich daran fest. 
Oder eine schon ältere, unpublizierte Geschichte soll nun doch einer Leserschaft präsentiert werden, und man muss sie Korrektur lesen bzw. ein letztes Mal durcharbeiten.
Dies bringt den Schreiber zwangsläufig in eine seltsame Situation: Man begegnet alten Bekannten.
In dieser Situation bin nun auch ich, da ich begonnen habe die letzte Fassung von Hyperdrive zu erstellen, die dann ins Lektorat gehen soll. Es geht mir dabei um eine letzte Korrektur, aber auch darum sicherzustellen, dass die Kontinuität einer Geschichte gewährleistet ist, die sehr früh geschrieben wurde, und deren Kosmos in die Vergangenheit hinein durch andere, später geschriebene Romane (und Romanentwürfe) um sehr viele Details erweitert wurde.
Auf dem Ausdruck, den ich dabei zu Rate ziehe, steht „Hyperdrive – Zweite Fassung. November 2007“. Das Ganze liegt also so weit zurück, dass eine gewisse Distanz zum Geschriebenen besteht.
Ich öffne also meine alte Scrivener-Datei, und ich fange an zu lesen.
Und sofort begegne ich alten Bekannten.
Dugan, Kaitar, SamB., die Charaktere, mit denen ich mich über lange Zeit so intensiv beschäftigt habe, treten mir wieder so lebhaft vor Augen, als wäre es gestern gewesen. 
Doch heute hat die Begegnung eine andere Qualität. Damals hatte man diese vage Ahnung, dieses Gefühl für die Person. Man ging mit ihr über die Straße, spürte ihre Art sich zu bewegen, durch Gassen zu schlendern, sich in einem Café auf einen Stuhl fallen zu lassen, Passanten zu beobachten, man strich sich mit ihrer Geste durch die Haare. Man fühlte ihren Groove. Aber man wusste nicht, was sie an einer bestimmten Stelle des Plots tun würden. Sie war ein Möglichkeitsraum, ein Schwerefeld von Optionen.
Ich war damals im Frühling dieser Charaktere.
Vor ein paar Tagen hatte ich einen schönen Dialog im Geäst des Twitter-Kontinuums (liebe Grüße, Sarah Reyl!), der mir Gelegenheit gab, den Frühling zu charakterisieren. Voller Ahnung, leicht aber noch nicht fertig. So könnte man auch mein Verhältnis zu den Charakteren während des Schreibprozesses charakterisieren.
Jetzt, beim erneuten Lesen des Manuskripts, traten sie mir plötzlich ganz und gar anders entgegen. Fest, solide, ausgeformt. Wirkliche Personen,wie ich ihnen auch in meinem täglichen Leben begegnen würde. Manche überraschten mich. Dass ich sie damals so geschrieben, so entworfen hatte. Die Hauptfiguren waren nach wie vor präsent, aber ich war von ihnen, wie sie mir im Geflecht der Worte entgegentraten, seltsam distanziert.
Und dann liest man sorgfältig, dann fasst man das Manuskript Zeile für Zeile kritisch ins Auge.
Und kommt in einen merkwürdigen Zwiespalt.
Man ist ein anderer geworden als der, welcher das damals geschrieben hat. Man hat sich als Schriftsteller verändert.
Man würde heute, wenn man das gleiche Thema angehen würde, anders schreiben.
Ich kann nicht einmal sagen, ob besser oder schlechter – auf jeden Fall aber anders.
Man spürt diesen Drang einzugreifen, das Ganze von Grund auf zu sezieren und wieder zusammenzusetzen und zu der Story zu machen, die der Schriftsteller schreiben würde, der man heute ist. Der hat aber nun einmal nicht diese Geschichte geschrieben.
Und dieses ist die merkwürdigste Begegnung mit einem alten Bekannten, die man während dieser ganzen Prozedur erlebt: die Begegnung mit dem Mensch und Schriftsteller, der man damals war.
Man ist nicht mehr dieser Mensch, und es wäre wie Betrug, diese Geschichte anzutasten und an ihr herumzuschustern. Jemand anders hat sie geschrieben. Ich habe nicht das Recht, ihm ins Handwerk zu pfuschen.
Es besteht eine merkwürdige Distanz, die ich wahren und respektieren sollte.
Natürlich war die Versuchung groß, jetzt, wo ich die Gelegenheit habe, noch einmal im großen Maßstab einzugreifen. Aber letztlich hat mich die Erinnerung an Poul Anderson und seinen Klassiker der Fantasy „The Broken Sword“ davor bewahrt. Er war in einer ähnlichen Situation und hatte sich damals entschieden, sein altes Werk vollkommen zu überarbeiten. 
Nun ja, ich bin nicht der Einzige, der wirklich dankbar ist, wenn eine Neuauflage des Romans, den Text der alten Version übernimmt. Im Bemühen, seinen alten Roman zu verbessern hat Poul Anderson ihm seine ganze ursprüngliche, wilde Dynamik, die brachiale, heidnische Wucht genommen. Er hat den Roman eingeebnet. Wo uns vorher ein markantes, schroff zerklüftetes Gebirge entgegentrat.
Ich habe mich also entschlossen, den Teufel zu tun, diesen Fehler zu wiederholen.
Dieses Buch wurde von einem jüngeren Selbst geschrieben. Es ist gut so, wie es ist. Ich respektiere dieses jüngere Selbst. Ich helfe ihm nur hier und da ein wenig, mit meiner Erfahrung den vorhandenen Text zu glätten. Ich tue das für ihn, was ein guter Radakteur tun würde. 
Punkt.
Ich empfehle Ihnen, ich empfehle euch also nun das Buch eines alten Bekannten zu Lektüre.
Es heißt „Hyperdrive“. Es wurde von jemandem geschrieben, über den Schlechtes zu sagen ich mich hüten sollte, denn ich stehe in seiner Schuld.
Es ist ein ziemlicher Trümmer. Will meinen, es hat gehörig Überlänge. Es ist eine lange Geschichte. Mein alter Bekannter hatte damals viel zu erzählen. 
Daher wird es auch bald als eBook in sechs Teilen erscheinen.
Ich wünsche Ihnen, ich wünsche euch, meine Damen und Herren, Jungs und Mädels, Dudes und Dudesses, viel Spaß beim Lesen dieses Buches.

Howdy!
See you on the Range.

Horus

P.S.:
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Zum Anlesen von „Ninragon“ gibt‘s außer den obligatorischen Leseproben zum Runterladen auf Amazon 
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