31. Juli 2012

Warum Romane? (Teil 2)

Fassen wir also zusammen: Ich habe meinen letzten Comic „Post Mortem Blues“ abgeschlossen, plane mein nächstes Projekt, das endlich 1.) wieder einmal ein Science Fiction 2.) eine komplexe Geschichte, die den Namen Roman verdient, sein soll, und wenn ich dabei an die realen Gegebenheiten meines Mediums, des Comics, denke, habe ich schon jetzt, in der Proto-Planungsphase eine Menge Probleme am Hals.


Neben all diesen konkreten formalen und anderen Problemen, machte sich, je mehr ich darüber nachdachte, vor allem das Grauen vor einem ganz besonders gefürchteten Schreckgespenst in mit breit – dem kreativen Tinnitus.
Und ich kannte den kreativen Tinnitus von langen Comic-Projekten nur allzu gut.
Du hast die Geschichte geschrieben, die Layouts und Skizzen gemacht, und jetzt geht es darum das Ganze zu zeichnen. Das Exekutieren. Die Gräben.
Und während du die Geschichte, die für dich eigentlich schon längst abgearbeitet ist, runter malochst, entwickeln sich völlig ungerufen ganze Schwärme von neuen Story-Ideen in deinem Kopf. Die du natürlich alle nicht realisieren kannst, bevor diese eine Story, an der du gerade schuftest, abgearbeitet ist. Und diese Ideen machen dich Tag für Tag immer ungeduldiger mit dem Zeichnen deiner jetzigen Story.
Stories schreiben war für mich immer das Wichtige. Der Rest musste nur richtig aussehen. Zum Zeichnen stand ich immer mehr wie der Gitarrist in einer Band, der schließlich nur deshalb singst, weil sonst keiner seine Songs richtig rüberbringt.
Und dann schaute ich mir im Geist mein geplantes Projekt „Hyperdrive“ an. Stellte mir vor, wie lange es nach dem eigentlichen Schreiben dauern würde, bis ich wieder eine neue Story machen könnte. Wie lange ich zeichnen und nach etwas Neuem, Frischen hungern würde.
Ich stellte mir vor, wie sehr mich das verrückt machen würde, dass ich all die ungebetenen neuen Ideen, den Auswurf meines kreativen Tinnitus für unabsehbar lange Zeit würde zurückstellen müssen.
Ich tigerte an meinem Comic-Regal vorbei und ein mahnendes Beispiel glotzte mich an: Cerebus, von Dave Simm – die ganze Reihe der fetten Bände. Ich rief mir ins Gedächtnis, wie wenig die Plackerei an diesen Mammut-Werk dessen geistiger Gesundheit zuträglich gewesen war und was für eine (in seinen eigenen Vorworten und Editorials wohl dokumentierte) Fron es ihm abgefordert hatte.
Und „Hyperdrive“ würde ein Mammut-Werk werden. Nach literarischen Maßstäben war es nur ein normaler Roman, aber übertragen in mein Medium, den Comic, war es ein Mammut-Werk.
Es folgte eine Zeit, in der ich ruhelos durchs Haus tigerte und wirre Sachen vor mich hin murmelte. Bis ich dann entdeckte, dass ich sie nicht nur vor mich hin murmelte sondern auch unbewusst andere damit volltextete. Und verwirrte Gesichter erntete. Also vor allem eins. Das meiner Frau Kirsten. Schließlich wandelte sich ihre Mimik in ungeduldig, dann in entschlossen.
Zu diesem Zeitpunkt nahm sie mich dann beiseite.
„Du erzählst doch schon seit Jahren, du wolltest irgendwann ein Buch schreiben“, sagte sie. „Du liebst doch Bücher.“ Womit sie verdammt noch mal recht hatte. Kennen Sie die Zalando-Werbung? Das bin ich, nur mit Büchern. Hatte ich das schon erwähnt? „Dann setz dich doch hin und schreib eines!“ So schloss sie. Und ließ mich stehen.
Ich stand da, überlegte und dachte mir: Ja, sie hat recht. Was hast du schon zu verlieren? 100% kreatives Geschichtenweben, 0% in die Gräben und zeichnerisch exekutieren. Eigentlich eine tolle Sache. Also setz dich hin und versuch es.
Dann kamen die Zweifel.
Schreiben? Ein neues Medium?
Noch mal von vorne anfangen, die ganze Ochsentour?
Bis mir klar wurde, was ich eigentlich dachte: Das geht doch nicht.
Was bei mir immer folgende Frage provoziert: Wieso geht das nicht?
Und ob das geht, stapfte ich los in mein Zimmer. Word geöffnet. Neues Dokument. Ich werde zeigen, dass das geht.
Und so habe ich mich hingesetzt und geschrieben. 
Und nach einiger Zeit entdeckte ich, dass ich so was auf Strom und Euphorie lief. Das ich nichts anderes mehr machen wollte.
Eine der allerersten, wenn nicht sogar DIE erste zusammenhängende Szenen, die ich geschrieben habe, war folgende:


