12. Juli 2012

Der Gerät

Seit der erste Band von „Ninragon“ als eBook erschienen ist, habe ich immer wieder Sätze gehört wie: „Mehr als 400 Seiten auf dem Bildschirm lesen?“ oder generell „Ich hasse es längere Texte auf dem Monitor zu lesen.“
Nicht, dass ich dies nicht erwartet hätte oder dass ich mit solchen Aussagen nichts anfangen könnte. Mir ging es vor gar nicht allzu langer Zeit ähnlich. 
Hier gilt es Aufklärungsarbeit zu leisten.
Denn, wisset, in mir spricht zu euch der zum Paulus bekehrte Saulus.
Erstens: Ein eBook lesen, heißt nicht (nicht unbedingt, nicht im Idealfall), etwas auf dem Bildschirm zu lesen sondern auf dem Kindle. Und das, meine Damen und Herren, Jungs und Mädels, Dudes und Dudesses, ist eine komplett andere Nummer.
Zu Anfang aber ein Bekenntnis: Ich bin ein absoluter Buch-Fetischist
Stellt euch die Zalando-Werbung mit Büchern statt mit Schuhen vor. 
Das bin ich.
Ich liebe es, ein Buch auszupacken, es zum ersten Mal in der Hand zu halten, die Finger über das Cover und den Rücken gleiten zu lassen (die hoffentlich mattiert sind, mattierte Cover sind ein Genuss!), es aufzuschlagen, den Innentitel (Schmutztitel, was für ein hässliches Wort für so etwas Wunderbares) zu betrachten, das Inhaltsverzeichnis (hier zeigt sich schon die erste Verheißung der Struktur des Buches), das erste Kapitel mitsamt der Typo, den Geruch von Papier und frischer Druckerschwärze zu atmen, es dann noch einmal wohlwollend abwägend in die Hand zu nehmen, das Gewicht zu spüren, seinen Körper. Wunderbar!
You get the picture.
Von manchen meiner Lieblingsbücher habe ich sogar mehrere Ausgaben.
Von manchen Büchern, die ich gelesen habe, habe ich allerdings auch gar keine feste Ausgabe mehr.
Warum? Weil die Gestaltung lieblos ist, das Titelbild nicht besonders schmückend, weil so was einfach nicht in meinem Regal stehen muss, neben all den schönen Büchern, die ich so sehr liebe. Manche davon finde ich als Text mittelmäßig, manche aber auch großartig.
Auch ein Grund, diese nur als eBook zu haben. Weil der Text, das eigentliche Buch so gut ist, dass die lieblos gemachte physische Ausgabe ihn quasi entweihen würde.
Stopp! Halt! Film zurück auf Weihnachten 2012.
Weihnachtsbaum, zwei verzückte, überglückliche Mädchen, Berge von zerknülltem Geschenkpapier, endlich darf ich auch mein erstes Geschenk auspacken.
Auspack, auspack, Schachtel drin, Schachtel aufmachen. Da liegt er vor mir: ein Kindle.
Ein Kindle?
Ja, ich hatte eBooks schon vorher erwähnt, weil sie mich angesprungen hatten, in Form von Meldungen, Blogpost etc. Ja, ich hatte daher auch immer wieder über einen Kindle gesprochen. Jetzt lag er da. Mein Weihnachtsgeschenk. Ich freue mich über alles, was meine Frau mir schenkt, denn ich weiß, es kommt mit viel Liebe und aus einem großen Herzen. Meist auch aus großer Weisheit. (Schließlich hat sie mir ein paar Tritte in den Hinterschinken geschenkt, die mich dazu brachten, mit dem Schreiben von Romanen anzufangen.) Vielleicht auch diesmal.
Ein Kindle. Bin ich wirklich schon bereit dafür. Das Gefühl eines Buches in der Hand aufzugeben, den Geruch, das Haptische?
Weihnachtstag 2, die Tage „zwischen den Jahren“.
Ich schleiche um den Kindle herum, wie ein Hund um einen neuen Quietscheknochen.
Tolles Teil, liegt schlank in der Hand. Und so leicht. Wow, den auf Reisen mitnehmen, und du hast eine ganze Bibliothek bei dir. Und blockierst keinen halben Koffer mehr mit den Büchern, die du lesen willst. Und denen, die du einfach unbedingt bei dir in deiner Nähe haben musst. 
Fühlt sich gut an. Sexy.
Ich lade ein paar Bücher runter. Viele gibt‘s auch kostenlos. Fange an zu lesen, entdecke die Möglichkeiten.
Liege auf dem Sofa, den Kindle in der Hand, ganz schlank und leicht und elegant; ein ganz neues Lesegefühl. Und das hat nichts mit dem Lesen auf einem Bildschirm zu tun. E-Ink ist großartig, das ist wie etwas Gedrucktes, keine Hintergrundbeleuchtung. Das kannst du auch in der grellsten Sonne lesen. Genau wie ein Buch. Nein, besser als ein Buch. Denn beim Buch blendet das Papier, hier aber ist der Hintergrund angenehm matt.
Ich lese also mein erstes Buch auf dem Kindle. Dann mein zweites Buch.
Das nächste Buch, das ich lesen will, habe ich schon in meinem Arbeitszimmer im Regal stehen. Ganz physisch, ein Print-Exemplar. Schönes Buch.
Als nächstes also wieder ein echtes physisches Buch? Ich nehme es in die Hand, schlage es auf, blättere herum.
Ich bestelle mir die Kindle-Ausgabe von diesem Buch. Ganz schnell, ganz bequem. Ich gehe mit meinem Kindle in den Amazon-Shop, klicke das Buch an, und Sekunden später ist es auf meinem Gerät.
Wow.
Ich habe also dieses Buch auch auf dem Kindle gelesen. Und das nächste, und das nächste.
Weil der Kindle so schön und leicht in der Hand liegt. Weil es ein tolles Gefühl ist, mit dem Kindle auf dem Sofa zu liegen und zu lesen. Oder im Bett.
Und obwohl das Buch ein echter Trümmer ist, mit über 1.000 Seiten (Justin Cronin, „Der Übergang“), kann ich es ganz leicht und ohne Mühe in einer Hand halten, muss nichts umbiegen, gerate nicht in Gefahr, dass mir der Trümmer aus der Hand fällt oder beim Einschlafen aufs Gesicht.
Und keine schlechten Ausgaben verpesten mir den immer rarer werdenden Regalplatz. Oder schlechte Texte. Denn man weiß ja nie, ob das Buch was taugt, bevor man es gelesen hat.
Ich lese das Buch also auf dem Kindle, und wenn ich es richtig gut finde, dann kaufe ich mir die Print-Version. In einer richtig schönen Ausgabe, meist der Originalausgabe. Oder deutscher plus Originalausgabe, wenn ich das Buch wirklich sehr mag. Das kann ich dann immer wieder hervorziehen und darin blättern und schmökern. Oder ich finde es ganz zufällig wieder, wenn ich an den Regalen vorbeistreife. Wie einen alten Freund.
Für mich schließt das eine, das andere nicht aus.
Es ist, die Art, wie man damit umgeht.
Der Kindle, eBooks sind für mich eine wunderbare Bereicherung. Ich möchte nicht mehr ohne sein. Und ich bin noch immer Buch-Fetischist.
Die beste Idee zum Aufkommen des eBooks, der ich bisher begegnet bin, ist für mich das Hardcover-Plus. Ein paar Verlage haben sich dafür zusammengetan. Man kauft eine schön aufgemachte gebundene Ausgabe und erhält dazu einen Code, mit dem man sich das dazugehörige eBook auf den Reader holen kann. 
Das Buch im Regal, zum Lesen in Bus oder Bahn das eBook auf dem Kindle. So kriegt das Buch auch keine Knicke und Knitter. 
Das ist die Zukunft.
Wir schaffen nicht die Bücher ab, wir gewinnen dem Umgang mit ihnen nur eine andere Dimension ab.
Lesen auf dem Bildschirm? Das war gestern.