Es war auf Kronos gewesen, am Tag nachdem Dodo seinen Jagdunfall gehabt hatte.
Wie ein dunkler, aber dennoch für seine Umgebung unsichtbarer Schatten hatte die Namensgleichheit mit dem sprichwörtlichen ausgestorbenen Vogel über ihm gehangen; denn wer immer als Erster Dominik Domanczik zu Dodo verkürzt hatte, ihm war gewiss die Signifikanz entgangen, vermutete Samantha, ebenso wie all den anderen aus seinen Kreisen, die den Namen danach aufgegriffen und wahrscheinlich ebenso gedankenlos auf der Zunge geführt hatten. Doch egal ob bemerkt oder unbemerkt, dieses Omen hatte ihn jetzt letztlich eingeholt.
Samantha Bergstrom war als Letzte zu dem einberufenen Treffen in dem schummrig beleuchteten Hinterzimmer des Kronos Midian gekommen. Es war ihr auch egal. Nach dem Eindruck, den die Gesellschaft auf sie machte, hätte sie, wenn sie eine viertel Stunde früher gekommen wäre, auch nichts daran geändert. Oder eine ganze, oder zwei. Diese Gesellschaft hier tagte schon eine ganze Weile länger in den Räumen des Nobelhotels.
Da saßen sie zwischen wuchtigen Tragepfeilern aus rötlich rauem Stein, welche die niedrige Decke trugen, und üppigen Fettpflanzen, eine Bande von Kopfschlächtern in Anzügen, ein Minister und ein Staatssekretär darunter. Grossi, der auf der äußeren Kante der Bank saß, damit er es bei seiner Leibesfülle bequemer hatte, schlüpfte unter der Tischplatte heraus, kam auf sie zu und legte ihr den Arm um die Schulter.
„Hallo, Samantha, mein Mädchen, alles klar?“
Sie verbiss sich eine Antwort darauf, denn die konnte bei ihrer augenblicklichen Stimmung nur ehrlich ausfallen.
Grossi führte sie zum Tisch, wo auf einen Wink von ihm einer der Männer ein Glas großzügig überschäumend mit Gothand-Champagner füllte und ihr anbot.
„Wie geht es dir? Besser als Dodo, möchte ich wetten.“
Einer der Männer am Tisch warf sich weg vor Lachen, erntete dafür aber, wie sie bemerkte, von niemandem einen strafenden Blick. Samantha setzte sich, sagte gar nichts und stellte das nicht angerührte Glas mit sprödem Klicken auf der Tischplatte ab. Erst einmal kommen lassen. Man war offensichtlich ausgezeichneter Laune, und einige Gläser Champagner – für die Kopfschlächter, nicht für sie – und ein paar derbe Späße mit dem Unterhaltungswert vom Himmel fallender Meteoritenbrocken später kam Grossi endlich zur Sache.
„Traurige Angelegenheit, Samantha, mein Mädchen, das mit Dodo. Du hast, höre ich von den Jungs, die meisten deiner Geschäfte mit ihm durchgezogen.“ 
Wenn Grossi das erst von den Jungs hören musste, litt er neuerdings unter Demenz; wenn es einer wissen sollte, dann war er es. 
„Ist ’ne schwierige Situation für dich – wie für uns alle natürlich.“ Grossi seufzte theatralisch, nutzte die Kunstpause dazu, ihr das Knie zu tätscheln. „Wir haben darüber gesprochen, ich und die Jungs. Du bist ein properes Mädchen und du weißt, wie das Geschäft läuft. Wir meinen“, und er warf einen zufrieden satten Blick in die Runde, „dass du die Geschäfte, die du vorher über Dodo laufen hattest, genauso gut mit Popesku durchziehen kannst. Kein Verlust für dich, glatter Übergang; wie sagt man so schön auf Merkanin: under new Management.“
„Und das neue Management weiß deine Waren genauso zu schätzen wie Dodo, vielleicht noch mehr,“ sagte der, der sich eben noch weggeschmissen hatte – Popesku hieß er also –, auch jetzt ein Grinsen um die Mundwinkel und einen anzüglich schmierigen Blick in den Augen.
Samantha schwieg eine Sekunde, langte dann über den Tisch nach Popeskus goldenem Zigarettenetui, nahm sich eine heraus, knickte sie mit betonter Bedächtigkeit durch und steckte sie sich dann mit schlaff herabbaumelndem Ende zwischen die Lippen, drehte sich zur Seite und meinte: „Grossi, sei ein Schatz, bestell mir mal was Stärkeres. Die Kippen hier gleichen jedenfalls für meinen Geschmack allzu sehr ihrem Besitzer: Haben an entscheidenden Stellen einen Hänger und der Rest scheint mir auch ziemlich flau und abgeschmackt.“ 