Und was macht der, der keinen Kindle hat? 
a) Ein Kindle ist billig. Man kriegt viel für sein Geld. Holt euch einen!
b) eBooks auf anderen Geräten lesen. Das geht nämlich entgegen der landläufigen Meinung ohne Probleme. Mobil-Telefon, Tablet, iPhone, iPad, PC, Mac (meinetwegen auf dem Bildschirm, aber wirklich… tut euch den Gefallen und holt euch so ein schlankes, sexy Teil), alles geht. Man muss sich nur gratis die Lese-App bei Amazon für das jeweilige Gerät runterladen. Das geht blitzschnell und problemlos. Und danach kann man jedes Kindle-eBook lesen. Was eine große Bereicherung darstellt. Die Auswahl ist gewaltig.
Und was machen die, die auf die Angebote der Konkurrenz hereingefallen sind und sich vielleicht zum Beispiel diesen noch spottbilligeren Reader gekauft haben? Na ja, vielleicht reicht euch ja das relativ schmale Angebot an eBooks für diese Geräte. Ich will jedenfalls nicht nur die paar Bücher von den Bestseller-Massentischen ganz vorn im Eingang der Buchhandlung lesen. Auf einigen der anderen Reader laufen auch mobi-Formate, also Kindle-eBooks, Glück gehabt. Ansonsten: Holt auch einen anständigen Reader und lest mehr als den neuesten Dan Brown und irgendwelche Angebote und Sonderausgaben. Entdeckt die ganze Welt der Literatur und lasst euch nicht in eurem Geschmack gängeln!
Ach, und übrigens, ich werde für das hier nicht bezahlt. Es ist meine ganz, ganz ehrliche Meinung. Und etwas anderes werdet ihr von mir nicht hören.
Ich liebe Bücher. 
Und ich liebe meinen Kindle.

Howdy!
See you on the Range.

Horus

Kommentare:

  1. *lol* Das paßt! Heute Mittag habe ich einen Kindle bekommen. Das mit WLAN funzt zwar nicht aber man kann die Sachen ja auch auf den Rechner runterladen und dann aufs Gerät schieben - was ich auch gleich mit Ninragon gemacht habe. Und wie kommt ein erzkonservativer Papierliebhaber wie ich dazu? Nun, kein Platz mehr in der Bude, auf Dauer dürfte es günstiger sein, ist praktisch für unterwegs, ich kann das Teil meiner Mutter ausleihen wenn sie im Süden überwintert - und wenn sich der Horus in ihn verliebt hat, dann kann der Kindle nicht schlecht sein ;)
    Greets!

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  2. Gesegnet sei sein Eingang und sein Ausgang. Den fürwahr, ich sage euch …

    Greets back, Geier!
    Analog rockt noch immer. Digital aber auch.
    Viel Spaß beim Lesen.

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