Sich wieder umdrehend blickte sie in Popeskus jetzt puterrotes Bluthochdruckgesicht. Der Mann neben Popesku drängte sich aus der Tischecke raus, gab sich den Anschein, als müsste er unglaublich dringend Wasser abschlagen. Anscheinend war er um seine Gesundheit besorgt, sollte der bei ihm entgegen jedem Unterdrückungsversuch hartnäckig hochkochende Heiterkeitsausbruch schließlich doch zum Ausbruch kommen. Wahrscheinlich glaubte er nicht bei Popesku auf die gleiche duldsame Toleranz gegenüber zweifelhaftem Humor rechnen zu können, den man zuvor ihm selbst gegenüber an den Tag gelegt hatte. 
Es gab Durcheinander am Tisch, alle mussten aufstehen um ihn herauszulassen, böse Blicke wurden gewechselt. Auch Samantha stand mit allen anderen auf, obwohl sie als Letzte in der Reihe neben Grossi gar nicht hätte rücken müssen. Nur Grossi selber blieb sitzen an seiner Tischecke, die Beine bequem herausgestreckt, schaute sich die Sache an. 
Samantha drängte sich vor Popesku, stand vor ihm und blockierte sein Wiedereinrücken. Die anderen wurden schon unruhig deswegen. Entweder mussten sie alle ebenfalls stehen bleiben oder die Sitzordnung wäre durcheinander geraten. Sie machten sich schließlich, als die beiden keine Anstalten sich zu rühren erkennen ließen, doch zögernd daran einzurücken. 
Samantha legte den Kopf in den Nacken, blickte mit interessiertem Gesichtsausdruck in Popeskus gelb-wässrige Augen und fragte: „Du hast Verbindungen zum Pharmahandel? Wusste ich gar nicht. Wenn du so gute wie Dodo hast, kann mir das natürlich nützlich sein. Auch wenn sie besser sind als die, die ich durch Dodo in den letzten Jahren schon selber geknüpft habe. Wenn nicht, habe ich mit dem Deal, der mir hier vorgeschlagen wird, nichts gewonnen sondern nur eine lästige Verbindung zu einem weiteren Zwischenhändler mehr am Hals.“
„Vor allem hast du mit dem Deal Verbindung zur Reinen Milch. Ich bin reine Milch.“ 
Ach ja, natürlich wieder diese Reine-Milch-Sache. Seit sie auf Kronos war, ging ihr dieser ganze Quatsch mit der Marani-freien Blutlinie und dem chauvinistischen Ehrenkram, der daran hing, gewaltig auf die Nerven. 
„Niemand wird mit dir Geschäfte machen, wenn nicht ein Patron der Reinen Milch seine Hände darüber hält, zumindest nicht, wenn er was auf seine Gesundheit hält.“
„Aber wir kennen uns doch alle. Wir machen schon lange miteinander Geschäfte. Ihr alle haltet die Hand über das, was ich tue?“ Sie ließ ein Pfund Butter über das Lächeln in ihrer Stimme träufeln. Grossi seufzte schwer. Sie stellte sich dumm und alle wussten es, aber sie wollte es hören, sie wollte, dass einer von ihnen es, verdammt noch mal, endlich aussprach.
Grossi war derjenige. „Kindchen, setz dich wieder hin: Du weißt, wie es läuft. Du bist nicht Reine Milch, und du bist eine Frau. Schau dich um! Wie viel Frauen siehst du hier in dieser Runde? Wie viele Frauen kennst du überhaupt, die hier auf Kronos länger als eine Woche Geschäfte machen? Und die man danach auch wieder sieht. Du brauchst einen Hirten, du brauchst einen Namen, unter dem du läufst.“
„Das heißt, ihr habt Dodos Hinterlassenschaft schon sauber unter euch aufgeteilt; nur ich bin noch übrig, und mich habt ihr euch zum Dessert übrig gelassen. Wer hat denn Dodos Dobermann gekriegt?“
Popesku trat noch ein wenig näher an sie heran. Er grinste breit.
„He, Mädchen, Domani-Chick, hab dich nicht so. Was ist daran so schlimm? Unter meiner Hand hat sich noch keine beschwert.“ 
Sagte es und – dafür musste er sich leicht herabbeugen – legte ihr die offene Hand in den Schritt. Sie trat nicht zurück, sackte auch nicht, wie er es vielleicht erwartet hatte, der Hand ausweichend zusammen, sondern blickte ihm, seine Hand in ihrem Schritt, ungerührt in die Augen, die jetzt auf gleicher Höhe mit ihren waren.
Und drosch ihm mit Kraft eins auf die Nase. Knirschen unter ihrer Faust.
Jetzt erst trat sie einen Schritt zurück, um ihm Platz zum Fallen zu geben und dem Blut auszuweichen, das zwischen Popeskus Händen hervorsprudelte. Sie drehte sich auf dem Absatz um, während alle bis auf Grossi an dem Tisch aufsprangen, und warf im Weggehen einen Blick über die Schulter.
„Machte auf mich den Eindruck, als hätte er nach Cochones gesucht. Dem Mann konnte geholfen werden.“
Sie war die Jungenspiele bis zum Erbrechen leid.

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